Pro Artikel«Agent 47» kontaktiert einen schwedischen Teenager: ob er für 25 000 Euro eine Aufgabe erledigen wolle?Die iranische Führung droht mit der Eskalation – und lässt in Europa kriminelle Banden Terroranschläge durchführen. Die jugendlichen Täter wissen oft gar nicht, für wen sie eigentlich arbeiten.Petra Ramsauer06.09.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenGetty; Bearbeitung NZZaSDer 19-jährige Norweger Johannes Natland ist Ende Juli wegen versuchten Mordes in London verurteilt worden. Via eine Chat-App schrieb ihm eine Person, die sich «Agent 47» nannte: ob er bereit wäre, für zirka 25 000 Euro eine Aufgabe zu erledigen? Der Ort des Einsatzes: «Grossbritannien. Einfacher geht es nicht.» Natland, ein Schulabbrecher, der Drogen konsumierte und zeitweise wegen einer Psychose in einer Klinik war, sagte zu. Er erhielt ein Flugticket und Anweisungen, wo er in einem Waldstück Waffen finde. Dann verhafteten ihn britische Behörden gerade noch rechtzeitig im März 2025, nachdem sie von Kollegen in Norwegen über den Plot informiert worden waren. Sie fanden den Jugendlichen in einem Hotelzimmer, wo auch Schusswaffen und Munition bereitlagen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wen er hätte töten sollen, war ihm bis dahin nicht gesagt worden – und auch die Ermittler konnten dies nicht klären. Gesichert ist aber, dass es kein gewöhnlicher Kriminalfall war, sondern ein vereitelter Anschlag, organisiert von einer Bande in Schweden, im Auftrag des iranischen Regimes.Der 19-jährige Johannes Natland wurde festgenommen, bevor er zur Tat schreiten konnte.PDWährend die USA dieser Tage neue Angriffe auf iranische Ziele nahe der Strasse von Hormuz fliegen, hat das Regime längst eine weniger auffällige Terroroffensive gestartet. Dabei entsendet Teheran nicht wie früher Schläferzellen iranischer Agenten in die Welt, sondern setzt auf die Rekrutierung kleinkrimineller Teenager, die oft gar nicht wissen, wer ihr wirklicher Auftraggeber ist.Die Taktik: «violence as a service»Ihre Anwerbung übernehmen meist Banden aus dem Milieu der organisierten Kriminalität, die mit den Auslandseinheiten der iranischen Revolutionswächter kooperieren. Diese heuern Jugendliche online in Chatrooms an, versprechen ihnen ein paar hundert bis zu Tausende Euro, wenn sie «Aufträge» erledigen. Ihre Aufgaben werden mittels Videos erklärt, die martialische Computerspiele imitieren, kommuniziert wird nur via Internet. Bezeichnet werden solche Angriffe als VaaS-Taktik, abgeleitet vom englischen Begriff «violence as a service».Erstmals Kenntnis von solchen Anschlägen nahm die Öffentlichkeit 2024, als es zu einer Angriffsserie in Skandinavien kam. Ein 14-Jähriger schoss auf die israelische Botschaft in Stockholm, in Kopenhagen warfen zwei Jugendliche Handgranaten. Als sie von der Polizei verhaftet wurden, zeigte sich: Sie waren, wie auch später Johannes Natland, von einer ominösen Bande mit dem Namen Foxtrot angeheuert und mit Waffen versorgt worden. Deren Chef: Rawa Majid, der sich aus Schweden erst in die Türkei, dann 2023 nach Teheran absetzte.Seither soll Foxtrot als Instrument des iranischen Regimes fungieren. Laut BBC-Quellen ist das Netzwerk für 35 Morde verantwortlich. Neben der Gewalt gegen verfeindete Banden nimmt Foxtrot im Auftrag Teherans Dissidenten und Regimegegner ins Visier sowie jüdische und israelische Einrichtungen in Europa. Seit Kriegsbeginn ist das Terrornetzwerk weltweit so aktiv wie schon lange nicht mehr. Allein in Europa wurden seit März bis zu siebzehn Angriffe gezählt. Eines der Attentate richtete sich gegen eine jüdische Synagoge in der belgischen Stadt Lüttich, die nachts mit einem Sprengsatz attackiert wurde, es folgte eine jüdische Schule in Amsterdam, Ende März wurden in London Rettungswagen einer jüdischen Wohlfahrtsorganisation in Brand gesteckt.Auf pro-iranischen Kanälen im Internet meldete sich danach eine mysteriöse Miliz namens Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiya (Hayi), die sich zu den Angriffen bekannte. Es seien Racheaktionen für den Krieg gegen Irans Regierung. Wie sich mittlerweile herausgestellt hat, steckt der 32-jährige Iraker Mohammed Bakir al-Saadi dahinter. Er war in seinem Heimatland Kommandant in einer schiitischen Miliz, die direkt mit Irans Revolutionswächtern kooperiert. Für das Regime in Teheran hat er die Terrorwelle im Frühling mitorganisiert. Dies zeigt eine verschlüsselte Nachricht, die er am 7. März über den Messengerdienst Telegram an die «Schattensoldaten», wie er es nannte, versandte: «Alle schlafenden Zellen haben somit die Erlaubnis, ihre Arbeit aufzunehmen.»Mohammed Bakir al-Saadi soll «Schattensoldaten» aktiviert haben.Screenshot FacebookIm Mai wurde er in Istanbul verhaftet, danach an die USA ausgeliefert, die ihm vorwerfen, mehrere Angriffe auf jüdische Ziele in Amerika vorbereitet zu haben. Die Anklageschrift erlaubt einen Einblick in das Vorgehen Teherans: Die Strategie beruhte auf einer Kooperation Saadis mit der organisierten Kriminalität: Banden, die Aufträge des Regimes annahmen oder weitervermittelten.Etwa an drei Teenager in Frankreich. Die 16- und 17-Jährigen wurden gerade noch rechtzeitig verhaftet, bevor sie Ende März mitten in der Nacht eine Bombe vor die Filiale der Bank of America in Paris legen konnten. Ihnen wurden von einem anonymen Kontakt im Internet rund 1000 Euro angeboten.Sind die Europäer vorbereitet?Im Sommer, nach al-Saadis Verhaftung, ist es ruhiger geworden um das Netzwerk. «Das ist aber kein Grund zur Entwarnung», sagt Peter Neumann, Professor für Sicherheitsstudien und Terrorexperte am King’s College in London. «Dieser Schaden wurde von einem einzigen Mann angerichtet. Das vermittelt eine Ahnung davon, was passieren könnte, wenn eine grössere Gruppe von Agenten der iranischen Revolutionswächter aktiv wird.» Die jüngste Terrorwelle in Europa illustriere, wie komplex Irans Strategie sei. «Ich bin mir nicht sicher, ob Europas Behörden auf diese Herausforderung ausreichend vorbereitet sind», sagt Neumann.Versuche, sie zu stoppen, sind aber im Gang. Europol hat bereits im Vorjahr eine Task-Force für die Bekämpfung der VaaS-Taktik eingerichtet, im Juni wurde die Terrorwarnstufe wegen der steigenden Gefahr radikalisierter Einzeltäter erhöht. Ähnlich beurteilt der Schweizer Nachrichtendienst das Risiko in seiner gegenwärtigen Lagebeurteilung. Der Krieg in Iran erhöhe das Risiko von Anschlägen.Die Schweizer Behörden warnen allerdings auch vor Cyberangriffen auf kritische Infrastruktur. Diese Form der hybriden Kriegsführung ist neben dem Einsatz von kriminellen Banden einer der zentralen Pfeiler der Strategie Irans. Das Ziel bleibt dasselbe: mit wenig Schaden möglichst viel Panik schüren; den Eindruck untermauern, Irans Regime könne, wenn es wolle, härter zuschlagen. Dutzende Angriffe vor allem in Israel und den USA, aber auch in Europa wurden verübt. Iranische Hacker legten Ende Juli ein kleines Kraftwerk in Grossbritannien während vier Tagen lahm. Dabei sei es nicht darum gegangen, die Energieversorgung zu gefährden, sondern zu signalisieren, dass man in die Systeme eindringen könne, lautet die Interpretation der britischen Behörden.Wird Irans Regime diese Art der psychologischen Kriegsführung forcieren, je stärker es im Krieg mit den USA und Israel unter Druck kommt? Prognosen seien schwierig, meint Oded Ailam. Er war Chef der Anti-Terror-Einheit des israelischen Auslandsgeheimdiensts Mossad und ist heute Iran-Experte des Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs. «Das grosse Fragezeichen ist aus meiner Sicht nicht so sehr, ob Irans Führung den Willen, sondern die Kapazität für grosse Angriffe hat.» Die Gefahr einer Eskalation sei nicht zu unterschätzen. «In Iran ist faktisch ein Coup im Gange, und es sind jetzt Hardliner an der Macht, die Irans Terrorstrategie von der Stunde null an entwickelt, Schläferzellen und Netzwerke in der gesamten Welt etabliert haben.»Besonders der Hardliner Mohsen Rezaei spielt eine zentrale Rolle. Er wurde Ende Juli zum Sekretär des Obersten Rates für nationale Sicherheit gekürt, wo die zentralen militärischen und aussenpolitischen Entscheidungen getroffen werden. Ein Dekret des verschollenen Obersten Führers Mojtaba Khamenei hat ihn ins Zentrum der Macht gehievt und nicht nur als Sekretär sondern auch als seinen Stellvertreter in dem Gremium verankert.Der Hardliner Mohsen Rezaei stieg ins Zentrum der Macht in Iran auf.Mohammed Salem / Reuters«Alle Länder, die sich neuen Sanktionen der USA anschliessen, betrachten wir als Feinde unseres Landes, und sie müssen mit entsprechenden Folgen rechnen», so drohte Rezaei, kaum war er im Amt. Eine ernst zu nehmende Warnung von einem Mann mit seiner Vergangenheit. 1981, er war gerade 27 Jahre alt, wurde ihm von Ruhollah Khomeiny das Kommando der Revolutionswächter übertragen. Er zog die Fäden, als die Auslandseinheiten ihr globales Netzwerk knüpften. Er gilt als Mastermind internationaler Attentate, soll 1994 mit dem damaligen Auslandschef der Revolutionswächter Ahmad Vahidi den Anschlag auf das jüdische Kulturzentrum in Buenos Aires geplant haben, das 85 Menschen das Leben kostete.Das Regime kämpft nach sechs Monaten Krieg um sein Überleben. Wird es nun mit spektakulären Grossanschlägen den Terror eskalieren lassen? Eher nicht, vermutete Adrian Shtuni, Forscher des International Center for Counter-Terrorism. «Vielmehr wird die bisherige Strategie fortgesetzt, mit Cyberangriffen und kleinen Anschlägen Panik zu schüren.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»3 KommentareBoris Kebbel 07.09.20262 EmpfehlungenHilfswillige Schwachköpfe!
Cyberangriffe und Attentate: Wie der Iran Teenager für Terror rekrutiert
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