Hält die Brandmauer? Je näher die Wahlen im Osten rücken, desto größer wird bei manchem in der Union der Frust über fehlende Optionen, desto unzufriedener ist mancher Wähler, dass nur Mitte-Links-Bündnisse denkbar scheinen.Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) hatte am Dienstag bei Markus Lanz erklärt, er wolle sich von Linken und AfD nicht abhängig machen. Gibt es dann keine Mehrheit, gehe er davon aus, dass es über einen längeren Zeitraum keinen Ministerpräsidenten geben werde, so Schulz.„Jeder, der in der CDU ein wichtiges Amt innehat, hält sich an die Parteilinie, an die Brandmauer“, sagte Politikwissenschaftler Oliver Lembcke. Aber: „Hinter vorgehaltener Hand sprechen in den Landesverbänden viele von Gestaltungsmehrheiten, scheuen aber derzeit noch die Konsequenzen für die Union, die Zerreißprobe, den Dammbruch.“Empfohlener redaktioneller Inhalt An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. Externen Inhalt anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Manche tun das sogar ohne vorgehaltene Hand. In Mecklenburg-Vorpommern hatte der Landtagsabgeordnete und Kreistagspräsident Thomas Diener vor zwei Wochen angekündigt, die CDU zu verlassen und in die AfD einzutreten.„Dass nur noch Koalitionen zwischen CDU und linken Parteien möglich scheinen, macht die Leute unzufrieden – auch in der CDU“, sagte Lembcke. „Da rumort es. Und auch die Wähler fragen sich, wozu sie die CDU überhaupt noch wählen sollen.“Gerade im Osten komme Frust dazu. „Wahrscheinlich werden sich Einzelne zunehmend nicht mehr in der Pflicht sehen“, vermutete Lembcke mit Blick auf einfache Parteimitglieder. „Gerade in den Ostverbänden fordert man mehr Beinfreiheit vom Konrad-Adenauer-Haus.“ Tenor sei hier: Man wolle sich von westdeutschem Führungspersonal nicht vorschreiben lassen, mit wem man alles nicht koalieren dürfe, habe dann aber rechnerisch keine Mehrheiten mehr. „Das beschädigt die Wahlkämpfer“, sagte Lembcke. „Im Osten stärkt das eine Mentalität, wonach man sich nichts mehr vorschreiben lassen will. Ein solches Momentum könnte sich verselbstständigen.“ Bekannte Forderung Es sind nicht nur Einzelne, die sich ein Ende der Brandmauer vorstellen können.In Brandenburg hatten Mitglieder der CDU-Mittelstandsunion beantragt, die Brandmauer abzuschaffen. Deren Vizechef hatte im Gespräch mit dem Tagesspiegel gesagt, die Brandmauer sei falsch, man könne in Ostdeutschland nicht 30 bis 40 Prozent der Wähler ausgrenzen. Der Antrag wurde letztlich entschärft, deutet aber auf die Stimmung insbesondere in den Ost-Landesverbänden der CDU hin.Solche Forderungen sind nicht ganz neu. Nach der Bundestagswahl hatte etwa der CDU-Kreisverband Harz in Sachsen-Anhalt gefordert, den Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber der AfD aufzuheben. Auf kommunaler Ebene stimmen Parteien bei Sachfragen immer wieder mit der AfD.„In der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gab es immer wieder Überläufer von einer Partei zu einer anderen“, sagte AfD-Experte Benjamin Höhne im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Insofern sollte man auch ein solches Szenario im Auge haben. Dabei spielen längst nicht nur thematische Punkte eine Rolle, sondern auch Karriereambitionen oder die Aufrechterhaltung der eigenen politischen Erwerbsbiographie.“Durch ihre Radikalisierung mache es die AfD der CDU derzeit leicht, sich von ihr abzugrenzen, so Höhne. „Würde sich die AfD mäßigen, wie andere Rechtsaußenparteien in Europa, würde sicherlich mehr über Möglichkeiten und Grenzen einer Kooperation diskutiert werden.“In Mecklenburg-Vorpommern schlägt Spitzenkandidat Leif-Erik Holm etwa weniger radikale Töne an, als Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt. Auf der Bundesebene hat sich gerade ein neuer Bundesvorstand zusammengefunden, der inhaltlich keineswegs weniger extrem denkt, aber professioneller, verbindlicher auftritt.Auf der Sachebene, so beobachtet es Lembcke, sei es für CDU und AfD durchaus möglich, Kompromisse zu finden. „Sollten CDU und AfD in einem Land tatsächlich über eine Zusammenarbeit nachdenken, lägen sie bei Themen wie Russland, EU oder Nato natürlich weit auseinander“, räumte Lembcke ein. „Aber Populisten wie die AfD sind eben auch Opportunisten und da wären Kompromisse möglich. In der Industriepolitik zum Beispiel.“In der Bildungspolitik wäre man sich im Bekenntnis zur Heimat einig, vermutet Lembcke. „Ebenso wie beim Entzug von Förderung für missliebige Vereine.“ Den Verfassungsschutz würde die CDU nicht abschaffen, aber beide Parteien seien für mehr Polizisten. „Schnittmengen wären in den entscheidenden Punkten da.“Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze ließ bei Markus Lanz indes auch auf mehrfache Rückfrage offen, wie er mit entsprechenden Kooperationen umgehen würde. Ob er sich mit Stimmen von Linken oder AfD wählen lasse, ob er sich durch tolerieren lasse, darauf antwortete Schulze nicht.