Am Sonntag finden in Sachsen-Anhalt Landtagswahlen statt, und angesichts des zu erwartenden AfD-Ergebnisses wird gerade wieder über Ostdeutsche hergezogen, was ermüdend ist, weil man das alles seit 1990 schon so oft gehört hat, vor allem aber auch schockierend angesichts der offensichtlichen Blindheit für die tatsächliche Lage. Die AfD hat in ostdeutschen Ländern größere Erfolge als im Westen, doch sie ist kein solitäres Ostproblem, wie die vergangene Bundestagswahl zeigt. Ihren größten Zuwachs hatte die Partei in den westlichen Bundesländern. 70 Prozent ihres Zweitstimmenergebnisses erzielte sie im Westen, 7,2 Millionen Westdeutsche haben ihr Kreuz bei der AfD gemacht. Das sind 18 Prozent der gesamtdeutsch erzielten 20,8 Prozent.Die Ignoranz im Westen angesichts solcher Werte ist erstaunlich. Als die AfD im Osten bei ähnlichen Werten stand, wurde das zu Recht problematisiert, wenn auch häufig stereotyp. Wo, könnte man mit gleicher Herangehensweise fragen, bleiben die Beiträge über „den Westen“? Wie tickt der Wessi? Was haben 40 Jahre Bundesrepublik in den Köpfen der Westdeutschen angerichtet? Und wann bedanken sie sich endlich bei den Ostdeutschen dafür, dass diese 40 Jahre lang die Folgen des von Ost und West gemeinsam vom Zaun gebrochenen Weltkriegs getragen und einen Großteil der Reparationen bezahlt haben?Gibt es im Westen edlere Motive, AfD zu wählen?Es sollte klar sein, dass wir so nicht weiterkommen. Doch statt die AfD als das zu betrachten, was sie ist, nämlich ein gesamtdeutsches Phänomen, und ihr auf diese Weise wirksam begegnen zu können, wird seit Wochen mit überwiegend haarsträubendem Ausstoß am Osten herumpsychologisiert. Der Soziologe Detlef Pollack schrieb hier vor ein paar Tagen von einem Skandal, dass Ostdeutsche mit ihrer AfD-Neigung bereitwillig Westbindung, Rechtsstaatlichkeit, Marktwirtschaft sowie Freiheits-, Gleichheits- und Solidaritätswerte preisgäben. Dem ist zweifellos so, doch was ist mit den AfD-Wählern im Westen? Gibt es dort, abgesehen vom eher nicht vorhandenen West-Frust, etwa edlere Motive, AfD zu wählen? Und sind 18 Prozent AfD im Westen unproblematisch, im Osten aber ein Skandal?Der Historiker Magnus Brechtken hat von Ostdeutschen die Nase voll und sieht sich durch sie seiner vermeintlich heilen Bundesrepublik beraubt. In seiner Welt lösen Westdeutsche reflektiert Probleme und treffen rationale, innerhalb ihrer regionalen Identitäten ruhende, Wahlentscheidungen, während Ostdeutsche aufgrund ihrer Diktatursozialisation bei Problemen emotional werden, sich zusammenrotten und falsche Parteien wählen. AfD-Wählen im Westen folgt also hehren Überlegungen, im Osten aber billigen Affekten. AfD-Wähler im Westen treffen reife Entscheidungen, während sie im Osten diktaturgeschädigt im Wahllokal ausrasten.Auch der Wessis als solcher kann DiktaturDie Gefahr, dass die AfD über kurz oder lang auch im Westen und damit in ganz Deutschland stärkste Kraft werden könnte, weist Brechtken strikt von sich. Im Westen hätten extrem rechte Parteien nur „immer etwa 15 Prozent“ ausgemacht. Das grenzt, siehe die Ergebnisse der Bundestagswahl sowie der Landtagswahlen Anfang dieses Jahres in Rheinland-Pfalz (AfD 19,5 Prozent) und Baden-Württemberg (18,8), an Realitätsverweigerung. Seine Aussage ist auch angesichts des Aufstiegs rechtspopulistischer Parteien ringsum in Europa, gerade auch in Ländern, die nie Diktaturen waren, bemerkenswert. 40 Jahre länger Freiheit machen ganz offensichtlich nicht gegen autoritäre Versuchungen immun, oder wie es Alt-Bundespräsident Joachim Gauck ausdrückte: „Auch der Wessi als solcher kann Diktatur.“Frappierend ist auch die Breitbeinigkeit, mit der in der Debatte vermeintlich historische Fakten vorgetragen werden. Brechtken erklärt allen Ernstes, dass es in der DDR gar keine Revolution gegeben habe. Das ist nicht nur konträr zur Mehrheitsmeinung seines Fachs, sondern auch unverschämt gegenüber jenen, die sich, bevor es am 9. Oktober 1989 in Leipzig friedlich blieb, von Polizei und Stasi etwa in Plauen, Dresden und Berlin verprügeln, abführen und verhören lassen mussten. Aber einmal in Fahrt, kann man über Ostdeutsche offenbar alles behaupten, darunter auch Dinge, die man sich gegenüber anderen Bevölkerungsteilen zu Recht nie erlauben würde.Je größer die Ahnungslosigkeit, desto lauter die MeinungDer Publizist Nikolaus Blome empfiehlt im Falle eines AfD-Erfolgs in Sachsen-Anhalt: „Zaun drum und an Kasachstan verkaufen.“ War der Kollege eigentlich mal in Kasachstan? Weiß er, dass das heute eines der modernsten und reichsten Länder Zentralasiens ist? Offensichtlich egal, ist ja alles irgendwo im Osten. Die Faustregel scheint zu sein: Je größer die Ahnungslosigkeit, desto lauter die Meinung. Das gilt im Übrigen auch umgekehrt, nur mit dem Unterschied, dass sich inzwischen fast alle Ostdeutschen ein eigenes Bild vom Westen gemacht haben, während 18 Prozent der Westdeutschen noch nie im Osten waren.Blome schiebt dabei auch noch die unvermeidlichen Ruhrgebietsbürgermeister vors Loch mit ihrem Klage-Klassiker: „Wenn der Osten nicht wäre, ginge es uns bombig!“ Abgesehen davon, dass das in seiner Schlichtheit der AfD-Erzählung gleicht, wonach Deutschlands Finanzen saniert wären, wenn endlich alle Ausländer abgeschoben würden, wäre zu fragen, wo denn hier die von Brechtken gepriesene Selbstreflexion bleibt. Bei der Bundestagswahl 2025 erzielte die AfD im Ruhrgebiet 18,8 Prozent – mehr als doppelt so viel wie vier Jahre zuvor. In Gelsenkirchen waren es 24,7 Prozent. Kann natürlich sein, dass das am Ost-Frust liegt, nur nach rationaler Analyse sieht das dann auch nicht aus.Sondertransfers von West nach Ost gibt es nicht mehrÜberhaupt ähneln sich Ost und West in ihrem gegenseitigen Gejammer inzwischen sehr. Wostalgie greift um sich. Das ostdeutsche „Es war nicht alles schlecht“ ist nur das Pendant zum westdeutschen „Wir wollen unsere schöne Bundesrepublik zurück“. Wobei man gern wissen würde, welche es denn sein soll: die mit zwei Fernsehprogrammen und ohne Internet? Oder die, in der Frauen einem Werbespot zufolge nur zwei Fragen am Tag hatten: Was soll ich anziehen und was soll ich kochen? Und wie unterscheidet sich diese Sehnsucht eigentlich von jener der AfD, die ebenfalls eine Rückkehr zur alten Bundesrepublik propagiert?Kann die AfD über kurz oder lang auch im Westen und damit in ganz Deutschland stärkste Kraft werden? Infostand der Partei in Zeitz zur Wahl in Sachsen-AnhaltdpaIn wenigen Jahren wird Deutschland länger wiedervereinigt sein, als es getrennt war. Vier Jahrzehnte sind fast zwei Generationen, eine lange Zeit. Der Westen sollte sich klarmachen, welch wahnsinniges Glück er hatte, nach dem Krieg zufällig auf der besseren Seite gelegen zu haben. Der Osten sollte das späte Glück der Freiheit nicht geringschätzen. Wir Deutschen sollten froh darüber sein, wie enorm beide Teile, Ost und West, und damit ganz Deutschland von der Einheit profitiert haben. Ja, auch finanziell. Das hat hier jüngst der Soziologe Steffen Mau noch mal ausführlich dargelegt. Und Sondertransfers von West nach Ost gibt es schon seit 2019 nicht mehr.Deutschland hat Reparationen an sich selbst gezahltBezogen auf den Aufbau Ost hat mal jemand gesagt, dass Deutschland das einzige Land auf der Welt sei, das nach einem Krieg Reparationen an sich selbst bezahlt hat. Das ist ein schönes Bild. Fast 40 Jahre nach der Einheit wirken die innerdeutschen Vorwürfe deshalb nicht nur öde, sie sind auch kontraproduktiv. In den Neunzigerjahren gab es im Osten Menschen, die mit DDR und SED nichts am Hut hatten, sondern über die neue Gesellschaftsordnung froh waren, doch die angesichts ständiger West- Belehrungen darüber, wie sie so seien, wie sie gelebt und wie sie sich jetzt zu verhalten hätten, so wütend wurden, dass sie PDS ankreuzten.Jetzt sind wir wieder an einem Punkt, auch noch die Gutwilligen zu verlieren, nur dass heute eine Partei den Unmut aufsaugt, die so ziemlich alles gefährdet, was in den vergangenen 80 Jahren in Deutschland aufgebaut wurde. Detlef Pollack verlangt nun oberlehrerhaft, „in zugespitzter Form die Ossis dazu aufzufordern, es mal nicht zu übertreiben“ mit ihren Forderungen und Ostdeutschtümelei. Viel Glück, kann man da nur wünschen, drohen doch angesichts solcher Ausfälle nun auch noch diejenigen daheimzubleiben oder mit einem Kreuz bei der AfD Rache zu nehmen, für die so etwas bislang nicht infrage kam.Es geht nicht darum, Ostdeutsche mit Samthandschuhen anzufassen. Dafür gibt es keinen Grund. Ihre permanente Pathologisierung auch nach fast 40 Jahren Wiedervereinigung aber ist ein Problem. Wenn Bayern Milliarden für die Mütterrente fordert, gilt es als Folklore, wenn Ost-Regierungschefs Änderungen an der Rentenreform wollen, sind sie gierig und undankbar. Es würde reichen, einfach beide Vorhaben als teuer und falsch zu kritisieren.Wir können uns natürlich auch weiter alle richtig Luft machen, dabei das rasante gesamtdeutsche Wachstum der AfD und die Gründe dafür geflissentlich ignorieren, dem Osten die Schuld geben und uns stattdessen mit schon zigmal erzählten (Vor-)urteilen über Ossis ablenken. Oder wir nehmen die Partei endlich als gesamtdeutsche Gefahr wahr, die es gemeinsam zu bannen gilt. Anderenfalls werden wir über kurz oder lang mit einer AfD-Regierung nicht nur in Magdeburg, sondern auch in Stuttgart, Mainz oder Berlin dastehen.