DatenanalyseDie AfD triumphiert in Sachsen-Anhalt – und beweist, dass alle anderen sie völlig falsch eingeschätzt habenJahrelang redeten Politbeobachter die AfD als Protestpartei klein, die von den Verlierern der Globalisierung gewählt werde. Eine genauere Betrachtung der Wahldaten zeigt: Die Partei ist über einfache sozioökonomische Erklärungsansätze hinausgewachsen.08.09.2026, 10.46 Uhr3 LeseminutenUlrich Siegmund (Mitte), Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, am Tag nach seinem grossen Wahlsieg mit Tino Chrupalla und Alice Weidel, den Vorsitzenden der Bundespartei.ImagoEine Zahl erschüttert Deutschland: Am Sonntag erreichte die AfD bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt einen Wähleranteil von 43,8 Prozent. Es ist der höchste Wert, den die Partei je in einer Landtagswahl eingefahren hat. Und der höchste Wert, den überhaupt eine Partei in jenem Bundesland seit der Wiedervereinigung von Ost- mit Westdeutschland erreichen konnte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Immer wieder wurde die AfD in den vergangenen Jahren kleingeredet. Kanzler Friedrich Merz beispielsweise versprach, die AfD in den Umfragen halbieren zu wollen. Jetzt zerschellen diese Erzählungen an der Realität.Diese drei Erkenntnisse leiten sich aus einem genaueren Blick auf die Wahlergebnisse aus Sachsen-Anhalt ab:In früheren Wahlerfolgen der AfD zeigte sich ein Muster: Wähler gaben der AfD zwar ihre Stimme, schätzten andere Parteien bei Nachbefragungen in vielen Themenfeldern dann aber als kompetenter ein. Politologen deuteten das als Denkzettel für die etablierten Parteien. Viele wählten die AfD nicht aus Überzeugung, sondern aus Trotz.Das scheint sich nun zu ändern. Erstmals schreiben die Wähler in einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen der AfD in den Themen Wirtschaft und Bildung mehr Kompetenz zu als der CDU. Viele Leute in Sachsen-Anhalt wählten die AfD also nicht aus blossem Protest. Sondern weil sie ihr Lösungen in den Themen zutrauen, die ihnen besonders wichtig sind. Auch in nationalen Umfragen wird die AfD als immer kompetenter wahrgenommen – trotz einem Wahlprogramm, das gerade im Bereich der Wirtschaftspolitik Widersprüchlichkeiten enthält.Die Partei der Globalisierungsverlierer? Das greift zu kurzOft wurden AfD-Anhänger in der Vergangenheit als Globalisierungsverlierer beschrieben, die sich der Partei aufgrund ihrer Angst vor dem sozioökonomischen Abstieg zuwenden. In diese Erzählung passt, dass der jüngste Wahlerfolg der AfD ausgerechnet im Bundesland mit dem tiefsten Pro-Kopf-Einkommen stattfand. Doch diese Erklärung ist verkürzt.Zwar wählten Arbeiter, die besonders stark dem Druck der Globalisierung ausgesetzt sind, überproportional oft die AfD: Laut einer Umfrage von Infratest Dimap gaben 59 Prozent der Wähler dieser Bevölkerungsgruppe der Partei ihre Stimme. In allen anderen Berufsgruppen war die AfD aber ebenfalls klar stärkste Kraft. Ähnliches zeigt sich bei einer Analyse nach Bildungsstand: Personen, deren höchster Abschluss jenem einer Hauptschule entspricht, wählten überproportional oft AfD. Aber auch bei Hochschulabsolventen war der Stimmanteil für die AfD höher als bei allen anderen Parteien.Eine wissenschaftliche Studie von Forschern der Universität des Saarlandes analysierte jüngst das Wahlverhalten von 32 000 AfD-Wählern über den Zeitraum von 2014 bis 2024. Sie ermittelten, dass Sorgen wegen Migration den zuverlässigsten Indikator für Zustimmung der AfD darstellt – unabhängig davon, welchem wirtschaftlichen Milieu der Wähler entstammt.Zuspruch über alle Altersgruppen – und grosse MobilisierungDemografische Kategorien, die oftmals gegensätzliches Wahlverhalten offenlegen, zeigten auch bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt gewisse Unterschiede. Bei den Männern wählte jeder Zweite AfD. Bei den Frauen war der Anteil mit 39 Prozent zwar geringer, aber dennoch viel höher als bei allen anderen Parteien.In den AfD-Anteilen nach Altersgruppen fällt nur eine Kategorie ab: Bei den Personen über 70 Jahre wählte nur jeder Dritte AfD, womit die Partei in diesem Segment praktisch gleichauf mit der CDU lag. Manche Politologen führen das auf familiäre Prägungen zurück. So könnte die Angst vor autoritärer Politik bei älteren Menschen stärker sein, weil sie die DDR noch selber erlebt haben – und ihre Vorfahren ihnen vom Nationalsozialismus erzählten. Andere Politikwissenschafter haben für das Phänomen eine einfachere Erklärung: Ältere Wähler seien schlicht weniger experimentierfreudig und sähen daher den von der AfD versprochenen Politikwechsel skeptischer.Auffällig ist zudem die hohe Wahlbeteiligung von 77,8 Prozent. Einen solchen Wert gab es in Deutschland bei Landtagswahlen zuletzt 1998. Davon profitierte die AfD am stärksten: 160 000 Wähler, die bei den Wahlen vor fünf Jahren noch den Urnen fernblieben, gaben der Partei ihre Erststimme. In einem Bundesland mit 1,7 Millionen Wahlberechtigten wirkt sich eine solche Mobilisierung unmittelbar auf das Wahlergebnis aus.Passend zum Artikel
Die AfD triumphiert – und beweist, dass alle anderen sie völlig falsch eingeschätzt haben
Jahrelang redeten Politbeobachter die AfD als Protestpartei klein, die von den Verlierern der Globalisierung gewählt werde. Eine genauere Betrachtung der Wahldaten zeigt: Die Partei ist über einfache sozioökonomische Erklärungsansätze hinausgewachsen.












