KommentarDas Rezept für Deutschland? Mehr Vertrauen wagenWie nur mit der AfD umgehen? Die politische Wirklichkeit lässt sich vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und bald danach in Mecklenburg-Vorpommern immer schlechter verdrängen.06.09.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAfD-Wahlkampf in Ostdeutschland: Die Rechtsaussenpartei ist hinter der Brandmauer nur immer grösser geworden.Craig Stennett / GettyDieser Wahlsonntag im ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt ist ein Tag der Wahrheit für Deutschland. Oder genauer: ein Tag, an dem die Deutschen die politische Wirklichkeit in ihrem Land endlich annehmen müssen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die rechtspopulistische, in Teilen rechtsextreme Partei Alternative für Deutschland ist dreizehn Jahre nach ihrer Gründung zur stärksten politischen Kraft in Ostdeutschland geworden – mit Ausnahme von Berlin und Brandenburg – und stabil verankert im Westen des Landes. Die Augen davor zu verschliessen, diese Partei weiter zu isolieren und deren Wähler von der politischen Teilhabe auszusperren, ergibt keinen Sinn mehr. Der Schaden, den die Demokratie in Deutschland dadurch nimmt, ist grösser als die Risiken, die es birgt, die AfD als politischen Mitbewerber zu akzeptieren.Doch das ist die Sicht von aussen. Aus der Schweiz zumal, dem Land der Konkordanzdemokratie, das auch politisch gegensätzliche Kräfte einbindet und mit Unverständnis auf den deutschen Nachbarn blickt: Wo ist das Problem? Entweder die AfD ist verfassungsfeindlich, und dann wird sie per Gerichtsbeschluss verboten. Oder sie ist es nicht, und dann haben ihre demokratisch gewählten Mandatare die gleichen Rechte wie die anderer Parteien, können Koalitionen bilden und regieren. Null oder eins. Dazwischen gibt es nichts. In Deutschland schon.Auch in Deutschland ist «Biedermann und die Brandstifter» Teil der Schullektüre. Die Lehre: niemals wegschauen, Verantwortung übernehmen, die freiheitliche Demokratie schützen, die offenbar nie anders als fragil erscheint. Artikel 79 des deutschen Grundgesetzes zählt zu den ersten Themen, die Jugendliche im Sozialkundeunterricht hören: Das Grundgesetz hat einen unveränderbaren Kern, keine parlamentarische Mehrheit, kein Ermächtigungsgesetz kann ihn mehr abschaffen.«Wehrhafte Demokratie» ist eine Idee, mit der junge Deutsche und Österreicher seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Diktatur aufgewachsen sind. Das unterscheidet sie von den anderen Europäern, auch jenen mit der Erfahrung faschistischer Gewaltherrschaften. Verfassungspatriotismus, nicht nationaler Patriotismus, war der weithin geteilte Konsens in der alten deutschen Bundesrepublik.Aber all diese Gewissheiten hat der Aufstieg der AfD erschüttert. Was will diese Partei wirklich? Wie weit wird sie gehen mit ihrem Versprechen eines Machtwechsels in Deutschland?Hinter der vulgären, aggressiven Rhetorik von Funktionären der AfD schimmern die Gegnerschaft zur bestehenden politischen Ordnung und der Wunsch nach Revanche. «Vater Staat ist ein nach Dope stinkender fauler Asi, der sein Geld für Nichtstun bekommt, um regelmässig die Internationale zu lallen», rief der Vorsitzende der AfD in Sachsen-Anhalt, Martin Reichardt – ein Westdeutscher übrigens –, jüngst unter johlendem Beifall beim Parteitag der Generation Deutschland, der Jugendorganisation der AfD. Die deutsche Muttersprache sei ein «aufgedunsenes, intersektionales, feministisches Flittchen» mit grünen und zerzausten Haaren, «weil Vater Staat sie dreimal täglich durchgendert».Soll man, muss man eine solche Partei als politische Partnerin behandeln, weil sie ja nicht als verfassungsfeindlich verboten ist? Aus deutscher Sicht ist das schwierig. Weit schwieriger als für andere in Europa.Die wehrhafte Demokratie knickt ein, wenn sie eine Partei wie die AfD akzeptiert. So liesse sich argumentieren. AfD-Politiker sprechen vom «Schuldkomplex», wenn es um die Verantwortung Deutschlands für den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg geht. Und von «amerikanischer Indoktrination», wenn es um den Aufbau der marktwirtschaftlichen Demokratie in Westdeutschland nach 1945 geht. Beides aber – die Lehren aus der NS-Vergangenheit und der demokratische Wiederaufbau – ist die Basis der politischen Ordnung des heutigen Deutschland.Doch mit noch mehr Recht liesse sich argumentieren: Der deutschen Demokratie bleibt gar keine andere Wahl mehr, als die AfD einzubinden, wechselnde Mehrheiten zuzulassen, mit der Ungewissheit leben zu lernen, die eine Rechtsaussenpartei in Deutschland mit sich bringt. Millionen wählen sie mittlerweile. Die anderen aber sind immer noch in der Mehrheit. Sie können sich auf die solide, bald 80-jährige Geschichte bundesrepublikanischer Demokratie stützen und dafür arbeiten, die AfD-Wähler zurückzubringen. Mehr Vertrauen wagen ist die Losung für Deutschland.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Mehr Vertrauen wagen: Wie Deutschland mit der AfD umgehen sollte
Wie nur mit der AfD umgehen? Die politische Wirklichkeit lässt sich vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und bald danach in Mecklenburg-Vorpommern immer schlechter verdrängen.













