Ein Sturm zu viel: Bedeutet die Migrationskrise von Ceuta das Ende von Pedro Sánchez’ Ära?Spaniens sozialistischer Regierungschef ist ein Meister des Machterhalts. Doch das Ende seiner langen Regierungszeit könnte näher rücken. Das hat auch mit seinen Sommerferien zu tun.05.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenNach Felipe González ist Pedro Sánchez der am längsten amtierende Ministerpräsident Spaniens seit Beginn der Demokratie im Jahr 1978. Die Rückkehr aus den Sommerferien war noch nie so schwierig.Susana Vera / ReutersWie sehr Pedro Sánchez inzwischen unter Druck steht, verriet eine flapsige Bemerkung zum Wochenbeginn: «Ich regiere seit acht Jahren. Der König ist seit mehr als zwanzig Jahren im Amt. Wie oft ist er nach Ceuta oder Melilla gereist? Noch nie», sagte der spanische Ministerpräsident ins Mikrofon des Radiosenders Cadena Ser.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sánchez verlängerte damit nicht nur fälschlicherweise die Amtszeit von Felipe VI. um acht Jahre. Er griff den König auch für etwas an, das dieser kaum allein entscheiden kann: Politisch heikle Reisen stimmt das Königshaus eng mit der Regierung ab.In vielen Krisen, die Pedro Sánchez seit seinem Amtsantritt 2018 erlebt hat, war Felipe VI. stets präsent. Doch Sánchez machte den König nie zum politischen Gegner. Selbst wenn sich Spanien über Katalonien, die Pandemie oder die Flutkatastrophe in Valencia zerstritt, hielt er das Staatsoberhaupt aus dem Freund-Feind-Schema der spanischen Tagespolitik heraus. Es gehörte zu Sánchez’ Stärken, auch unter grösstem Druck souverän zu wirken.Seit dem 31. Juli 2026 ist das anders.Der Chef ist wegAm 31. Juli reiste Pedro Sánchez nach Ceuta. Noch immer hielten sich dort Tausende Migranten auf, die in den 24 Stunden zuvor irregulär in die spanische Exklave gelangt waren. Er versicherte den Bewohnern Ceutas seine Solidarität, kündigte verstärkte Sicherheitsmassnahmen an und dankte Marokko schliesslich ausdrücklich für die gute Zusammenarbeit in der Migrationspolitik. Auf das Nachbarland, auf das Spanien bei Grenzkontrollen und Abschiebungen angewiesen ist, liess der Regierungschef nichts kommen.Dann entschwand er in die Sommerferien und tauchte erst an diesem Montag wieder in der Öffentlichkeit auf, in der Radiosendung von Cadena Ser, vier Wochen später. «Ich habe gearbeitet und mich erholt. Das ist mein Recht. Ich habe Zeit mit meiner Familie verbracht. Auch Politiker haben dieses Recht, selbst wenn ein Regierungschef nie ganz abschalten kann», erklärte er dort.Am 31. Juli lässt sich Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez von den Sicherheitskräften in Ceuta die Lage erläutern, die nach dem Ansturm von mindestens 70 000 irregulären Migranten auf die Grenzanlage herrscht.ImagoIn der Zwischenzeit verschärfte sich die humanitäre Lage in Ceuta, wo 2000, 6000, 8000 oder 10 000 Migranten zurückgeblieben waren. Wie viele genau, ist bis heute unklar. Während zwischen Polizei, Lokalpolitikern und dem Innenministerium noch Zahlen hin und her geschoben werden, tobt dafür zwischen der linken Zentralregierung und den mehrheitlich rechten Regionalregierungen bereits der Streit über die Verteilung der Migranten auf dem Festland.Wie gross das Wirrwarr in den vergangenen Wochen geworden ist, zeigt sich bis tief in das Kabinett hinein. In Sánchez’ Abwesenheit waren die Verteidigungsministerin Robles und der Innenminister Marlaska zu unterschiedlichen Interpretationen darüber gekommen, ob der spanische Geheimdienst vor dem Ansturm von Migranten gewarnt hatte oder nicht. Und sie fochten ihren Streit in der Öffentlichkeit aus.Robles bekräftigte diese Woche bei einer Anhörung im Kongress, der Geheimdienst habe «gewarnt», Marlaska dementierte das umgehend. Der Geheimdienst habe lediglich darauf «hingewiesen», dass seit Mitte Juli mehr Migranten irregulär in die Exklave kämen als zuvor.Sánchez’ grosses Problem ist MarokkoNoch heikler war die Forderung der Verteidigungsministerin Robles, dass Marokkos Regierung zur Aufklärung beitrage, und ihre Kritik an Rabats unverhohlenen territorialen Ansprüchen auf Ceuta und Melilla. Der Innenminister Marlaska widersprach erneut und erklärte am Mittwoch, es gebe keine Hinweise darauf, dass Rabat den Zustrom gesteuert habe. Gleichzeitig gelangte ein Untersuchungsbericht der Nationalpolizei an die Öffentlichkeit.Spanische Medien zitieren übereinstimmend aus dem Bericht. Einen konkreten Drahtzieher für den massiven Zustrom von Migranten nennt er nicht, wohl aber die auffällige «Nachsicht» der marokkanischen Sicherheitskräfte. Laut dem Bericht kann eine Aktion dieses Ausmasses nicht spontan, ohne interne Koordination und ohne zumindest minimale Unterstützung vor Ort entstanden sein.Ziel sei es gewesen, «die Reaktionsfähigkeit Spaniens auszuschalten». Dass sich so viele Menschen gleichzeitig am selben Ort versammelten, werten die Ermittler als weiteres Indiz für eine gezielte Organisation. Dahinter stehe ein Spezialisierungsgrad, den sie keiner der bekannten kriminellen Strukturen der Region zutrauten.Für Sánchez birgt der Bericht Sprengstoff, weil er eine zentrale Deutung des Regierungschefs in der Krise erschüttert: dass Rabat mit deren Auslösung nichts zu tun gehabt habe.Als Sánchez nach vier Wochen in die Öffentlichkeit zurückkehrte, war ihm die Deutungshoheit über die Krise entglitten. Die Bewohner von Ceuta waren erschöpft, seine Minister widersprachen einander öffentlich, und ausgerechnet ein Bericht der eigenen Behörden stellte seine Rückendeckung für Rabat infrage.«Ich weiss, dass viele Menschen glauben, dass die marokkanischen Behörden diese Krise verursacht haben, und ich verstehe auch, warum», erklärte Sánchez schliesslich am Donnerstag bei seinem ersten Parlamentsauftritt seit Beginn der Krise. Er sei sich der Zweifel, der Indizien und der Fragen bewusst, die in der Luft lägen. Aber es sei seine Aufgabe, die Krise mit Umsicht zu bewältigen, auf der Grundlage von belastbaren Beweisen «und nicht auf der Grundlage von unbestätigten Verdächtigungen und auch nicht aufgrund parteipolitischer Interessen. Denn es gibt Schritte, die, einmal unternommen, nicht mehr rückgängig gemacht werden können.»Aufgebrauchte ReservenDass eine Eskalation im Verhältnis zum Nachbarland wohlüberlegt sein sollte, davor warnen nicht nur einzelne Beobachter in Spanien, sondern auch solche in Brüssel. Die EU-Kommission betonte jüngst, wie wichtig Marokko als strategischer Partner Europas sei. Nach Ansicht der breiten Bevölkerung sitzt Sánchez damit aber in einer Falle, die ihm Rabat gestellt hat. Das zeigen aktuelle Umfragen, in denen zwei Drittel der Befragten dem Regierungschef ausserdem ein schlechtes Zeugnis bei der Krisenbewältigung ausstellen.Doch das erklärt nur einen Teil seiner Schwierigkeiten. Die Krise in Ceuta kann den spanischen Regierungschef heute auch deshalb so empfindlich treffen, weil seine politischen Reserven bereits vor dem 30. Juli weitgehend aufgebraucht waren.Mehrere Korruptionsaffären haben Sánchez und seine Partei schwer getroffen und seine Minderheitsregierung weiter geschwächt. Zugleich ziehen linke Kleinparteien sowie baskische und katalanische Regionalparteien immer stärker in unterschiedliche Richtungen. Mit den meist rechten Regionalregierungen liegt Madrid ohnehin im Dauerstreit.Früher gelang es Sánchez, Gegner zu isolieren, Verbündete zusammenzuhalten und nach Krisen wieder die Initiative zu übernehmen. Heute fehlt ihm dafür die politische Kraft. Jede neue Krise trifft deshalb auf eine Regierung, die ihre Reserven fast aufgebraucht hat. Genau das wittern Sánchez’ Gegner.2027 sind nationale, regionale und lokale Wahlen angesetzt. Die konservative und rechtsnationale Opposition steht bereit und fordert eine vorgezogene Parlamentswahl. Umfragen zeigen: Das rechte Lager könnte eine Mehrheit gewinnen.Passend zum Artikel
Migrationskrise in Ceuta: Bringt sie das Ende für Sánchez' Amtszeit?
Spaniens sozialistischer Regierungschef ist ein Meister des Machterhalts. Doch das Ende seiner langen Regierungszeit könnte näher rücken. Das hat auch mit seinen Sommerferien zu tun.










