«Ich würde verrückt werden, wenn ich nur Komponist wäre», sagt der Komponist Jörg WidmannSeit diesem Jahr ist Jörg Widmann neuer Leiter der Lucerne Festival Academy. Als Klarinettist, Dirigent und Komponist tritt er das grosse Erbe von Pierre Boulez und Wolfgang Rihm an. Er setzt dabei vor allem auf neue Formen von Dialog und Musikvermittlung.Georg Rudiger11.08.2026, 10.25 Uhr5 LeseminutenJörg Widmann ist als Komponist, Klarinettist und als Dirigent gleichermassen erfolgreich.Florian Ganslmeier /Lucerne FestivalZunächst hat Jörg Widmann etwas gezögert, als ihn Sebastian Nordmann fragte, ob er die Leitung der Lucerne Festival Academy übernehmen wolle. Zu gross erschienen ihm die Fussstapfen seiner Vorgänger Pierre Boulez und Wolfgang Rihm. Doch lange musste der neue Intendant dann doch nicht auf eine Antwort warten. Nach kurzer Bedenkzeit sagte Widmann zu. «Jörg ist wie ein Schweizer Taschenmesser: Hat man ihn an Bord, kann eigentlich nichts schiefgehen. Er schafft es, mit Humor, Wissen und musikalischer Begabung Musiker und das Publikum mitzureissen, egal ob es um traditionelle oder zeitgenössische Musik geht», schwärmt Nordmann.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit dem Vergleich beschreibt er nicht nur Widmanns Persönlichkeit, sondern auch seine aussergewöhnliche Vielseitigkeit als Künstler. Widmann tritt im Sommer in Luzern sowohl als Klarinettist wie auch als Dirigent in Erscheinung. Zusätzlich schaut er sozusagen als Kollege unter Kollegen beim von Dieter Ammann und Unsuk Chin geleiteten Composer Seminar vorbei.Seine pädagogischen Fähigkeiten hat er bereits als Professor für Klarinette und Komposition in Freiburg im Breisgau sowie als Dozent an der Berliner Barenboim-Said-Akademie unter Beweis gestellt. Wer ihm persönlich begegnet, erlebt einen empathischen, äusserst zugewandten Künstler, der komplexe musikalische Zusammenhänge verständlich machen kann, ohne dabei die emotionale Ebene der Musik zu vernachlässigen.Viel von Boulez und Rihm gelerntNeben diesem vielschichtigen Künstlerprofil, das geradezu ideal zur Lucerne Festival Academy passt, gibt es auch eine starke historische Kontinuitätslinie zu seinen Vorgängern. Im Alter von 15 Jahren reiste Widmann mit seinem Vater von München nach Strassburg zum Musica-Festival, um Pierre Boulez als Interpreten eigener Werke zu erleben. Besonders begeistert war Widmann von dessen «Répons»: «Mir hatten vorher Freunde gesagt: Boulez, das sei Mathematik, trocken und ohne Gefühl. Und ich erlebte genau das Gegenteil: einen Exzess, eine Explosion an Farben! Danach konnte ich nicht mehr weiterkomponieren, als wäre nichts geschehen.»Aus der Bewunderung des Jugendlichen entstand bald eine persönliche Beziehung. Widmann besuchte Boulez regelmässig in dessen Villa in Baden-Baden zu langen Gesprächen. «Ich vermisse ihn sehr», sagt Widmann heute. Auch als Klarinettist wurde Boulez für ihn zu einer prägenden Figur. Dessen «Dialogue de l’ombre double» für Klarinette und Tonband, das Widmann ebenfalls in Strassburg gehört hatte, empfand er als revolutionär. Später erarbeitete er das Werk gemeinsam mit dem Komponisten bei den Musiktagen in Badenweiler: «Er hat mir bei dieser extrem virtuosen Komposition ganz pragmatisch geholfen. Wie er überhaupt komplexe Dinge stets auf eine ganz einfache Weise erklären konnte.»Auch zu seinem Luzerner Vorgänger Wolfgang Rihm, der 2024 starb, hatte Widmann eine enge Beziehung: Er hat bei Rihm an der Karlsruher Musikhochschule Komposition studiert. «Bereits im Studium hat Rihm im Jahr 1999 für mich das Klarinettenkonzert ‹Über die Linie II› komponiert. In der Folge entstanden weitere 15 Werke für mich, auf die ich kompositorisch antwortete.» Besonders beeindruckte Widmann die pädagogische Haltung seines Lehrers: «Er hat nie versucht, ‹kleine Rihms› zu produzieren. Er hat uns dabei unterstützt, unsere eigene Stimme zu finden.»Zugleich besass Rihm die seltene Gabe, in einer Partitur sofort die «wunde Stelle» zu finden: «Das sorgte immer für eine produktive Verunsicherung.» Dass Widmann nun gleich zu Beginn des Lucerne Festival Rihms Grenzen sprengendes Werk «Tutuguri» dirigiert, ist deshalb auch eine persönliche Hommage an seinen Luzerner Vorgänger.Die Schwierigkeit, eine Mitte zu findenDie Klarinette war aber nicht nur für Wolfgang Rihm Quelle für kompositorische Inspiration, sondern ist auch für Widmann selbst die Grundlage für sein musikalisches Denken. Beim Klarinettenspiel sucht er etwa Effekte wie Klappengeräusche, Luft- und Mehrklänge, die er dann auch in seinen Kompositionen einsetzt.Für Daniel Barenboim ist Widmanns permanenter Kontakt mit dem Klang ein wichtiger Grund für dessen Kreativität, wie der Dirigent in Holger Preusses Dokumentarfilm «Im Labyrinth» (BR/Arte 2022) bemerkt. In diesem atmosphärisch dichten Film berichtet Widmann von seinen Zweifeln beim Komponieren, von labyrinthischen Gedankengängen und von seiner Faszination für Extreme.Er spricht aber auch von der Schwierigkeit, eine Mitte zu finden: Die vielen Reisen strengen den 53-jährigen Musiker an, die Erwartungen an ihn als Klarinettisten sind hoch, der Zeitdruck beim Komponieren, wenn es Richtung Uraufführung geht, ist unangenehm. Dennoch empfindet er gerade die Vielfalt seiner Tätigkeiten als Glück. «Ich brauche den Wechsel für mein Leben. Ich würde verrückt werden, wenn ich nur Komponist wäre.»Diese stetige Neugier führte ihn schon 1994 nach New York, wo er an der Juilliard School of Music Klarinette studierte. «Das war ungewöhnlich, weil man in den USA und eigentlich überall sonst auf der Welt bei den Klarinetten das französische System spielt und nicht das deutsche», sagt Widmann im Gespräch. «Amerika war das andere – John Cage mit seinem Humor, Morton Feldman mit seinen Vier-Stunden-Stücken. Aaron Copland komponierte eine ganz andere, tonale Musik, die man hier in Europa völlig übersehen hat.»Das Festivalmotto «American Dreams», das Sebastian Nordmann für diesen Sommer in Luzern gewählt hat, spiegele ebendiese grosse Bandbreite der amerikanischen Musik wider: Von Steve Reichs «New York Counterpoint» für elf Klarinetten, das im Eröffnungskonzert am 14. August im grossen Saal des KKL aufgeführt wird, bis zu Frank Zappas letztem, 1993 vom Ensemble Modern eingespielten Album «The Yellow Shark», das Mitglieder des Lucerne Festival Contemporary Orchestra am 22. August im Luzerner Saal auf die Bühne bringen.Auch Werke von John Adams, Elliot Cater, Augusta Read Thomas und Jalalu-Kalvert Nelson finden sich im Programm der Lucerne Festival Academy. Im Gegensatz zu seinen Kollegen Sir András Schiff und Christian Tetzlaff, die Auftritte in den USA wegen der Trump-Regierung abgesagt haben, hielt Widmann an seiner geplanten Tournee nach Detroit, Atlanta und Cleveland fest: «Ich bin jemand, der auch in Konfliktsituationen den Dialog nicht abreissen lässt.»Neuausrichtung des «Forward»-FestivalsWährend Jörg Widmann die Struktur des Sommerfestivals bei der Lucerne Festival Academy unangetastet lässt, wird das im Herbst stattfindende Forward-Festival neu ausgerichtet. Vor allem möchte Widmann die Musik der Gegenwart zu historischen Vorbildern in Beziehung setzen: etwa Robert Schumann, dessen Schaffen am «Forward»-Festival im Herbst 2026 unter dem Motto «Echos of Schumann» erkundet werden soll. «Es geht um die Fragen, wo wir herkommen und wo es hingeht. Ist die Musik der Vergangenheit noch relevant für uns? Wie antworten wir Heutige auf das Bestehende?» Mit diesem Dialog zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit will Widmann nicht zuletzt neues Publikum finden für die zeitgenössische Musik. Seine immensen Fähigkeiten als Vermittler werden ihm dabei sicherlich helfen.Anlässlich seines Einstands an der Lucerne Festival Academy dirigiert Jörg Widmann am 16. August im KKL Luzern Wolfgang Rihms «Tutuguri».Passend zum Artikel
Er lebt die Vielfalt vor: Jörg Widmann über sein Musikverständnis und die neue Aufgabe am Lucerne Festival
Seit diesem Jahr ist Jörg Widmann neuer Leiter der Lucerne Festival Academy. Als Klarinettist, Dirigent und Komponist tritt er das grosse Erbe von Pierre Boulez und Wolfgang Rihm an. Er setzt dabei vor allem auf neue Formen von Dialog und Musikvermittlung.










