Kunst der Luftsortierer: Drei sehr unterschiedliche Dirigenten prägen die erste Woche am Lucerne FestivalKlaus Mäkelä und Riccardo Chailly zeigen, welche Bedeutung Weitblick und Erfahrung für das Dirigieren haben. Beim Gastspiel von Daniel Barenboim wird noch eine andere Dimension spürbar.20.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSpass beim Musizieren: der finnische Dirigent Klaus Mäkelä mit den Konzertmeistern Gregory Ahss und Raphael Christ (rechts) sowie Mitgliedern des Lucerne Festival Orchestra im KKL.Patrick Hürlimann / Lucerne FestivalDer ganzen Zunft haftet etwas Windiges an. Schliesslich hat einer ihrer bedeutendsten Vertreter, der Dirigent Bernard Haitink, sich selbst und seine Berufsgenossen einmal als blosse «Luftsortierer» bezeichnet. Das war halb im Scherz gesprochen; aber schon vor Haitink wurde immer wieder darüber philosophiert, warum der Person am Pult bei einem klassischen Konzert seit gut zweihundert Jahren eine solche Bedeutung zugeschrieben wird. Immerhin ist sie die einzige vor einer Schar von Spezialisten, die kein sichtbares Instrument spielt und stattdessen mit einer Art kontrollierter Geisterbeschwörung tatsächlich den Luftraum über einem Klangkörper zu zerteilen scheint.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch genau um diese «Geister» geht es bei der seltsamen Spezies. Das sieht und hört man derzeit wieder am Lucerne Festival. Obwohl die meisten Spitzenensembles, die seit Freitag im KKL gastieren, vermutlich ohne ihn auskämen, ist es der Dirigent, bei dem die unsichtbaren Fäden zusammenlaufen, der die Akzente setzt und eine solide Wiedergabe erst zu einer Interpretation wachsen lässt. Sehr eindrucksvoll ist dies beim jüngsten Auftritt des Lucerne Festival Orchestra (LFO) unter der Leitung seines Chefdirigenten Riccardo Chailly zu beobachten.Griff in die SchatzkisteChailly beendet an dem Abend seine 2019 begonnene Reise durch das Schaffen von Sergei Rachmaninow. Einen Bezug auf das Sommermotto «American Dreams» gibt es dabei auch, denn Rachmaninow entwarf sein 4. Klavierkonzert zwar noch vor der Flucht aus Russland 1917, stellte es aber erst 1941 im Exil in den USA fertig. Es zählt, anders als die Schlachtrösser Nummer zwei und drei, bis heute nicht zum Kernrepertoire. Noch weniger dürften selbst die Experten des LFO mit den übrigen Werken des Programms vertraut gewesen sein: einer Suite aus Rachmaninows früher Oper «Aleko» (die im November am Opernhaus Zürich szenisch zu erleben ist) sowie fünf von dessen «Études-Tableaux» in Orchesterfassungen von Ottorino Respighi.Das ist nicht nur ausgefallen, eine solche Zusammenstellung fordert den Dirigenten auch in besonderer Weise: Er muss bei den unbekannten Stücken stärker als sonst für präzise Abläufe sorgen, dazu womöglich den einen oder anderen Skeptiker in den eigenen Reihen mit seiner Begeisterung anstecken und noch die besagten interpretatorischen Akzente setzen. Alles dies gelingt Chailly an dem Abend auf einem Niveau, das heute nur noch wenige seiner Kollegen so souverän erreichen. Die Musik leuchtet, sie glüht und singt, und alle Zweifel, ob man wirklich so tief in die Schatzkiste der Rachmaninow-Raritäten greifen muss, sind rasch wie weggefegt.Bei seinem zweiten Auftritt mit dem Lucerne Festival Orchestra in diesem Sommer brachte Riccardo Chailly einen mehrjährigen Zyklus mit Werken von Sergei Rachmaninow zum Abschluss.Priska Ketterer / Lucerne FestivalBeim 4. Klavierkonzert, dem man in der Instrumentierung Einflüsse vom Broadway anhört, ist die Spannung derart hoch, dass der junge Pianist Lukas Sternath, ein Schüler Igor Levits, im geballten Tutti unter Druck gerät; der Anschlag klingt in den typischen Akkordballungen etwas starr und hart. Dass er eigentlich ein Poet an den Tasten ist, zeigt Sternath in seiner Zugabe, dem zauberhaft ausgesungenen G-Dur-Prélude aus Rachmaninows Opus 32.Genreszenen à la HopperEiner, dem man zutraut, dereinst Chaillys Erbe anzutreten – übrigens auch konkret als dessen potenzieller Nachfolger beim LFO nach 2028 –, ist der Finne Klaus Mäkelä. Der gerade dreissig Jahre alte Shootingstar stand schon am zweiten Abend im KKL am Pult des LFO, und im Gegensatz zu seinem durchzogenen Einstand vor zwei Jahren fand man diesmal auf Anhieb eine gemeinsame Sprache. Der Auftritt wirkte sogar stimmiger als das eigentliche Eröffnungskonzert, an dem sich Chailly mit vergleichbarer Intensität an einem Best-of amerikanischer Musik abgearbeitet hatte, ohne dass ein überzeugendes Ganzes entstand.Auch bei Mäkeläs Programm gibt es einen Schönheitsfehler: Weder Strawinskys «Feuervogel» noch Samuel Barbers Violinkonzert sind strenggenommen amerikanische Musik – das Barber-Konzert wurde 1939 unmittelbar vor Kriegsausbruch in Sils Maria entworfen. Aber Mäkelä und der Geiger Augustin Hadelich finden in dem oft unter Kitschverdacht gestellten Werk einen Ton, der an die magisch verschatteten Genreszenen des Malers Edward Hopper denken lässt. Vollends amerikanisch wird es in der Zugabe Hadelichs, der mit Ervin T. Rouses «Orange Blossom Special» im Stil der Fiddle-Music die gleichnamige Schnellzugverbindung zwischen New York und Florida nachzeichnet – ein rasender Spass, der das Publikum von den Sitzen reisst.Beim «Feuervogel» stellt sich Mäkelä dem direkten Vergleich mit Chailly, der mit dem Stück 2018 eine grosse Asientournee des LFO bestritten hat. Bei dem halben Dutzend Aufführungen seinerzeit konnte man lernen, was grosse Dirigierkunst über die präzise Gestaltung des Notentextes hinaus ausmacht: Weitblick und Erfahrung. Sie liessen das knapp einstündige Stück auf geheimnisvolle Weise immer kürzer und stringenter wirken. Bei Mäkelä, der mit den überragenden LFO-Musikern ähnlich detailgenau arbeitet, zerfällt die ungekürzte Ballettmusik in ihren rein illustrativen Passagen noch in «interessant» gemachte Stellen.Ungebrochene Lust am MusizierenUnd dann hat Daniel Barenboim zwischen den beiden LFO-Konzerten seinen alljährlichen Auftritt am Festival, zusammen mit seinem West-Eastern Divan Orchestra (Wedo). Der Jahrhundertmusiker ist durch seine Parkinson-Erkrankung, die er selber öffentlich gemacht hat, unterdessen merklich eingeschränkt. In Dvořáks Cellokonzert überlässt er die Koordination weitgehend dem Solisten Yo-Yo Ma, was zu etlichen unscharfen Einsätzen und einem zu voluminösen Orchesterklang führt.Aber im langsamen Satz und im elegischen Ausklang des Konzerts zeigt sich der charakteristische lange Atem des Dirigenten, der sich mit «Luftsortieren» und technischen Fragen kaum mehr aufhalten will, da er Musik in anderen Dimensionen denkt. Diese höchste Form von Weitblick und Erfahrung prägt die Wiedergabe der «Rheinischen» von Robert Schumann. Sie wird, auch dank den vorzüglichen Stimmführern des Wedo, zu einem fast skulptural anmutenden Klangkunstwerk: monumental, aber ohne Erdenschwere, voll ungebrochener Lust am Musizieren. Unvergesslich.Blick für das Wesentliche: Daniel Barenboim bei der Aufführung von Robert Schumanns 3. Sinfonie mit dem West-Eastern Divan Orchestra im KKL.Andreas Becker / Lucerne FestivalPassend zum Artikel
Magie und Meisterschaft: Drei grosse Dirigenten prägen die erste Woche am Lucerne Festival 2026
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