In Sachsen-Anhalt droht eine AfD-Regierung. Doch das eigentliche Problem geht über das Bundesland hinaus. Das liberale Zeitalter ist vorbei.

Ob Ost, ob West, aufwärts geht die AfD-Pest

Jan Woitas/dpa

E s greift mächtig zu kurz, die bevorstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und eine möglicherweise daraus resultierende AfD-Regierung damit zu erklären, dass die Ossis undankbar und durchgeknallt seien. Oder dass die Wessis sie seit der Aufnahme in die Bundesrepublik systematisch benachteiligt und betrogen hätten. Die Ossi-Wessi-Sache ist ein Faktor, aber man sollte sie in einen größeren Rahmen einordnen. Nämlich: Wir leben in einer neuen Welt, von der wir nicht annähernd wissen, wie sie funktioniert.

Ein zeitlicher Bezugspunkt ist 1989, das Ende der Sowjetunion, des totalitären Sozialismus als global prägender Faktor und damit auch der DDR. Ein zweiter ist der 24. Februar 2022, der Tag, an dem Russland seinen Angriffskrieg auf Europa begann. In diesem Moment, ich folge hier dem Historiker Timothy Garton Ash, war nicht nur die Nachkriegszeit, sondern auch die Nachwendezeit zu Ende. Defätistisch könnte man seufzen: Unsere Zeit war damit zu Ende, und damit meine ich nicht uns westliche Boomer, sondern die liberalemanzipatorische Phase, von der ich bis vor Kurzem noch denken wollte, dass sie immer weiter ausgedehnt werden würde.