Lucerne Festival: Weg mit der Konvention! Oder lieber doch nicht?Die Berliner Philharmoniker, das Orchester der New Yorker Met und die Jahrhundertpianistin Martha Argerich: Am Lucerne Festival kommt es zum Künstlergipfel. Nur einige Programme halten da nicht mit.02.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenMartha Argerich als Solistin in Beethovens 2. Klavierkonzert mit den Münchner Philharmonikern unter der Leitung von Lahav Shani.Priska Ketterer / Lucerne FestivalWie war das noch? Festspiele, so sagen es die Verantwortlichen gern, sollten das Aussergewöhnliche bieten: Veranstaltungen, Programme, Werke, die man so nur bei ihnen bekomme, unter den einmaligen Rahmenbedingungen eines Festivals – keinesfalls aber im Repertoirebetrieb, der während des übrigen Jahres für die kulturelle Grundversorgung zuständig sei. So lautete einmal die Theorie, und sie hat im klassischen Musikbereich erstaunlich lange funktioniert: Salzburg, Bayreuth, Aix und Luzern gaben im Verbund mit einigen weiteren Orten die Massstäbe vor, sie krönten Karrieren, setzten Trends und Moden. Doch dieses Monopol wackelt seit etwa einem Jahrzehnt immer mehr.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Kampf um das Publikum, das nicht mehr wie selbstverständlich kommt, sondern für jedes einzelne Projekt gewonnen werden will, entwickeln etliche Konzert- und Opernhäuser inzwischen Spielpläne, die manches Festivalprogramm altbacken aussehen lassen. Da werden Routinen aufgebrochen, vergessene Werke ausgegraben oder neue in Auftrag gegeben, und vielerorts gelingt es immer besser, mit unkonventionellen Formaten auch jüngere Besucherschichten anzulocken. Was aber geschieht, wenn ausgerechnet ein Spitzenensemble alle Bemühungen ignoriert und ein Programm anbietet, das in jeder Hinsicht nach Vergangenheit klingt?Weil man es kannBeim jüngsten Gastspiel der Berliner Philharmoniker am Lucerne Festival konnte man es beobachten. Tschaikowskys 4. Sinfonie mit den «Enigma Variations» von Edward Elgar zu kombinieren, ist weder ein Wagnis noch sonderlich originell, man kann dergleichen auch in regulären Sinfoniekonzerten hören, etwa in der Tonhalle. Obendrein verweigert es fast schon boshaft jeden Bezug zum Leitthema der Luzerner Festspiele, die diesen Sommer eigentlich von einem besseren Amerika träumen wollen. Was also bezwecken das deutsche Vorzeigeensemble und sein Chefdirigent Kirill Petrenko damit?Vielleicht ist das Ganze als Machtdemonstration zu verstehen: dass ein Orchester dieses Ranges eben selbst bei Standardwerken weiterhin die Standards zu setzen vermag und daher bewusst auf Experimente oder digitalen Firlefanz verzichtet – eben, weil man es kann. Sollte es so gemeint sein, wäre das immerhin eine Ansage, wenn auch eine arg elitäre. Sympathischer wirkt jedenfalls das zweite Gastkonzert der Berliner im KKL, weil es hier eine reizvolle Spannung zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten gibt, was das Orchester zugleich deutlich mehr aus der vielbeschworenen Komfortzone lockt.Kirill Petrenko ist seit 2019 Chefdirigent und künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker.Chris ChristodoulouDenn neben dem Violinkonzert von Beethoven, das live immer ein besonderes Ereignis ist – zumal hier dank dem feinfühligen Solisten Augustin Hadelich –, wagen sich Petrenko und die Seinen an Alexander Skrjabins 3. Sinfonie. Das Werk mit dem Beinamen «Le Divin Poème» wird selten gespielt, es ist sogar die Luzerner Erstaufführung dieses typischen Jahrhundertwende-Stücks. Darin wird nicht nur berauschend musiziert, sondern ebenso rauschhaft philosophiert. Im Zeichen von Nietzsche geht es um die Selbstwerdung des Ichs, das nach allerlei inneren Kämpfen jede Metaphysik überwindet und sich, befreit, selbst zum «Gott» seines Seins erklärt. Ein heiliger Schmarrn, aber faszinierende, unglaublich farbenreiche Musik, die ihr Schattendasein nicht verdient hat.Petrenko, der Sound- und Detailtüftler unter den Dirigenten, lässt die Musik scheinbar ganz aus sich selbst sprechen – eine kluge Strategie, denn bei derartigen Geistes- und Klang-Ekstasen braucht es nicht noch zusätzliche Entäusserungen am Dirigentenpult. Mit einem ähnlich kontrollierten Ansatz hatte schon Riccardo Chailly die Musik des Skrjabin-Zeitgenossen Sergei Rachmaninow bei seiner Luzerner Werkschau von allen Schlacken befreit und auf ihren melodischen Glutkern zurückgeführt. Eine vergleichbar eindrucksvolle Ehrenrettung gelingt Petrenko nun hier.«Make music as friends»Das Besondere und Einzigartige, das Festspiele bieten wollen (und müssen), sollte sich freilich nicht bloss auf einzelne interpretatorische Highlights erstrecken, sondern idealerweise auf ganze Abende. Bisher gab es diesen Sommer noch nicht allzu viele davon in Luzern. Wie es gehen kann, zeigt Yannick Nézet-Séguin mit dem Orchester der Metropolitan Opera New York.Es ist das erste Gastspiel des Met-Orchesters im KKL seit 24 Jahren. Und man staunt nicht schlecht über das ausserordentliche Niveau, mehr noch aber über die menschliche Wärme dieses Musizierens, das so gar nichts vom oft kühlen Präzisionsfanatismus anderer amerikanischer Spitzenorchester hat. Stattdessen erinnert es an Leonard Bernsteins Losung «Let’s make music as friends», die bis heute auch den Geist des Luzerner Festivalorchesters prägt. Kein Wunder, dass Nézet-Séguin dort zu den bevorzugten Gastdirigenten (und möglichen Chailly-Nachfolgern) gehört.Charismatiker auf Bernsteins Spuren: Yannick Nézet-Séguin mit der Gesangssolistin Joyce DiDonato (rechts) und Mitgliedern des Met-Orchesters beim Schlussapplaus im KKL.Manuela Jans / Lucerne FestivalMit den eigenen Leuten gestaltet er ein stimmiges Programm, das der Frage nachspürt, ob da oben in den unendlichen Weiten nicht doch etwas ist, das dem ganzen Theater hienieden einen Sinn verleiht? Den Ton setzt die amerikanische Komponistin Missy Mazzoli mit ihrer «Sinfonia (for Orbiting Spheres)», die dank dem Einsatz von acht Mundharmonikas angemessen unirdisch tönt. Den Zielpunkt bildet die durch und durch doppelbödige Paradies-Vision der 4. Sinfonie von Gustav Mahler. Auf dem Weg dahin durchmisst die Mezzosopranistin Joyce DiDonato mit dessen Rückert-Liedern auch die Untiefen der menschlichen Sphäre – einige hörbare Probleme in der Höhe eingeschlossen.Doch die fast symbiotische Innigkeit, mit der hier eins ins andere greift, macht dies schnell vergessen. Nézet-Séguin ist ein Meister darin, jedes Detail der überreichen Partituren zu gestalten, ohne darüber das viel Wichtigere zu vergessen, nämlich: die Musik stets frei und organisch atmen zu lassen. Den langsamen Satz der Vierten, in dem die Zeit gleichsam stehenbleibt, hat man lange nicht so beseelt gehört.Wer kann danach noch kommen? Eigentlich nur eine: Martha Argerich. Die Klavierlegende gab sich am Montag die Ehre mit den Münchner Philharmonikern unter Lahav Shani – und hatte anfangs offenbar fürchterlich schlechte Laune. Jedenfalls stürzt sie sich fast grimmig in Beethovens 2. Klavierkonzert. Von der angeblichen Mozart-Nähe des Stücks will sie nichts wissen, spielt abwechselnd kraftvoll, dann wieder wie schwerelos, bald mit pointiertem Witz, bald mit atemberaubender Brillanz. Und man erkennt: von schlechter Laune keine Spur, es ist einfach die ganze Bandbreite der Emotionen, die sich so unmittelbar in Argerichs Spiel spiegeln, einen packen und gefangennehmen. Das ist, seit nunmehr 85 Jahren, uneingeschränkt festspielwürdig – die Menschen im KKL reisst es vor Begeisterung von den Sitzen.Gute Laune: Martha Argerich und Lahav Shani bei der vierhändig gespielten Zugabe, dem Schluss von «Le Jardin féerique» aus Maurice Ravels «Ma Mère l’Oye».Priska Ketterer / Lucerne Festival
Martha Argerich, Berliner Philharmoniker, Orchester der New Yorker Met: In Luzern kommt es zum Künstlergipfel
Die Berliner Philharmoniker, das Orchester der New Yorker Met und die Jahrhundertpianistin Martha Argerich: Am Lucerne Festival kommt es zum Künstlergipfel. Nur einige Programme halten da nicht mit.







