Merz wackelt, die SPD geht unter, die deutsche Empörungsmaschine läuft auf Hochtouren: Was eine Regierungsübernahme der AfD in Sachsen-Anhalt bewirken würdeIn zwei Wochen wird ein neuer Landtag in dem ostdeutschen Bundesland gewählt. Danach könnte es vorbei sein mit der Bundesrepublik, wie wir sie kannten: stabil, übersichtlich, verlässlich.23.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZAm Sonntag, dem 6. September, um 18 Uhr hält Deutschland den Atem an. Auf den Bildschirmen von ARD und ZDF geht der blaue Balken der AfD hoch. Die Moderatoren verkünden die Wahlprognosen ihrer Sender, geschäftsmässig, aber eine Spur nervös. Die Rechtsaussenpartei gewinnt, ein Erdrutschsieg. Gab es eine Wahl in der bald achtzigjährigen Geschichte der Bundesrepublik, die wichtiger war? Potenziell folgenreicher als jene, die in zwei Wochen in Sachsen-Anhalt, dem kleinen ostdeutschen Bundesland, ablaufen wird?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es gab jedenfalls keine Wahl in Deutschland nach 1945, die auf eine so gespaltene Gesellschaft, ein so verunsichertes, zerbrechliches politisches Establishment trifft. Der Sieg der Partei, die vom Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt als rechtsextremistisch eingestuft wird, gilt als sicher. Nur die Höhe ist unklar. Wird die AfD ihr erstes Bundesland regieren können? Oder schaffen es die anderen Parteien noch einmal gerade so, eine wacklige Minderheitskoalition zusammenzuschustern, toleriert von der extremen Linken?Der politische Kompass der Republik dreht sich nach dieser Wahl. Ihr Ausgang hat Folgen für den Kanzler in Berlin, womöglich für die staatlichen Institutionen, die Unternehmer, die Medien, Deutschlands Partner in der EU. Wie heisst es doch im Werbespot der AfD in Sachsen-Anhalt: «Es beginnt hier. Von hier geht es weiter, und alles ist möglich.» Eine raue Frauenstimme, die Nena imitiert, singt die Zeilen. Vielleicht weiss sie gar nicht, wie recht sie hat.Die KanzlerfrageDie Probleme von Friedrich Merz werden schon in der Wahlnacht beginnen. Eine absolute Mehrheit für die AfD in Sachsen-Anhalt, die erste Regierungsübernahme durch eine rechtsextreme Partei in der Geschichte der Bundesrepublik wären ein Debakel für den Kanzler. Ein Grossteil der Verantwortung für dieses Ergebnis würde ihm zugeschoben werden. «Merz hat versagt», wird es heissen. Der unpopulärste Kanzler, den die Deutschen je hatten, hat es nicht geschafft, das Ruder herumzureissen, den Aufstieg der AfD zu stoppen, grosse Reformen auf den Weg zu bringen. Die Kanzlerfrage wird wieder gestellt, in den Medien, der eigenen Partei, vehementer denn je.Und gelingt der AfD am Ende doch nicht der Sprung an die Macht in Magdeburg, wird es auch nicht besser für Merz. Ein monatelanges Ringen um eine Notkoalition in Sachsen-Anhalt kann der Kanzler schwerlich als Erfolg verkaufen. Die politische Perspektive fehlt ja – bei einem Anti-AfD-Bündnis in Magdeburg wie bei der glücklosen Koalition in Berlin. Niemand glaubt mehr, Merz werde sein Amt plötzlich erfolgreicher führen, mehr Mut, mehr Geschick an den Tag legen, der AfD das Wasser abgraben können.Wird ihn die Fraktion der Unionsparteien im Bundestag nach der Wahl in Sachsen-Anhalt stürzen? Kaum vorstellbar. Noch halten sich die zwei potenziellen Anwärter auf das Kanzleramt, Markus Söder und Hendrik Wüst, die Ministerpräsidenten von Bayern und Nordrhein-Westfalen, bedeckt. Doch Merz ist der Kanzler auf Abruf, Monate des politischen Siechtums werden folgen.Das Ende der BrandmauerNur zwei Wochen nach Sachsen-Anhalt wird wieder gewählt: in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Die AfD hat dort keine Chance auf eine eigene Mehrheit zum Regieren. Doch ihr Sieg in Sachsen-Anhalt wird sie beflügeln, ihre Stimmanteile verdoppeln, vor allem aber eine neue Wahrheit in Deutschland offenbaren: Die Brandmauer ist weg. Sie hat sich als gänzlich unbrauchbar erwiesen, die Rechtspartei kleinzuhalten. Sie ist vielen Wählerinnen und Wählern am Ende nicht mehr vermittelbar gewesen.CDU-Politiker wie Sven Schulze, der amtierende Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, haben den Begriff Brandmauer schon gar nicht mehr in den Mund nehmen wollen. Immer wieder hörte Schulze im Wahlkampf diesen Satz von seinen Bürgern: «Wenn man eine Partei ausgrenzt, die vierzig Prozent der Wähler hinter sich hat, dann ist das für mich undemokratisch.» Schulze wusste keine rechte Antwort darauf, ebenso wenig wie der Spitzenkandidat der SPD, der stellvertretende Ministerpräsident Armin Willingmann.Was aber kommt nach der Brandmauer? Wohl kaum eine Koalition mit der AfD. Ihr Wunsch nach einer ethnisch reinen Gesellschaft und ihre verächtliche Haltung gegenüber den demokratischen Institutionen in Deutschland schliessen für die anderen Parteien ein Regierungsbündnis aus.Doch statt die in Teilen rechtsextreme Partei in den Parlamenten weiter zu isolieren, werden ihre Gegner zurückstecken. AfD-Abgeordnete werden etwas leichter zum Vorsitz eines parlamentarischen Ausschusses kommen oder das Amt eines stellvertretenden Landtagspräsidenten übernehmen, wie jetzt schon in Sachsen und Brandenburg. Die AfD wird «normaler» für den Politikbetrieb in Deutschland. Und sie wird beginnen, ihre Leute in Ämtern und Behörden zu platzieren. In Thüringen, wo die CDU-geführte Minderheitsregierung ohnehin wackelt, will sie etwa Björn Höckes Rechtsanwalt zum Verfassungsrichter machen. Blau – die Farbe der AfD – sickert in den Maschinenraum des Staates ein.Sturm in der Gesellschaft«Der gefährlichste Mann Deutschlands»: Das Nachrichtenmagazin «Spiegel» hatte die Latte hoch gelegt, als es dieser Tage die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und den Spitzenkandidaten der AfD, Ulrich Siegmund, zur Titelgeschichte machte.Der «Spiegel» hat zugleich den Ton vorgegeben für das, was nach dieser Wahl in Deutschland wohl losbricht, wenn der 35-jährige Siegmund tatsächlich Regierungschef ist: Strassendemonstrationen «gegen rechts», landauf, landab, Sit-ins vor der Staatskanzlei in Magdeburg, Streikaufrufe, Boykottaktionen von Künstlern, Medienkampagnen aus Hamburg und anderswo, das letzte Gefecht des MDR, des öffentlichrechtlichen Mitteldeutschen Rundfunks, der sich gegen seine Schliessung in Sachsen-Anhalt wehren wird.Den Sendevertrag will Siegmund als neuer AfD-Ministerpräsident erklärtermassen gleich am ersten Arbeitstag kündigen – die Kündigungsfrist für die Fernsehanstalt läuft dann zwei Jahre.Umgekehrt wird ein Wahlsieg der AfD der rechtsextremen Szene einen grossen Schub geben. In Sachsen-Anhalt ist sie stark vertreten. Neben der AfD listet der Verfassungsschutz die Partei «Die Heimat», ehemals NPD, auf, den «III. Weg», Schlägergruppen wie «Harz verteidigen». Auf mehr als 5000 Personen schätzt die Behörde die Zahl gewaltbereiter Rechtsextremer im Bundesland.Ein Sieg der AfD könnte die Szene enthemmen. Schon vor der Wahl wurden in Sachsen-Anhalt Parallelen zur Gewalt im Ostdeutschland der neunziger Jahre gezogen. Deshalb sind nach der Wahl Angriffe auf die Aufnahmezentren für Flüchtlinge in Halberstadt und Stendal durchaus denkbar, auf die Synagogen in Halle und Magdeburg, auf Linke und Homosexuelle, vor allem in der ersten Zeit bis zur Konstituierung des neuen Landtags und zur Wahl eines Ministerpräsidenten.Bund gegen LandMit einer autoritär-rechtspopulistischen Regierung in Sachsen-Anhalt würde Deutschland Neuland betreten. Eine solche Regierung würde quer zum politischen Konsens von Bund und Ländern liegen, Streit über rechtliche Grundfragen provozieren. Sie wäre ein Stresstest für die staatliche Ordnung.Was, wenn der AfD-Ministerpräsident die Auflösung der Landesbehörde für Verfassungsschutz anordnet? Etwas, was Ulrich Siegmund im Fall einer Regierungsübernahme in Erwägung zieht, wie er sagte. Wenn das Bundesland in grossem Stil Einbürgerungen zurücknimmt, eine eigene Polizei zur Abschiebung von Migranten aufstellt und sie dann zu Razzien in die Städte losschickt? Wenn plötzlich Heimschulen entstehen, wo Kinder eine Art germanischen Volksunterricht erhalten? Oder russische Geschäftsleute eingeladen werden, um den bilateralen Handel ungeachtet der EU-Sanktionen wieder anzukurbeln?Im deutschen Grundgesetz gibt es den sogenannten Bundeszwang, festgelegt in Artikel 37 – und noch nie angewandt. Die Bundesregierung könnte einem AfD-Land Weisungen erteilen, wenn dieses Recht bricht oder rechtliche Aufgaben nicht erfüllt. Ob das Sinn ergibt, ist fraglich. Es gibt andere Mittel, finanzielle zumal, um den Streit mit einer Landesregierung der AfD auszufechten: Sachsen-Anhalt gehört zu den am höchsten verschuldeten Bundesländern in Deutschland. Auch Siegmund braucht Geld für seine Politik.Die Lust der SPD am UntergangNoch vor der Wahl in Sachsen-Anhalt hat die Führung der SPD zu wackeln begonnen. Die Lust am Untergang ist gross in der Partei, die eine konstituierende Kraft der alten Bundesrepublik war. Das ist vorbei. Die SPD von Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder wird sich in Sachsen-Anhalt laut Umfragen knapp über die Fünf-Prozent-Hürde schleppen. Ihre Wähler hat sie an die AfD und die Linke verloren. Die Quittung dafür werden Lars Klingbeil und Bärbel Bas, die beiden Minister und SPD-Vorsitzenden, bekommen.In der Partei ist der Unmut über das Führungsduo gross. Mehr noch aber über das Regieren selbst. Viele Genossen an der Basis wollen die schwarz-rote Koalition mit Merz nicht mehr, die ihnen Kompromisse in der Finanz- und der Sozialpolitik abverlangt. Klingbeil ist zu schwach, um die SPD umzusteuern, Bas gar nicht erst interessiert. Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist der Startschuss für ihre Demontage.Das Auswechseln der SPD-Spitze wird noch mehr Unruhe in die deutsche Regierung bringen, noch grössere Anstrengungen der Sozialdemokraten, Reformen zu bremsen, möglicherweise das Ende der Regierung und Neuwahlen.Misstrauen in EuropaEin Erdrutschsieg der AfD in Sachsen-Anhalt am 6. September wird Europa schocken. Mit Ausnahme der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), bei der sich Ulrich Siegmund Tipps fürs Regieren holte, können sich selbst die grossen Rechtsaussenparteien in der EU nicht wirklich für die Alternative für Deutschland erwärmen. Sie ist ihnen zu extrem, das fortgesetzte Spielen mit Tabubrüchen angesichts der NS-Zeit stösst sie ab. Wird Deutschland unberechenbar? Das Misstrauen gegenüber den Deutschen wird wieder wachsen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel