Unser Rhein: Alles fliesst? Alles steht stillDer grosse Fluss, der normalerweise trägt und tröstet, ist ein Rinnsal. Die Autorin Elke Heidenreich empfindet Schmerz bei diesem Anblick.Elke Heidenreich28.08.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenDer Rhein fliesst durch sechs Länder und durch tausendjährige Sagen, Mythen, Geschichten und Gedichte. Hier nahe Oberwesel Ende Juli 2026, wo sich aufgrund der anhaltenden Trockenheit eine Sandbank gebildet hat.Thomas Lohnes / Getty«Panta rhei», soll Heraklit gesagt haben, alles fliesst. Philosophisch gesehen, mag das stimmen, aber nach diesem Hitzesommer fliesst erst mal nichts mehr – der mächtige sogenannte Vater Rhein ist über weite Strecken zu einem Rinnsal geworden, das man an einigen Stellen sogar zu Fuss durchqueren kann. Er gebe jetzt, sagen romantische Gemüter, «seine Geheimnisse preis»: ja, Bomben aus dem Krieg, Überreste von Menschen, Waffen und Fahrzeugen aus dem Kampf um die Remagener Brücke. Da liegen Schiffswracks, Fahrräder, jede Menge dieser Elektroroller, der neuzeitlichen Pest auf den Strassen, sogar Mammutknochen will man gefunden haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und nur vom Schatz der Nibelungen, den Hagen von Tronje ja angeblich im Rhein versenkt hat – weit und breit keine Spur. Dabei sollen das 144 Wagenladungen Gold gewesen sein, ich bitte Sie, so was verschwindet doch nicht einfach? Spätestens jetzt müsste man das doch finden? Aber die Rheintöchter Wellgunde, Flosshilde und Woglinde sind ja auch nirgends mehr am Grund zu sehen.Irgendwie ist er dramatisch entzaubert, dieser Rhein, der gerade ziemlich kläglich aus seinem Ursprungsland, der Schweiz, herangetrödelt kommt, in Liechtenstein die Grenze bildet, kurz Österreich streift, dann mal eben im Bodensee verschwindet und der dann ab Basel schiffbar wird. «Der Rhein ist Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze», behauptete ein Lied beim Krieg zwischen Frankreich und Deutschland 1870/71. Hier ist er aber jetzt doch kurz die Grenze zu Frankreich, ehe er das romantische Deutschland mit seinen Burgen durchquert, dann das industrielle Deutschland im Ruhrgebiet mit seinen Kraftwerken, in den Niederlanden wird er weit und grün, und Tiere grasen an seinen Ufern, wie es bei einem Fluss sein soll, und schliesslich verschwindet er im Meer.1200 KilometerWas für ein Fluss! 1200 Kilometer ist er lang, von der Quelle bis zur Mündung überwindet er mehr als zweitausend Höhenmeter, aber so was macht ein Fluss mit links. Er fliesst durch sechs Länder und durch tausendjährige Sagen, Mythen, Geschichten und Gedichte. «Warum ist es am Rhein so schön?», singen sie in den Weinkneipen bei Rüdesheim. Ja, warum, nur weil «die Burschen so durstig und die Mädel so lustig» sind?Flüsse machen etwas mit uns. Jeder, der schon mal an einem Fluss stand und lange darauf geschaut hat, weiss das. Ununterbrochen fliesst es, woher, wohin, wie unser Leben. Ein Fluss macht unruhig durch seine ständige Bewegung und beruhigt durch seine ewige Gegenwart, alles zugleich. Er inspiriert die Dichter, die Maler, die Musiker, er wird in Versen gepriesen, man widmet ihm Gemälde, Lieder und Sinfonien. Ein grosser Fluss ist pure Magie, und wenn so ein Fluss plötzlich austrocknet, ist das eine Götterdämmerung: Die alte Welt geht unter, wer rettet uns in eine neue?Wir spüren es schmerzhaft: ohne Fluss kein Leben, keine Romantik, keine Liebe. Und, ganz prosaisch: kein Strom, kein Kraftwerk, keine Kühlung, kein Transportweg für Schiffe. Das hatten wir so gründlich noch nie bedacht. Er ist eben nicht nur der Vater Rhein, an dem blonde Mädchen auf hohen Felsen ihre goldenen Locken kämmen, bis die Fischer unten im Fluss vor lauter unaufmerksamer Sehnsucht versinken. Er ist nicht nur Freund der Liebenden und Künstler, er ist ein Industriezweig, und das nicht zu knapp. Erst geht also die Romantik flöten und dann das Geld, so sieht’s aus.Vater Rhein will nicht mehr, und wir, seine Kinder, stehen am ausgedörrten Ufer und sehnen uns nach Nixen, wilden Wassermännern und dem Gefühl von einst. Wer hätte das gedacht. Die Burgen an den Ufern wirken plötzlich lächerlich – was stehen sie da so trutzig herum über einem Kiesbett; gibt es noch etwas zu verteidigen?Jetzt, jetzt erst merken wir, jenseits allen wirtschaftlichen Kalküls, wie viel Energie uns das freie Dahinströmen immer gegeben hat. Ein Gang zum Fluss – ich wohne nah an seinem Ufer – war immer Trost, Hilfe, Klarheit für den Kopf und Schönheit für die Sinne. Jetzt starren wir trostlos auf dieses Rinnsal wie auf eine Schlossruine und denken: Das war doch mal prächtig, wo ist die Pracht geblieben? Und wir wissen: Wir selbst waren ja auch mal prächtig und in Blüte, ja, panta rhei, alles fliesst, eben auch dem Ende entgegen.Hochrhein, Oberrhein, RheinweinIch habe sozusagen einen Freund verloren, denn ich habe den Rhein immer als Person gesehen. In den Schweizer Bergen ist er ein glasklares, fröhliches, helles Kind, das durch die Wiesen springt. Dann verschwindet er nahe Bregenz wie ein Jugendlicher, der endlich von zu Hause weg will, einfach mal so im Bodensee, traut sich aber bei Stein wieder raus und wird erwachsen. In Schaffhausen zeigt er uns als rockender Wasserfall noch mal, welche Kraft er inzwischen hat: born to be wild. Aber jetzt nimmt man ihn an die Kandare, man hat ihn in ein Korsett gezwängt, begradigt, Felsen weggesprengt, das Flussbett brutal umgeleitet: Er muss arbeiten.Bis Basel fliesst er von Ost nach West, dann ändert er die Richtung von Süd nach Nord, und er ändert auch den Namen. Bis hierher war er der Hochrhein, jetzt wird er der Oberrhein. Ab Basel transportiert er Schiffe, liefert Kühlwasser, wird zur Abfallhalde für allerlei Stoffe, die eigentlich nicht hineingehören. Klaglos erträgt er alles, begeistert Touristenströme mit 38 Burgen und Schlössern rechts- und 27 linksrheinisch in dem engen Tal zwischen Bingen und Koblenz.An den Hängen wächst hier der Rheinwein und sorgt für Seligkeit in zahllosen Kneipen am Ufer. Aber er leistet auch Schwerarbeit für Kühltürme und Kraftwerke, und er kriegt zahllose Zulieferer – den Main, die Ruhr, die Lahn, die Mosel, die Maas, ach, eine grosse Familie kommt da zusammen. Man sagt, ungefähr bei Bonn endet der Weintrinkerrhein, dann kommt die Bierstadt Köln, wo man singt:Ohne Fluss kein Leben: der Rheinfall.Karin Hofer / NZZ«Ich hab den Vater Rhein in seinem Bett gesehn, ja, der hat’s wunderschön, der braucht nie aufzustehn.»Darauf einen Korn, und ab jetzt sind wir am Schnapstrinkerrhein.Nach Duisburg darf der Vater Rhein endlich in Rente gehen und als Niederrhein breit und bräsig durch die Niederlande fliessen. Im Alter wird er dann plötzlich verwirrt und weiss nicht mehr, wie er heisst – Rhein? Nederrijn? Lek? Waal? Und er weiss nicht mehr, wo er wohnt: Amsterdam, Rotterdam? Das Schelde-Delta, ist er das noch? Er verläuft sich wie ein alter, dementer Mensch, er verzweigt sich, er wird weniger, verschwindet schliesslich im Meer, ist weg, als wär er nie gewesen. Das war’s.Ja: wie ein Menschenleben. Und dieses Leben ist nun so erbärmlich ausgebremst worden durch eine menschengemachte Hitzekatastrophe. So zerstören wir, wie so oft, das, was wir lieben, und sagen am Ende: «Das haben wir doch aber nicht gewollt.»Vielleicht haben wir ja auch nie wirklich darüber nachgedacht, wie wichtig Wasser ist. Der Politiker Heiner Geissler, mit dem ich trotz sehr gegensätzlichen politischen Ansichten bis zu seinem Tod 2017 eng befreundet war, hat gesagt: «Du wirst es sehen, die beiden grossen Weltprobleme in den nächsten Jahren werden der Islam und der Kampf um Wasser sein.»Wasser – das Selbstverständlichste, das – ausser Luft – Wichtigste zum Leben, Wasser wird knapp? Ist es das, was uns der fast ausgetrocknete Rhein gerade sagen will? Unsere verdorrten Gärten und Wälder sprechen auch eine deutliche Sprache. Da läuft doch irgendwas falsch, und auch der letzte Trottel, der sich alles schönreden will, muss es einsehen. DA LÄUFT WAS FALSCH. Vielleicht sollte mal wieder eine Sintflut kommen, die die Welt aufweckt. Aber auch solche Zustände hatten wir ja schon, als plötzlich wieder anschwellende Flüsse alles verschlangen. Ja, was denn nun? Zu viel oder zu wenig?Und jetzt nähern wir uns dem kritischen Punkt: Etwas ist einfach ganz offensichtlich aus dem Gleichgewicht geraten. Der goldene Mittelweg ist nicht immer der richtige, aber das Zuviel oder Zuwenig in der Natur kann ganze Kulturen entstehen lassen oder zerstören. Und da hat der Mensch mit seiner Gier nach immer noch mehr wohl einiges durcheinandergebracht. Es ist wie in Goethes «Zauberlehrling», in dem es ja auch um das immer wilder fliessende Wasser geht: Die Geister, die man rief, wird man jetzt nicht wieder los.Nicht lieblich, aber grossartigWeil ich eine sentimentale Person bin, tut mir der Anblick des fast leer dahinrinnenden Rheins wirklich weh. Politiker sollten bei diesem Anblick bitte andere Gedanken haben, Gedanken, die ein Handeln einleiten. Vielleicht sollten sie Hermann Hesses «Siddhartha» noch mal lesen, eine Geschichte aus dem Jahr 1922. Siddhartha, ein junger Brahmanensohn, verlässt seine Heimat auf der Suche nach Weisheit und gerät in eine immer wildere Abwärtsspirale. Erst an einem Flussufer kommt er dann endlich zur Ruhe. Hesse schreibt:«Mit tausend Augen blickte der Fluss ihn an, mit grünen, mit weissen, mit kristallnen, mit himmelblauen. Wer dies Wasser und seine Geheimnisse verstünde, so schien es ihm, der würde auch viel anderes verstehen, viele Geheimnisse, alle Geheimnisse.» Am Flussufer wird der rastlos suchende Siddhartha zum ruhigen Zuhörer und zum Denker: «Der Fluss lehrt ihn, dass es keine Zeit gibt. Er lehrt ihn das Zuhören, das Lauschen mit stillem Herzen, mit wartender, geöffneter Seele, ohne Leidenschaft, ohne Wunsch, ohne Urteil, ohne Meinung.»Achtung, das heisst nicht: totale Gleichgültigkeit. Das heisst: wieder empathisch werden, wieder oder endlich begreifen, was kostbar ist und was unser Leben sinnvoll und wertvoll macht. Das Murmeln und Fliessen der Flüsse gehört dazu.Wie alt ist die Erde? Etwa 4,5 Milliarden Jahre. Den Rhein soll es, sagt man, seit Abklingen der letzten Eiszeit geben, das wären rund zehntausend Jahre. Aber das Gletscherwasser, aus dem er entsteht, gibt es seit zehn Millionen Jahren – und auch das ändert sich ja gerade dramatisch. Was geschieht hier?Ich habe vor ein paar Jahren den ganzen Rhein erkundet, von den beiden Quellen in der Schweiz bis zu den Mündungen in den Niederlanden, ich bin an ihm entlanggewandert wie einst Mörike und Goethe, Brentano und die Günderrode, die sich – 27-jährig – an seinem Ufer bei Winkel einen Dolch ins Herz stiess. Er hat so viele Schicksale gesehen und gemacht, dieser Rhein – zu Teilen auch meins, da ich seit meiner Jugend immer wieder in seiner Nähe wohnte und jetzt wieder wohne. Ich bin ihn kilometerweit mit dem Auto entlanggefahren und habe ihn einmal von Basel bis Rotterdam vom Schiff aus erforscht. Wirklich lieblich ist der Rhein nirgends. Er ist aber überall grossartig.1200 Kilometer Wasser. Der Fluss hat mich getragen und getröstet. Und jetzt sehe ich mich dieses Trostes beraubt. Und, ja: Das macht mir Angst.Von der Schriftstellerin Elke Heidenreich erschien gemeinsam mit dem Fotografen Tom Krausz das Buch «Alles fliesst: der Rhein – eine Reise – Bilder – Geschichten». Corso-Verlag. Wiesbaden 2022.Passend zum Artikel
Alles fliesst, oder doch nicht? Der Rhein als Spiegel unserer Zeit
Der grosse Fluss, der normalerweise trägt und tröstet, ist ein Rinnsal. Die Autorin Elke Heidenreich empfindet Schmerz bei diesem Anblick.







