Dutzende Tote, schwere Gefechte an verschiedenen Fronten – der Krieg im Jemen ist wieder aufgeflammt. Truppen der international anerkannten Regierung und die Huthi-Rebellen liefern sich erbitterte Kämpfe. Die Huthi griffen zuletzt auch das Nachbarland Saudi-Arabien, das eine Anti-Huthi-Allianz anführt und fördert, mit Drohnen und Raketen an. Sie trafen laut offiziellen Angaben zivile Infrastruktur und Öl-Anlagen. Mehr als 70 Verletzte wurden gemeldet. Ein saudischer Militärsprecher kündigte am Dienstag an, das Königreich werde „notwendige operative Maßnahmen“ ergreifen. Schon am Montag hatte es eine Welle saudischer Luftangriffe im Jemen gegeben, bei denen laut Angaben des Huthi-Haussenders Massirah TV ein Gefängnis getroffen wurde. „Wir sind wieder auf dem Weg zu einer voll entfesselten Konfrontation“, sagt eine Quelle aus dem Lager der Huthi-Gegner.Nicht nur die Eskalation am Boden, sondern auch die Rhetorik aus beiden Lagern deutet darauf hin. Rashad al-Alimi, der Chef der jemenitischen Regierung, tönte am Wochenende, „Fehlkalkulationen“ der Huthi würden zu deren „vollständigem Zusammenbruch“ führen. Huthi-Anführer Abdulmalik al Huthi hat die Zeichen schon vor einigen Wochen auf Krieg gestellt und Unnachgiebigkeit sowie Durchhaltewillen beschworen. Die Huthi-Propaganda richtet sich vor allem gegen Saudi-Arabien, das eine Blockade gegen deren Herrschaftsgebiet durchsetzt. Die Rebellen werden von Iran, dem Erzrivalen des Königreichs, gefördert. Der Huthi-Militärsprecher tönte nach dem jüngsten Schlagabtausch, Saudi-Arabien habe „Massaker“ verübt und die Aggression werde „nicht unbestraft“ bleiben.Die Huthi hatten im September 2014 die Kontrolle über die Hauptstadt Sanaa übernommen und einen spektakulären Eroberungszug durch das ganze Land gestartet. Der saudisch geführten Koalition war es in der Folge zwar gelungen, die Rebellen zurückzudrängen. Aber die Huthi behaupteten ihre Herrschaft in Sanaa und über weite Teile im Nordwesten des Landes.Kamen die Huthi einer Offensive zuvor?Der fragile Waffenstillstand von 2022 geriet zuletzt immer stärker ins Wanken. Die Huthi werteten die Übereinkunft damals als Sieg. Die Verhandlungen mit Saudi-Arabien, einem engen Alliierten Washingtons, über eine dauerhafte Beendigung des Konflikts kamen bestenfalls schleppend voran. Sie wurden erschwert, als die USA und Israel im Frühjahr Iran angriffen und der Waffengang zu einem regionalen Flächenbrand ausuferte. Spannungen zwischen Saudi-Arabien und den jemenitischen Rebellen eskalierten im Juli. Die Huthi verkündeten ihrerseits eine Blockade gegen die saudische Energieexporte durch das Rote Meer, attackierte Tankschiffe und Öl-Infrastruktur. Das Königreich entschied sich, die Gangart zu verschärfen, und begann im Jemen Truppen der Regierung zu mobilisieren.Die Huthi griffen daraufhin an mehreren Fronten an, um einer Offensive vorzubeugen, wie es übereinstimmend von jemenitischen Beobachtern heißt. Im Zentrum der Kämpfe steht zum einen das bedeutende Gouvernorat Taizz, von wo eine neue Vertreibungswelle gemeldet worden ist. Außerdem die nördliche Provinz Al-Dschauf an der Grenze zu Saudi-Arabien, ein militärisches Drehkreuz für die Huthi und bedeutend für deren Schmuggel und Nachschub. Auch in Marib, einem Zentrum der bescheidenen jemenitischen Ölwirtschaft, gibt es Kämpfe.„Alle glauben, sie könnten gewinnen – und liegen falsch“Das sind Schauplätze, an denen es in erster Linie um den innerjemenitischen Machtkampf geht. Doch auch an der Westküste eskaliert die Gewalt. Die Huthi erhöhen den Druck auf die Küstenstadt Mokha. Erfolge an dieser Front brächten die Rebellenbewegung näher an eine strategisch wichtige Meerenge: das Bab al-Mandab (Tor der Tränen), ein weiteres Nadelöhr des Welthandels, das die Huthi schon jetzt mit ihren Drohnen und Raketen bedrohen. Eine Blockade der Wasserstraße wäre nicht nur für die Rebellen ein weiterer Trumpf, sondern auch für deren iranische Sponsoren im Großkonflikt mit den USA.Fachleute rechnen nun mit einer neuen Runde des zerstörerischen Abnutzungskrieges in dem bitterarmen Land. „Die Regierungstruppen sind inzwischen besser ausgerüstet und kampfstärker, aber sie sind mangelhaft geführt und koordiniert“, erklärt Farea al-Muslimi von der Denkfabrik Chatham House. Die Huthi seien durch Iran effektiv aufgerüstet worden, nicht zuletzt für Angriffe gegen den Schiffsverkehr. „Alle Beteiligten machen sich mörderische Illusionen“, sagt al-Muslimi. „Die Huthi glauben, sie können gewinnen, die Regierung glaubt, sie könne gewinnen, die Saudis glauben, sie könnten gewinnen – und sie alle liegen damit ein bisschen falsch.“