Drei Konzerte mit sehr unterschiedlichen Werken gehen im KKL Luzern bis an die Grenzen der Lautstärke, aber auch der Stille. Eine Gratwanderung, die einen insbesondere die monumentale «Alpensinfonie» anders hören lässt.25.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenKundiger Bergführer: Der Tscheche Jakub Hrůša dirigiert im KKL das Lucerne Festival Orchestra in der «Alpensinfonie» von Richard Strauss.Manuela Jans / Lucerne FestivalAm Lucerne Festival lieben sie neuerdings die maximalen Kontraste. Als gleich am dritten Tag des Sommerprogramms Wolfgang Rihms Poème dansé «Tutuguri» über die Bühne des KKL donnerte, musste man danach seine Massstäbe justieren: Eingehüllt, ja regelrecht zugedröhnt von dynamischen Entladungen, die sonst eher auf Techno- oder Heavy-Metal-Konzerten zu erwarten sind, bekam man hier einen neuen Begriff davon, was Lautstärke heisst. Es dürfte denn auch eines der ersten Konzerte in der Festivalgeschichte gewesen sein, bei dem vorsorglich Ohrstöpsel für die Besucher bereitlagen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Über Sinn und Unsinn derartiger Exzesse lässt sich herrlich streiten. Aber selbst mit einem Gehörschutz erreicht die vom wilden jungen Rihm als Fortschreibung von Strawinskys «Sacre du Printemps» konzipierte Musik ihr Ziel: All das archaische Trommeln, Hämmern und Wummern wird körperlich erfahrbar, als Vibration von Wänden, Sesseln und Boden, nicht nur als akustisches Phänomen. Dieses ebenso extreme wie faszinierende Sound-Erlebnis an den Grenzen zum Lärm wurde eine Woche später freilich noch übertroffen – durch das genaue Gegenteil.An der HörschwelleDer deutsch-französische Komponist Mark Andre, dem im Rahmen einer Residenz mehrere Konzerte der Festival Academy gewidmet sind, erkundet die Welt der Stille und des Ultraleisen, und zwar bis an die Hörschwelle. Blosses Reiben der Handflächen aneinander zählt in diesem speziellen Kosmos bereits zu den lauteren Geräuschen. Aber wie Rihms Grenzgang verändert auch Andres feine, von jedem Husten oder Rascheln bedrohte Tonsprache die Wahrnehmung. Man spitzt unwillkürlich die Ohren, um nur ja keine der ungeheuer subtil ineinandergreifenden Klang- und Geräuschaktionen zu verpassen – zumal oft nicht einmal klar wird, welche Instrumente sie erzeugen.Der Komponist Mark Andre (links) führte im Gespräch mit dem Dirigenten Baldur Brönnimann selbst in seine Musik ein.Peter Fischli / Lucerne FestivalAndres Zyklus «. . . im . . .», der seit 2022 entsteht und an diesem Nachmittag um das Auftragswerk «Im Entsiegeln 1» für Sopran und Orchester erweitert wird, ist eine vorzügliche Schule des Hörens. Denn in jeder zerbrechlichen Geste ist diese Musik – das machen der Dirigent Baldur Brönnimann, die Sängerin Ilse Eerens und das Lucerne Festival Contemporary Orchestra deutlich – ein denkbar radikaler Gegenentwurf zum realen und digitalen Getöse unserer Zeit.Wer danach zum fünften Auftritt des Lucerne Festival Orchestra (LFO) im KKL blieb, spielte womöglich mit dem Gedanken, nun erneut die «Tutuguri»-Stöpsel zum Einsatz zu bringen. Die «Alpensinfonie» von Richard Strauss, die hier unter der Leitung des Tschechen Jakub Hrůša erklang, ist nämlich eines der lautesten Orchesterwerke des 20. Jahrhunderts. Normalerweise.Gleissendes LichtDoch Hrůša, der zum engeren Kreis der Kandidaten für die Nachfolge Riccardo Chaillys an der Spitze des LFO gehören soll, scheint im Konzert mit den Werken Mark Andres gewesen zu sein. Oder man hört mit den dort so vorteilhaft geschärften Sinnen nun auch diese sinfonisch (und philosophisch) überhöhte Bergwanderung mit anderen Ohren.Hrůša nutzt jedenfalls alle bewährten Dirigententricks, um den Überdruck aus dem Stück zu nehmen. Indem er etwa den Orchestersatz aufhellt, die einzelnen Gruppen gezielt austariert und das gewaltige Tutti von 120 Spielern nicht einmal im «Gewitter und Sturm»-Teil unkontrolliert dröhnen lässt.Dabei kann er auf die herausragenden Bläsersolisten des LFO bauen, in diesem Fall namentlich auf den ersten Trompeter Reinhold Friedrich und den Solohornisten Ivo Gass vom Tonhalle-Orchester. Sie verleihen dem Stück mit todesmutig angesteuerten Spitzentönen jenes eisig gleissende Licht, das die Erhabenheit der Bergwelt hörbar macht. Selbst für die Musiker des LFO ist dies eine atemberaubende Gratwanderung.Passend zum Artikel