Als Trilogie war das gar nicht geplant, sagt Timo Großpietsch im Gespräch. „Stadt, Land, Fluss“ heißt seine für den NDR geschaffene Trilogie nach den einzelnen Filmen. „Stadt“ stellte er bereits 2015 fertig. „Land“ folgte 2020, und in diesem Sommer hat Großpietsch die Kino-Tour für den 2025 abgeschlossenen dritten Teil „Fluss“ absolviert. Im Juni wurde der Film in Schwerin gezeigt, in den nächsten Tagen kommt er noch in Lübeck ins Kino. Ab Mitte Oktober steht „Fluss“ in der ARD-Mediathek, wo „Stadt“ und „Land“ bereits verfügbar sind.„Lass uns mal wie Aliens auf die Stadt gucken“, so formuliert der Achtundvierzigjährige, der für alle drei Filme als Autor, Regisseur und Kameramann und teils auch für den Ton verantwortlich zeichnet, den ästhetischen Ausgangspunkt für „Stadt“. Roboter und Menschen, Schrottplatz und Halfpipe kommen darin vor, Polizisten und Arbeiter, in Bildern von großer Ruhe, in einem Rhythmus, der aus dem Dokumentarfilm Kunst macht. Die Langsamkeit, die Dauer einzelner Einstellungen, die sehr fühlbare Ruhe der Nacht, in die viele der Schauplätze getaucht sind, diese Stilmittel erzeugen wirklich das Gefühl, die Stadt mit den Augen von Außerirdischen zu betrachten. Keinen Moment wird einem das zu lang, im Gegenteil. Das liegt nicht nur an der außergewöhnlichen Schönheit der Bilder. Dafür sorgt auch die Neugier, die der Film im Betrachter weckt, indem er an Schauplätze führt, die man sonst nicht so einfach zu sehen bekäme – oder gar nicht.Rauf auf den Container! Timo Großpietsch nimmt sich auf seiner Reise die Elbe entlang Zeit für ungewöhnliche Perspektiven und Momente.Real Fiction FilmverleihAuf den Containern ganz oben auf einem Containerschiff zu stehen, bietet einfach eine grandiose Aussicht. Ganz nah an den riesigen Industriesieben zu sein, durch die der vom Flussgrund gewonnene Kies strömt wie ein funkelnder Wasserstrahl, gewinnt der Ausbeutung des Stroms und seiner Landschaften Bilder ab, die den Realismus nicht vergessen lassen, aber an eine tiefere Verbindung mit dem Stein rühren – das Spielen mit Kieseln in der Kindheit vielleicht. An diese anderen Ebenen will die Trilogie immer wieder rühren, dafür nehmen sich die Bilder die Zeit. Es schimmert hinter Metall und Stein die sehr ambivalente Fähigkeit des Menschen hervor, durch seinen Schönheitssinn und seine Emotionalität auch im Traurigen oder Abschreckenden noch etwas zu entdecken, das an die Wirklichkeit bindet.Ansichten liefern alle drei Filme, die aufregend sind, ohne auf das Spektakuläre abzuzielen. In „Land“ sehen wir einen Traktor im Licht der Dämmerung minutenlang über riesiges, hügeliges, vom Pflug gezeichnetes Ackerland auf die Kamera zufahren, bis die leuchtenden Augen der Trecker-Scheinwerfer große schimmernde Lichtflecken auf der Leinwand bilden, deren ausgefranste Ränder zittern. In „Stadt“ geht die Kamera so dicht an das makellos geschminkte Gesicht einer Frau heran, wie man nur wenigen Menschen nahekommt. Die Bilder davor haben sie beim Pole-Dancing gezeigt. In einem engen neon-orangen kurzen Kleid rutscht sie kopfüber an der Stange herunter und bleibt am Boden liegen. Ihr Gesichtsausdruck ist vollkommen ungerührt. Er sei absolut fasziniert von Walter Ruttmanns experimenteller Berlin-Dokumentation „Sinfonie der Großstadt“ von 1927, sagt Großpietsch. Als weitere wichtige Referenz nennt er die von Francis Ford Coppola produzierte Naturdokumentation „Koyaanisqatsi – Prophezeiung“ von 1982.Bei der Arbeit wurde ihm klar, dass es keine Natur mehr gibtSeine Trilogie prägt, dass er die Filmgeschichte kennt und eine große Strenge in der Bildauswahl walten lässt. Dokumentarfilm und Fotografie hat er an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg studiert sowie Medienwissenschaft und Volkskunde an der Universität. 15 Jahre hat Großpietsch als freier Filmemacher gearbeitet, inzwischen ist er Dokumentarfilm-Redakteur beim NDR in Hamburg. Dass einen die Vollkommenheit vieler Aufnahmen nicht eher draußenlässt oder das Projekt weniger glaubwürdig macht, ist dem motivischen Realismus geschuldet. Bei der Arbeit an „Land“ sei ihm klargeworden, dass es keine Natur mehr gibt, sondern nur noch Kulturlandschaften. Was „Land“ etwa auch in Momenten demonstriert, wenn ein Spielzug durch einen kleinen Ort mit einzelnstehenden Häusern marschiert und musiziert, und einfach alles gepflastert, eingezäunt, zurechtgestutzt und kurzgehalten aussieht, ordentlich und unkrautfrei.Nach zwei Teilen war Großpietsch klar, dass es noch einen dritten geben wird. „In Orte reinkommen mit dem Film, wo man sonst nicht reinkommt, hidden places“, das sei sein Vorhaben bei der ganzen Trilogie gewesen, so Großpietsch. Dass er sie in Hamburg entdeckt, liegt für den „Jungen von der Elbe“ nahe. Aufs Land rauszufahren und zu entdecken, auf welchen Fließbändern der Spargel durch eine Verarbeitungswelt aus Stahl geschoben wird, begleitet von in Plastik gewickelten Arbeiterinnen, war schon ein weiterer Ausflug. Im letzten Teil „Fluss“ kommt Großpietsch am weitesten aus seiner Heimatstadt raus. 1094 Kilometer lang folgt der Film der Elbe von den überschwemmten tschechischen Quellwiesen vorbei an Dresden und Magdeburg bis nach Cuxhaven und zur Mündung.Kaum jemand redet in diesem Film, die meisten Menschen, die man sieht, sind Männer – Männer, die Staudämme, Kieswerke, Stahlwerke und Panzerfähren kontrollieren. Männer an Steuerungspulten und Hebeln, an Computern, meistens blickt man kurz in ihre ausrasierten Nacken. „Fluss“ wird wie die anderen Teile von der großartig filmischen und abwechslungsreichen Musik des Komponisten Vladyslav Sendecki begleitet und getragen. Manchmal ist es wie ein Konzert mit Bildern von industriellen Bauwerken, mit denen die Wasserkraft gelenkt und genutzt wird. Wasser, Steine und Stahl sind die Hauptakteure des Films, der auch phantastische Archivaufnahmen von der Entstehungszeit der Industriemonumente enthält, sowie eigene Bilder vom Rückbau des AKW Brunsbüttel. Ein „Zurück zur Natur“ bekommt man nirgends in den Blick.