Die Zeichen im Jemen stehen wieder auf Krieg: Nicht nur die Konfrontation zwischen den von Iran unterstützten Huthi-Rebellen und Saudi-Arabien eskaliert. Jetzt ist auch der militärische Konflikt im Inneren mit der international anerkannten Regierung wieder aufgeflammt. Am Samstag verkündete ein Militärsprecher der Regierung mit Sitz in der südjemenitischen Hafenstadt Aden, deren Truppen hätten die Huthi an mehreren Fronten angegriffen.Zuvor hatte es Huthi-Beschuss von Stützpunkten der Regierungskräfte gegeben, der eine erhebliche Zahl von Todesopfern forderte. Es wurden auch getötete Zivilisten gemeldet. Der UN-Sondergesandte für den Jemen, Hans Grundberg, hatte schon vor den Angriffen vom Samstag in einer Stellungnahme gewarnt: „Der Jemen ist heute einem größeren Risiko eines abermaligen groß angelegten Konflikts ausgesetzt als jemals zuvor seit dem von den UN vermittelten Waffenstillstand vom April 2022.“ Nicht nur sei dieser Waffenstillstand in Gefahr – der Jemen drohe auch in „eine umfassende regionale Konfrontation“ hineingezogen zu werden.Unnachgiebigkeit und DruckSchon jetzt überlappen sich im Jemen der Machtkampf um die Herrschaft über das Land und der regionale Großkonflikt mit Iran, dem Hauptsponsor der Huthi. Saudi-Arabien, ein enger Alliierter der Vereinigten Staaten, führt eine Anti-Huthi-Koalition, zu der auch die international anerkannte Regierung zählt. Diese hat über Jahre erfolglos versucht, die Huthi zurückzudrängen und aus der Hauptstadt Sanaa zu vertreiben, über die sie seit September 2015 herrschen.Teil der Kampagne gegen die jemenitische Rebellenbewegung ist eine Blockade gegen deren Herrschaftsgebiet, die sich gegen den internationalen Flughafen von Sanaa, den Schiffsverkehr und auch den Ölexport richtet. Die Huthi, die weite Teile Nordjemens kontrollieren, verlangen ein Ende dieser Blockade. Sie wollen ihren Griff auf den Jemen stärken – und von den reichen saudischen Nachbarn nicht nur Zugeständnisse, sondern finanzielle Zuwendungen erpressen, die sie dringend für ihr bitterarmes Reich brauchen. Etwa 60 Prozent der Menschen, die dort leben, erhalten nicht genügend Nahrung. Die Staatsbediensteten sind seit einigen Jahren nicht mehr vollständig bezahlt worden, was sich nach dem Willen der Huthi mit saudischer Hilfe ändern soll.Ähnlich wie Iran es ihnen vormacht, setzen die jemenitischen Rebellen auf Unnachgiebigkeit und Druck. Ende Juli haben sie eine Seeblockade gegen Saudi-Arabien verkündet und attackieren seither Öltanker im Roten Meer. Ihre Raketen und Drohnen bedrohen eine strategisch wichtige Meerenge: Das Bab al-Mandab (Tor der Tränen), das den Golf von Aden und den Indischen Ozean mit dem Roten Meer verbindet. Es ist neben der vom iranischen Regime bedrohten Straße von Hormus ein weiteres Nadelöhr des Welthandels.Gerade – aber nicht nur – für Saudi-Arabien ist der Konflikt im Roten Meer schmerzhaft. Insofern spielt die Huthi-Blockade auch Teheran in die Hände, weil sie zeigt, dass Iran und seine Alliierten ein weiteres wichtiges Druckmittel in der Hand halten. Die Huthi gehören zur von Iran geführten „Achse des Widerstands“, einer Allianz, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, Israel zu vernichten und die Vereinigten Staaten aus der Region zu vertreiben.Die Emirate wollen Saudi-Arabien derzeit nicht helfen„Die Huthi haben sich offensichtlich entschieden, einen voll entfesselten Krieg zu riskieren“, sagt Farea al-Muslimi, ein jemenitischer Experte von der Denkfabrik Chatham House. „Sie tun Iran damit einen Gefallen, aber sie handeln auch aus eigenen, innerjemenitischen Erwägungen.“ Die Bewegung scheint Saudi-Arabien in einer geschwächten Position zu sehen. Das Königreich steht unter Druck durch mögliche iranische Attacken. Die Drohnen- und Raketenangriffe, die sich zuletzt auch gegen Ölanlagen richteten, setzen der um regionale Stabilität ringenden Führung in Riad weiter zu.Im Jemen hat Saudi-Arabien außerdem wichtige Partner verloren. Im Dezember vergangenen Jahres eskalierte ein Konflikt mit den Vereinigten Arabischen Emiraten. Diese unterstützten südjemenitische Separatisten des Southern Transitional Council (STC), die ebenfalls zum Anti-Huthi-Lager zählen und Teil der Aden-Regierung waren. Diese hatten seinerzeit den größten Teil des Südjemen unter ihre Kontrolle gebracht und ihre Absicht bekundet, dessen Unabhängigkeit zu erklären.Die Führung in Riad sah darin eine Gefahr für ihre Bemühungen, eine politische Lösung für den Jemen-Konflikt zu erreichen, ebenso für die Einheit des Landes. Frustriert über den STC und seine emiratischen Förderer bombardierte die saudische Luftwaffe STC-Truppen und emiratische Waffenlieferungen.Ein Teil der STC-Führung wurde in die saudische Hauptstadt beordert und dort festgesetzt, die saudische Diplomatie versuchte, die Gruppe zu isolieren. Die Organisation arbeitet derzeit eher gegen die Regierung in Aden. Versöhnung ist laut Angaben aus der Separatistenbewegung derzeit nicht in Sicht. Aus jemenitischen Quellen mit Kontakten in den Emiraten heißt es, die Führung in Abu Dhabi habe derzeit keine Ambitionen, Saudi-Arabien im Jemen zu unterstützen, sondern lasse sie dort lieber auflaufen.„Die Huthi überschätzen ihre Macht“Jemenitische Beobachter geben allerdings auch zu bedenken, dass sich die Huthi womöglich für stärker hielten, als sie eigentlich sind. Sie hätten das Rote Meer nie als vorübergehenden Schauplatz für militärische Aktivitäten betrachtet, sondern als Testfeld genutzt, um ihre Fähigkeit unter Beweis zu stellen, die Welt zu Verhandlungen zu zwingen und sich von einer lokalen Gruppe zu einem regionalen Akteur zu wandeln, heißt es in einer Analyse der Denkfabrik Sana’a Center for Strategic Studies. „Das Ergebnis ist, dass die Huthi begonnen haben, ihre eigene Macht zu überschätzen.“Die Bewaffnung der Truppen der international anerkannten jemenitischen Regierung sei besser als noch vor ein paar Jahren, sagt der Chatham-House-Experte Farea al-Muslimi. Gleiches gelte für die Fähigkeiten der saudischen Luftwaffe. So herrscht Sorge, dass ein Ausgleich im Jemen-Konflikt in dieser Konstellation kaum zu erreichen ist. „Uns stehen dunkle Zeiten bevor“, unkt ein jemenitischer Politiker aus Aden.