Da ist alles möglich: In Berlin treffen sich lauter Legenden zu einem besonderen MusikfestivalMartha Argerich, Daniel Barenboim und Elena Bashkirova verabreden sich mit prominenten Kollegen und haben Spass: Bei «Intonations» lebt die grosse Idee weiter, dass Musik Menschen zusammenbringen und versöhnen kann.Eleonore Büning, Berlin19.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEin selten gewordener Anblick: Wegen gesundheitlicher Probleme tritt Daniel Barenboim nur noch selten auf. In Berlin erarbeitete er mit Musikerfreunden Mozarts «Gran Partita».Monika RittershausZuletzt kam auch noch Angela Merkel. Sie setzte sich in die zweite Reihe neben Daniel Barenboim und hörte zu. Allein, ohne Leibwächter, auch ohne den musikbegeisterten Gatten, dem man nachsagt, er sei in Wahrheit derjenige, der Wagner-Opern wirklich kennt und liebt, nicht sie. Die frühere Bundeskanzlerin ist nicht die einzige Prominenz im Publikum.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Laufend kreuzen während der fünf Konzerte des Festivals «Intonations» Musiker und Politiker auf im «Cube», dem zweiten Stock des Kühlhauses am Berliner Gleisdreieck. Darunter, um nur einige zu nennen, der schwedische Ausnahme-Cellist Frans Helmerson und die Operndiva Waltraud Meier, der inzwischen hundertjährige Ex-US-Finanzminister Michael Blumenthal, zugleich Gründungskurator des Berliner Jüdischen Museums, samt zwei Berliner Opernintendanten. Im blauen Disco-Licht des stillgelegten Industriedenkmals, das heute als Location der Klubkultur dient, sehen charmanterweise alle etwas älter aus, als sie sind. Auf dem Podium dagegen, im hellen Bühnenlicht, agieren zum Greifen nah lauter lebende Legenden.SeelenverwandteDie erste war, an diesem Abschlussabend, die Sopranistin Dorothea Röschmann, unvergessen als Mozarts Susanna, Fiordiligi, Zerlina, Contessa . . . Sie sang «Youkali» von Kurt Weill mit dem Volumen und dem Feuer einer Hochdramatischen und fügte, mit der Lakonie einer erfahrenen Soubrette, das freche «Klopslied» hinzu. Beides, diese Hitze und den Witz, hätte man der Sängerin so nie zugetraut. An der stimmlichen Souveränität, die sie drei weiteren Weill-Liedern angedeihen liess, und an den vielen puderzuckerfein platzierten Pointen ist sie indes nach wie vor kenntlich als «die» Röschmann. Und wird als solche gefeiert.Als nächste Legende tritt Martha Argerich auf, seit zwei Wochen fünfundachtzig. Sie verbündet sich mit dem ewigen Geigen-Geheimtipp Boris Brovtsyn zu Beethovens Violinsonate op. 30 Nr. 2. Ein Schock: Die Pianistin geht das Stück so stürmisch intensiv an, als sei sie allein auf der Welt und als sei es ihr Job, eine Solosonate für Klavier zu performen. Das ist diese c-Moll-Sonate irgendwie auch, aber der hochvirtuose Brovtsyn widerspricht. Er grätscht dazwischen, schmiegt sich Argerichs Spiel an. Bald stellt sich heraus: Sie hört ihm so gut zu wie er ihr.Es ist eine Lust, diesen beiden Seelenverwandten zu folgen, wie sie alte Gewissheiten über Bord werfen und junge Schönheit an Bord holen, Kopf an Kopf. Ein Ereignis, das der Grundidee dieses besonderen Musikfestivals vollkommen entspricht. Generationen begegnen einander. Erinnerung mischt sich mit Entdeckung. Widerspruch ist kein Unglück, vielmehr eine Chance. Alles ist möglich.Dies sind zugleich die prägenden Programmideen der Pianistin Elena Bashkirova, die «Intonations» vor 29 Jahren gegründet hat. Allerdings nicht in Berlin, sondern in Jerusalem. Und zwar letztlich, um dem Nahostkonflikt etwas entgegenzusetzen. Damals hiess Bashkirovas Projekt, das parallel entstand zu der Gründung des West-Eastern Divan Orchestra durch ihren Ehemann Daniel Barenboim, noch schlicht International Jerusalem Chamber Music Festival (IJCM). International – das waren die Spitzenmusiker aus aller Welt, die Bashkirova einlud.Sie kamen auch in Kriegs- und Krisenzeiten, flogen Umwege, spielten stets ohne Honorar, für Reise und Unterkunft – und für das Vergnügen, hier auch Lieblingsstücke aufführen zu können, die Konzertveranstalter als zu unpopulär ablehnen. Das Programm ist also wunschkonzertartig bunt und, wie die Besetzungen, ein wilder Mix: Schweres und Leichtes, kleine Lieder und grosse Ensemblestücke, Raritäten und Standardwerke. Die Idee allerdings, mit gemeinsamem Musizieren ein Scherflein beizutragen, um Frieden zu schaffen, entwickelte sich zur Utopie. Man kann sagen: Politisch ist das Projekt gescheitert. Musikalisch ist es ein Exportschlager.Seit 2012 findet dieses Festival immer zweimal im Jahr statt, im Herbst in Jerusalem und im Juni, unter dem Namen «Intonations», in Berlin. Zunächst im Jüdischen Museum, inzwischen aber im Kühlhaus, wo das fensterlose, bunkerartige Ambiente aus Stahl und Beton neue, ganz andere Formen des kollektiven Hörens herausfordert. Die Akustik ist hervorragend. Wer eine Etage höher sitzt, schaut den Musikern in die Noten. Oft sind es die nämlichen Künstlerfreunde, die hier wie dort auftreten. Und wenn, was ein- oder zweimal vorkam, das Festival in Jerusalem ausfallen muss, weil die Umstände zu gefährlich sind, wird genau das bei «Intonations» in Berlin reflektiert.Barenboim fährt die Ernte einMartha Argerich, die insgesamt drei Beethoven-Sonaten mit wechselnden Partnern begleitete, brachte ausserdem noch Robert Schumanns Liederzyklus «Dichterliebe» zum Glühen, fast unbehelligt von dem offenkundig indisponierten Sänger – was aber nicht weiter störte, weil sich alle Poesie ohnehin im Klavierpart konzentrierte. Für einen einsamen Höhepunkt sorgte Bashkirova selbst in dem trauerumflorten Klavierquintett von Alfred Schnittke. Ausserdem Emanuel Pahud, der Schweizer Soloflötist der Berliner Philharmoniker, im Verein mit einem hervorragenden Ensemble, das in dem weithin unbekannten Bläserquintett von Rimsky-Korsakow brillierte.Überhaupt: die Ensembles! Sie sind stets die Stärke dieses Gipfeltreffens befreundeter Solisten. Auch diesmal wieder: Mozarts Oboenquartett KV 370 mit dem Oboisten François Leleux an der Spitze kann man besser nicht erleben. Gleiches gilt für das Klarinettenquintett op. 115 von Johannes Brahms, in dem der Dirigent Karl-Heinz Steffens wie nebenbei beweist, dass er immer noch einer der führenden Soloklarinettisten ist, begabt mit einem unvergleichlichen Ton und Legato.In Mozarts «Gran Partita» KV 361 spielen dann alle dreizehn Solisten um ihr Leben. Sie haben das Stück phantastisch geprobt – unter der Anleitung nämlich von Daniel Barenboim, der vor gut einem Jahr eine Parkinson-Erkrankung öffentlich gemacht hat und seine öffentlichen Auftritte seither streng reglementieren muss. Nun aber sitzt er inmitten seiner Kollegen, dirigiert und fährt die Ernte ein. Glückes genug.Passend zum Artikel