Wird Ulrich Siegmund Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt? Er wolle sich «nicht verbiegen», sagt der AfD-PolitikerDie AfD wird Stimmen aus anderen Fraktionen brauchen, um ihren Spitzenkandidaten ins Amt zu heben. Darauf will Siegmund aber nicht angewiesen sein. Vorerst hat er die Zeit auf seiner Seite.08.09.2026, 04.30 Uhr4 LeseminutenLächeln nach dem Wahlsieg: Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund im Haus der Bundespressekonferenz.Liesa Johannssen / ReutersDie AfD-Vorsitzenden Tino Chrupalla und Alice Weidel wirkten zufrieden, als sie am Montagmorgen im Berliner Haus der Bundespressekonferenz Platz nahmen. Der Grund dafür sass links von ihnen: Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Er hat für seine Partei bei der Wahl zum Landesparlament das bis anhin beste Wahlergebnis ihrer Geschichte eingefahren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die AfD kam auf 43,8 Prozent der Stimmen, die bisher stärkste Regierungspartei CDU stürzte auf 17,2 Prozent ab. «Ich glaube nicht an Zufälle, ich glaube an Fügung», sagte Weidel und lächelte.Weidels Freude konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die AfD ihr wichtigstes Ziel verfehlt hat. Sie wollte auf die absolute Mehrheit der Mandate kommen; drei Sitze trennen sie nun von dieser Mehrheit. Jetzt spricht die AfD nach eigenen Angaben mit Politikern anderer Parlamentsfraktionen, die Siegmund womöglich zum Ministerpräsidenten wählen könnten.Diese Gespräche seien «bereits heute Nacht angestossen» worden, sagte Siegmund auf Nachfrage. Man halte Ausschau nach einzelnen Fraktionen und Abgeordneten, «die mit uns die gemeinsame historische Aufgabe stemmen wollen».Es ist ein bemerkenswertes Eingeständnis. Denn Siegmund hatte im Wahlkampf die Maxime ausgegeben, die AfD wolle allein regieren oder gar nicht; Berichte, wonach die AfD nach der Wahl plant, mit möglichen Überläufern aus der CDU zu sprechen, wies er zurück. Siegmund schränkte allerdings am Montag ein, er brauche für eine Regierung eine «stabile Mehrheit», auf die er sich verlassen könne. Eine Mehrheit für blosse «Schönwetterlagen» reiche nicht aus.Siegmund scheut sich vor einer instabilen RegierungAn der Pressekonferenz am Montagmorgen gab sich Siegmund für seine Verhältnisse staatsmännisch. Er sprach von der politischen Verantwortung, der sich seine Partei bewusst sei, und von dem Regierungsauftrag, den ihm die Wähler erteilt hätten. Und er relativierte seine Äusserungen vom Wahlabend, die einen gewissen Unmut an der Parteispitze erzeugt hatten.Aus Sicht der Parteispitze hatte Siegmund seine Strategie am Wahlabend wohl etwas zu freimütig ausgesprochen, als er im ZDF sagte, sollte die AfD nicht stark genug sein, werde es notfalls «halt Neuwahlen geben, dann haben wir halt 50 oder 55 Prozent». Chrupalla sagte am Sonntag, selbstverständlich werde Siegmund auch die Option einer Minderheitsregierung erörtern. Am Montag schränkte Chrupalla allerdings ein, er wolle nicht, dass Siegmund als schwacher Ministerpräsident «durch die Manege gezogen» werde.Siegmund sagte im Haus der Bundespressekonferenz, er sei dem Co-Parteivorsitzenden Chrupalla dankbar, dass dieser die «Perspektive» einer möglichen AfD-Minderheitsregierung in Sachsen-Anhalt aufgeworfen habe. Mit diesem Nachsatz glättete er rhetorisch den wohl ersten Richtungsstreit innerhalb der AfD nach der Wahl.Siegmund hat indes gute Gründe dafür, sich vor einer instabilen Regierung zu scheuen. Denn erst die Tatsache, dass die AfD in Sachsen-Anhalt bislang jede Regierungsbeteiligung ausgeschlossen hat, hat die Rechtspartei derart stark gemacht. Dabei kam ihr zugute, dass auch die etablierten Parteien alle Formen der Zusammenarbeit mit ihr abgelehnt hatten. In den Augen vieler Wähler ist es gerade der Mangel an Kompromissbereitschaft in grundsätzlichen Fragen, der die AfD für sie attraktiv macht.Das macht die Verhandlungsposition der AfD überaus komfortabel. Finden sich genug loyale Überläufer, etwa aus der CDU und dem BSW, könnte sie allein regieren. Siegmund setzt allerdings auch darauf, dass AfD-Wähler es womöglich honorieren würden, wenn er das Ministerpräsidentenamt ausschlägt. Dann könnte Siegmund ihnen das als Beweis dafür verkaufen, dass sich die AfD für die Macht «nicht verbiegt», wie er sich am Montag ausdrückte.Eine Neuwahl könnte klare Verhältnisse herbeiführenBleibt der AfD in einem Bundesland die Macht verwehrt, ist es in der Regel die CDU, die in dem Fall parlamentarische Mehrheiten mit Parteien links der Mitte sucht. In den Bundesländern Sachsen und Thüringen lässt sie sich sogar von der Linkspartei dulden. Diese Zusammenarbeit mit linken Partnern hat die CDU in beiden Bundesländern geschwächt.Sachsen-Anhalts amtierender christlichdemokratischer Ministerpräsident Sven Schulze entschied sich deshalb nach seiner Wahlniederlage für eine andere Strategie. Er spielte am Montag den Ball zurück an die AfD.Die CDU sei von nun an in der Opposition und der Regierungsauftrag liege bei Siegmund, sagte Schulze am Montag. Überläufer aus der CDU werde es nicht geben, notfalls werde das Bündnis Sahra Wagenknecht die AfD stützen. Damit spielte Schulze darauf an, dass das BSW Siegmund ins Amt verhelfen könnte, sollte er bei den ersten beiden Wahlgängen im Parlament nicht auf die erforderliche absolute Mehrheit kommen. Politiker des BSW hatten zwar gesagt, dass sie nicht für Siegmund stimmen würden. Im dritten Wahlgang wäre allerdings keine absolute Mehrheit mehr erforderlich: Dort braucht es lediglich eine einfache Mehrheit. Das BSW kündigte an, sich in dem Fall zu enthalten. Würde mindestens noch ein weiterer Abgeordneter aus einer der anderen Parteien sich enthalten, hätte Siegmund die nötige Mehrheit.Ob sich Siegmund auf dieses Spiel einlässt, ist mehr als fraglich. Er sagte am Montag: «Eine Enthaltung ist für mich keine stabile Mehrheit.» Wechselnde parlamentarische Mehrheiten für einzelne Gesetzesvorhaben, wie sie das BSW anstrebt, hat Siegmund noch vor der Wahl ausgeschlossen.Vorerst wird Schulze geschäftsführend als Ministerpräsident im Amt bleiben. Sollten aber sowohl er als auch Siegmund auf das Ministerpräsidentenamt verzichten, könnten auf Sachsen-Anhalt Neuwahlen zukommen. Für Ulrich Siegmund wäre es womöglich das perfekte Szenario.Passend zum Artikel
Ulrich Siegmund: Wird der AfD-Politiker Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt?
Die AfD wird Stimmen aus anderen Fraktionen brauchen, um ihren Spitzenkandidaten ins Amt zu heben. Darauf will Siegmund aber nicht angewiesen sein. Vorerst hat er die Zeit auf seiner Seite.














