Gruseln auf dem GrundeDer Rhein vergisst nichts. Manchmal teilt er seine Erinnerungen mit uns. Was in ihm kreiselnd und trudelnd verschwindet, eine Münze vielleicht oder ein Schlüssel, trägt er lange in seinem Bett. Mit Sand und Kieseln schiebt er solche Sachen flussabwärts, bis sie vielleicht wieder auftauchen. Anderes bleibt, wo es versank, tritt aber bei Niedrigwasser zu Tage und erzählt oft düstere Geschichten – von einer Dynamitexplosion etwa oder von Eifersucht, von Habgier, von versuchtem Mord, von einem spurlos verschwundenen Aalfischer.Bei Emmerich, Rheinkilometer 860, kurz vor der Grenze zu den Niederlanden, ragt das Gerippe der „De Hoop“ aus dem Sand am linken Ufer. Der Holzfrachter war 1895 mit anderen Schiffen im Einsatz, als neben ihm ein mit Dynamit beladenes Schiff in die Luft flog. Solange die Reste der „De Hoop“ immer mal wieder auftauchen, solange der Rhein ihre Balken und Planken nicht gänzlich auseinandergetrieben hat, solange jedenfalls erzählt man sich vom Schicksal der 16 Menschen, die bei der Explosion ihr Leben verloren.Bei Neuss, Rheinkilometer 727, ragt bei den im Sommer sonst üblichen Pegelständen nur die Mastspitze der „Conny“ aus dem Wasser. Der Aalschokker soff in den 1990er-Jahren aus nie geklärten Gründen ab. Seitdem versperrt er die Zufahrt zum Silbersee, der durch den Kiesabbau entstand. Vollständig zu sehen war die „Conny“ erstmals 2003, dann wieder 2018 und zuletzt 2022. Doch führte der Rhein da immer noch so viel Wasser, dass man von Ferne glauben konnte, der alte Aalfischer sei doch noch zurückgekommen, steuere seine „Conny“ wieder auf den Rhein.Da ist sie wieder: Die „Conny“ ist komplett zu sehen.ReutersIn diesem Hitzesommer ist der Pegelstand so niedrig, dass der Aalschokker auf einer Sandbank festzusitzen scheint. Erstmals kann man trockenen Fußes auf die „Conny“ gelangen. Das ist ein bisschen gruselig, weil der Rost die Kajüte mittlerweile ziemlich zerfressen hat, das ganze Wrack mit seinen Winden und Ketten von einer hellbraunen Schlammkruste bedeckt ist. Ein Vater wagt das Abenteuer mit seinem Sohn. An Deck macht er mit dem Handy Erinnerungsbilder. „Tu mal so, als wär das das Steuerrad!“ Der Junge zögert kurz, greift schließlich das Rad einer Seilwinde des Gruselschiffs.Sein Besitzer hieß „Aal-Friedel“. Der war außer sich vor Eifersucht, als seine große Liebe ausgerechnet mit seinem besten Freund durchbrannte. Er spürte die beiden auf, attackierte sie mit einem Messer. Das Paar überlebte schwerverletzt. Als Aal-Friedel nach Jahren aus der Haft entlassen wurde, versuchte er, das für die Bergung seiner „Conny“ nötige Geld zusammenzubekommen, scheiterte aber. Dann verlor sich seine Spur.Vater und Sohn kehren rasch zu ihrer Gruppe zurück, die schon seit Stunden Unrat sammelt. Einer der Männer sagt, man habe gewusst, dass Kriminelle aller Art die Straßenbrücke über den Zufluss vom Silbersee zum Rhein als idealen Abwurfort nutzten. Einen großen Haufen alter Reifen und anderer Autoteile haben sie auch diesmal wieder gesammelt. „Aber durch das historische Niedrigwasser finden wir nun nicht nur so viel wie noch nie, sondern auch Sachen, die uns bisher gar nicht aufgefallen sind.“ Der Mann deutet auf vier schrankartige Gegenstände. „Das sind leer geräumte Tresore aus Einbrüchen.“ Sie stecken so fest im Schlamm, dass die Männer sie nicht bergen werden können. Sie werden bleiben, wo sie sind. Wie die „Conny“.Reiner BurgerRheingold und RheinsteineEinige Meter hinter Assmannshausen, Rheinkilometer 532, gleicht der Rhein eher dem Death Valley als einem reißenden Strom. Dort, wo sonst Wasser fließt, erstreckt sich eine lange Kieselbank aus Flusssteinen, die nur durch einen knöcheltiefen Bachlauf vom Ufer getrennt wird. An der Spitze der Insel schürft ein Mann mit einem Küchensieb nach Rheingold. „Es ist wie Eurojackpot spielen“, sagt er und zieht an seiner Selbstgedrehten. Nuggets gefunden hat er nicht, dafür aber ein paar Muscheln.Auch Bianka Rössler ist dort gewesen. Eigentlich wird wegen gefährlicher Strömungen davor gewarnt, trotz des Niedrigwassers auf die von der Dürre freigelegten Flächen zu waten. Aber an dieser Stelle ist das Wasser so flach, und wenn jemand den Rhein wie die eigene Westentasche kennt, dann ist es Rössler.Sie sei Rheinschifferin in siebter Generation, erzählt die Kapitänin. Irgendwann in den 1680er-Jahren sei das Familienunternehmen gegründet worden. In ihrem Büro hängt ein „Rhein-Schiffer-Patent“ aus dem Jahr 1894, das der damals noch preußische Regierungspräsident einem ihrer Vorfahren ausgestellt hat. „Der Rhein liegt in meinen Genen“, sagt sie.Steht an Bord, aber fährt nicht: Rheinkapitänin Bianka RösslerMichael HinzAber Rössler ist nicht nur die erste Frau am Steuerrad des Familienunternehmens; womöglich ist sie auch die Erste, die mit einem solchen Rekordniedrigwasser fertig werden muss. Derzeit liegen ihre drei Ausflugsschiffe am Ufer und können nicht auf dem Rhein fahren. Bereits am 5. August musste Rössler ihr Liniengeschäft zu beliebten Touristenorten wie der Loreley einstellen. Immerhin konnte sie die Verluste ein wenig abfedern, indem sie Touristen einsammelte, die mit ihren Hotelschiffen nicht mehr weiterkamen. So war die F.A.S. eigentlich mit Rössler verabredet, um sie auf einer solchen Rettungsmission zu begleiten. Aber auch das ist jetzt vorbei. Der Rheinpegel ist am Abend zuvor zu stark gesunken. Finanziell sei der August so bislang ein „Minusgeschäft“, aber man sei noch einmal mit einem „blauen Auge“ davongekommen.Wie besonders die Situation ist, versucht Rössler mit einer Anekdote greifbar zu machen. Während ihrer Prüfung für das Rheinpatent musste sie jede Insel, jeden Fels und jeden unter der Wasseroberfläche liegenden Stein kennen. Damals habe sie einen Stein korrekt angezeigt, aber hinzugefügt: „Den gibt es nur im Buch, in echt gibt es den gar nicht.“ Auch ihr 1936 geborener Vater habe ihr damals versichert, diesen Stein noch nie gesehen zu haben. Jetzt, Jahrzehnte später, hat Bianka Rössler den Stein zum ersten Mal in ihrem Leben gesehen. „Da denkt man sich: ‚Scheiße, den gibt’s ja wirklich.‘ Das ist schon extrem.“ Jannis HollTrockenen Fußes zum TurmMartina ist auf einer Mission. Sie trägt einen Helm, eine dunkle Sonnenbrille, eine kleine grüne Umhängetasche und Sandalen mit roten Schleifen. In der Hand hält die ältere Dame einen Stock. Ihr Ziel: der Mäuseturm in Bingen am Rhein, Rheinkilometer 530.Das ist gar nicht so einfach. Der Fluss ist hier an vielen Stellen ausgetrocknet, das Wasser läuft teils in Rinnsalen. Rund um das Wahrzeichen liegt eine Sandbank, so groß wie ein Fußballplatz. Doch das hält Martina nicht ab. Sie steht auf dem sandigen Feldweg, der Himmel ist nahezu wolkenlos. Dann balanciert sie sich auf den Felsen, um auf die Sandbank zu gelangen. Es ist ein kleiner Schritt nach unten, den sie meistert. Danach läuft sie schnurstracks geradeaus, schaut sich mehrmals um, sie geht bis an den Anschlag. Dem Mäuseturm will sie nahe sein. Sie zückt ihr Handy, macht Bilder. Sie geht in die Hocke – für den optimalen Winkel.Dann kämpft sie sich zurück. Zurück auf stabilem Boden, holt Martina kurz Luft. „Das muss man gesehen haben. Ich bin schockiert und bestürzt. Man kann quasi auf die andere Seite rüberlaufen.“ Sie wohnt im Hunsrück, rund 40 Minuten mit dem Auto entfernt. Die Situation sei nicht mit der von 2018 vergleichbar. „Schauen Sie sich dieses Ausmaß an“, bekräftigt sie und zeigt mehrfach auf den Rhein. Deshalb sind hier auch Touristen unterwegs. Die andauernde Trockenheit sorgt für Felsübergänge, die von neugierigen Spaziergängern genutzt werden. Teils gelangen sie so zum Turm, der auf einer Rheininsel liegt, auch die Hitze hält sie nicht auf.Laut der Stadt Bingen geht der Name des Turms nicht auf die kleinen Nager zurück, sondern auf das mittelhochdeutsche Wort für das Wachen und Lauern: „Musen“. Martina glaubt derweil, dass die Dürreperioden in den kommenden zehn Jahren zunehmen werden. „So können wir nicht weitermachen.“ Den Klimawandel müssten wir ernst nehmen, Billigflüge streichen, unseren Personen- und Güterverkehr robuster machen, ausbauen. Plötzlich spricht sie minutenlang über die Deutsche Bahn. „Haben Sie die ZDF-Doku mit Dunja Hayali gesehen? Ich habe sie zweimal geschaut.“ Dabei legt sie ihr Gesicht in beide Hände, schaut wieder auf: „Die haben gepennt. Ich bin fassungslos. Die stehen jetzt blank da.“Zu Fuß gehen Spaziergänger durch das ausgetrocknete Flussbett des Rhein zum Mäuseturm bei Bingen.dpaAm Ende kommt sie noch einmal auf das Ausmaß des Niedrigwassers zu sprechen. Der Turm sei vorher vom Wasser „umspült“ gewesen. Beim jetzigen Anblick schüttelt sie den Kopf: „In mir steckt eine Wut und Ohnmacht.“ Worüber? „Über die Versäumnisse unserer Politiker!“Majd El-SafadiTourismus, gedrosseltNiedrigwasser gab es in Rüdesheim am Rhein, Rheinkilometer 524 bis 527, schon immer. Doch einen derartig tiefen Wasserstand hat in dem Weinstädtchen im Rheingau noch niemand erlebt. Bis zu 2000 Flusskreuzfahrtschiffe legen dem Rathaus zufolge pro Jahr am hiesigen Rheinufer an. Das ist ungefähr auf dem Niveau der Millionenstadt Köln. Während der Hochsaison sind es normalerweise bis zu 15 Schiffe am Tag, die jeweils 100 bis 200 Touristen an Bord haben. Doch die bleiben derzeit aus. Hotelschiffe können den Ort nicht mehr ansteuern, Ausflugsschiffe nicht mehr ablegen.Die Rüdesheimer hoffen, dass zumindest der Fährverkehr nach Bingen bleibt. Die nächste befahrbare Brücke befindet sich rund 30 Kilometer entfernt. Wegen Sanierungsarbeiten an der Bahnstrecke müssen Zugreisende mit Bussen aus Wiesbaden anreisen.Wer unter der Woche an einem Augustnachmittag über die Rheinstraße spaziert, findet also nur verwaiste Anlegestellen vor, wo normalerweise kauflustige Senioren aus Houston oder Kyoto an Land gehen, um sich mit Souvenirs einzudecken oder ein Gläschen Wein zu genießen. Ausgestorben ist die Flaniermeile am Fluss nicht, aber von einem regen Treiben kann kaum die Rede sein. „Gerade die Amerikaner fehlen“, sagt eine Verkäuferin in einem Laden, der Bierkrüge und Kuckucksuhren anbietet. Wegen der Hitze im Juni seien aber schon vor dem Niedrigwasser weniger Touristen gekommen, sagt sie.Für einen anderen Händler ist die Lage existenzbedrohend. Seine Ladenzeile, in der er leichte Sommerkleider, Damenhüte und Sonnenbrillen verkauft, hat er erst seit einigen Monaten. Bereits die Vorsaison im Frühling sei schlecht gelaufen. Ein paar Meter weiter lacht eine Verkäuferin laut auf, als sie gefragt wird, ob sie Umsatzeinbußen habe. Auf einem kleinen Block hat sie alle Verkäufe des Tages notiert. Lange rechnen muss sie nicht: Knapp 50 Euro habe sie heute umgesetzt.Was vom Rheine übrig blieb: Blick vom Niederwalddenkmal in RüdesheimMichael HinzAuch im gastronomischen Zentrum Rüdesheims, der berühmten Drosselgasse mit ihren zahlreichen Weinwirtschaften, geht es an jenem Augusttag eher gemächlich zu. Eine Reisegruppe aus Minnesota hat vor dem Hotel „Breuers Rüdesheimer Schloss“ haltgemacht, in der Hoffnung, das Glockenspiel zu hören, das stündlich Volkslieder erklingen lässt. Ja, man hätte gern eine Ausflugsfahrt gemacht, erklärt einer der Amerikaner, aber enttäuscht sei man nicht, schließlich sei man ja nicht nur wegen des Rheins gekommen. Das Problem mit dem Niedrigwasser habe man auch am Mississippi.Kellnerin Tatjana arbeitet seit 1992 in der Drosselgasse: „Aber so was habe ich noch nicht erlebt.“ Immerhin: Weil andere Wirte erst am Abend öffnen, sind in ihrem Weingarten zumindest einige Tische besetzt. Das „Art Café“ gegenüber ist trotz Kaffeezeit verlassen. „Es ist nix los. Augen zu und durch“, fasst es die Bedienung hinter der Theke resigniert zusammen. Ändern könne man es ohnehin nicht. Geschätzte Umsatzeinbußen: 30 bis 40 Prozent weniger als sonst.Ähnlich schätzt der parteilose Bürgermeister Dirk Stuckert die Lage der touristisch geprägten Geschäftszweige in Rüdesheim ein. „Am Ende des Tages müsste es jetzt jeder begriffen haben“, sagt Stuckert mit Blick auf den Schock, den das Niedrigwasser bei vielen Einwohnern und Geschäftsleuten ausgelöst hat. „Wir können den Pegel des Rheins nicht beeinflussen, also müssen wir unseren Tourismus diverser aufstellen“, sagt er. So will er etwa für Touristen, welche die Region mit dem Rad oder über Wanderwege erkunden wollen, neue Angebote schaffen. Der Rhein sei Teil der Identität der Rüdesheimer, sagt der Bürgermeister – und dass ihm, wenn er unten am Wasser entlanggeht, „das Herz blutet“.Jannis HollAusgebremste PolizistenDer Rhein ist nur noch ein Rinnsal. Weniger als einen halben Meter tief ist der Fluss auf der Höhe des Wiesbadener Stadtteils Biebrich. Schon ein paar Hundert Meter weiter, beim Biebricher Hafen, Rheinkilometer 503, ist die Lage entspannter. Das Polizeiboot kann Streife fahren. Die Beamtin am Steuer fährt an vielen Stellen Schrittgeschwindigkeit, wo sonst 50 Stundenkilometer zulässig sind (in Binnengewässern wird anders als auf See in km/h gemessen). Würde das Schiff dort beschleunigen, würde sich das Heck senken und könnte aufsetzen. In der Mitte der Fahrrinne ist an vielen Stellen nur noch ein knapper Meter zwischen Rumpf und Boden. Thomas Kissel, Beamter der Wasserschutzpolizei, sagt: „Wenn es in den letzten Wochen regnete, waren es nur kleine Schauer. Wir brauchen einen richtigen Landregen, damit sich der Rhein erholen kann.“ Die Wetterprognosen sagen, dass es trocken bleiben soll.Was das für die Polizei bedeutet, weiß Kissel noch nicht. „Damit hat keiner Erfahrung. Derzeit haben wir den niedrigsten Pegelstand seit 1949“, sagt er. Das kleine Schnellboot der Wasserschutzpolizei hat kaum Tiefgang, damit können sie wohl weiterhin auf Streife fahren. Wieso sie aber auch auf das größere Schiff angewiesen sind, zeigte sich erst vor ein paar Tagen: Auf der Rettbergsaue, einer Rheininsel, war Sonntagnacht ein Mann mit Machete gesichtet worden. Da der dortige Campingplatz mit dem Streifenwagen nicht erreichbar ist, brachte die Wasserschutzpolizei acht Beamte aus Wiesbaden auf die Insel, um einzugreifen. Der Mann wurde festgenommen, kam per Schiff an Land und anschließend in Haft.Am Ufer der Rettbergsaue türmen sich braune Steine in die Höhe, vielleicht eineinhalb Meter. Dort steht sonst das Wasser. Ein Stück weiter sind Sandbänke freigelegt, an denen zwei kleine Sportboote ankern. Im flachen Wasser spielen Kinder. „Zum Glück tragen sie Rettungswesten“, sagt Kissel. Das Schwimmen im Rhein ist zwar potentiell lebensgefährlich, aber abseits von Hafeneinfahrten nicht verboten. Der niedrige Stand des Rheins verführt offenbar noch mehr Menschen, sich im Fluss abzukühlen. Die Zahl der Toten in Binnengewässern ist in Rheinland-Pfalz und Hessen in diesem Jahr gestiegen. Nur wenige Kilometer flussabwärts sind am Wochenende drei Männer ertrunken. Zwei Nichtschwimmer Mitte 20 bei Biblis, ein 50 Jahre alter Mann, der offenbar regelmäßig im Fluss schwamm, bei Gernsheim.Inzwischen hat das Polizeischiff den Rheinarm verlassen. Ein Sportboot ist vorbeigezogen, aber kein einziges Binnenschiff. Normalerweise fahren am Tag 130 bis 140 große Tanker an Wiesbaden und Mainz vorbei, die Fracht von Rotterdam oder Duisburg nach Süden transportieren. Wie viele Schiffe jetzt noch unterwegs sind, zählt die Polizei nicht. Innerhalb der einstündigen Fahrt ist kein einziges zu sehen.Dass ein Transportschiff auf Sand läuft, passiert nur selten. Die Unternehmen könnten genau berechnen, wie viel Zuladung bei Niedrigwasser noch möglich ist, sagt Kissel. Deshalb geht er davon aus, dass die Binnenschifffahrt in den nächsten Tagen vollständig zum Erliegen kommt. „Die Fracht muss wegen des Niedrigwassers so weit reduziert werden, dass es sich nicht mehr lohnt.“Timo SteppatDer Wels auf dem VormarschBis Ende des 19. Jahrhunderts war der Oberrhein geprägt von der Lachsfischerei. Heute erinnern daran noch Flurstücke oder Gasthäuser, die „Salmen“ oder „Zum Lachs“ heißen. Wasserverschmutzung und Flussbegradigungen führten vor siebzig Jahren zum Aussterben der Lachse im Rhein. Heute gibt es am gesamten Flussverlauf in Deutschland nur noch ein Unternehmen, dessen Haupterwerb die Fischerei ist: die Fischerei Kuhn mit Standorten in Karlsruhe, Rheinkilometer 359 bis 368, und Eggenstein-Leopoldshafen. Ihr Gründer Götz Kuhn arbeitet mit 78 Jahren noch immer im Familienbetrieb mit, der von seinen Söhnen Hannes und Lars Kuhn geführt wird.Die reguläre Fischsaison beginnt im Oktober, bis Ende März beliefert der Fischereibetrieb die Gourmet-Gastronomie von Freiburg über Stuttgart bis zur Pfalz. Im Sommer fischen die Kuhns nur selten. Dennoch machen das Niedrigwasser und andere Auswirkungen des Klimawandels auf das Ökosystem des Rheins ihnen zu schaffen. Die Niederschläge verlagern sich auf die immer wärmeren Wintermonate, im Frühjahr fehlt das Schmelzwasser, die Frühjahrshochwasser bleiben aus. „Das macht es für die Fische schwer, gute Laichgebiete zu finden“, sagt Lars Kuhn. Der Pegel sinkt schon viel früher im Jahr, durch die hohen Wassertemperaturen geht die Sauerstoffkonzentration zurück: „In den tiefen Nebengewässern kommt es zu einer Schichtung des Wassers, wodurch sauerstofffreie Zonen entstehen, die keinen Lebensraum mehr für die Fische bieten.“ Sind die Wasserstände im Rhein sehr niedrig, wird es für die Fischer schwer, überhaupt noch Netze auszulegen, denn die Schiffe verheddern sich dann darin.Einsames Binnenschiff bei KarlsruhedpaDie stetige Erwärmung verändert auch die Population. „Der Wels ist auf dem Vormarsch – er bevorzugt eher warmes Wasser. Forellen oder Äschen, die sich gern in kühlen Gebirgsbächen aufhalten, leiden stark unter der Erwärmung“, sagt Kuhn. Er hält diese Entwicklung ebenso wie das Eindringen invasiver Arten für eine noch halbwegs akzeptable Klimaanpassung. „Sorgen macht mir aber, dass die Aussichten, das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen, verpasst wurden. Das ist bedrohlich, eine weitere Erwärmung werden wir als Fischer zu spüren bekommen.“Schon heute kann der Betrieb allein vom Speisefischfang nicht mehr leben. Dazu sind die Wasserflächen nicht mehr groß genug. Deshalb arbeiten die Kuhns auch für Naturschutzbehörden, machen Bestandsaufnahmen, fangen abwandernde Aale und setzen sie um, retten Fische vor Baumaßnahmen oder in austrocknenden Gewässern.„Wir sterben eigentlich aus“, sagt Lars Kuhn. Trotz allem ist die Rheinfischerei immer noch sein Traumberuf: „Unsere Fischerei bietet einen der schönsten und abwechslungsreichsten Arbeitsplätze, den man haben kann. Bei Hochwasser fühlt man sich hier wie am Amazonas.“Rüdiger SoldtSonnensegel für die FischeIn diesem glühend heißen Sommer verschaffen sich viele Schweizer mit einem Sprung in den Rhein die dringend nötige Abkühlung. Der Fluss ist in ihren Gefilden nie so breit, tief und gefährlich wie in Deutschland. An seinen Ufern laden zahllose „Badis“, wie die Eidgenossen ihre Badeanstalten nennen, zum Schwimmen im kristallklaren Wasser ein – auch in diesem Jahr. Gewiss, der Pegel ist niedriger als sonst, und das Wasser wärmer. Aber im Kontrast zu den dramatischen Bildern aus Deutschland wirkt der Schweizer Teil des Rheins noch immer lieblich und erfrischend.An einigen Stellen wie zum Beispiel am Hochrhein im Raum Schaffhausen, Rheinkilometer 44, allerdings ist Schwimmen ausdrücklich unerwünscht: „Bitte hier nicht baden und tauchen!“, steht auf Plakaten, die auf eine „Erholungszone für Fische“ hinweisen.Für manche Fische ist der Rhein wegen der hohen Wassertemperaturen zu einer Todeszone geworden. Denn je wärmer das Wasser, desto weniger Sauerstoff kann es binden. Darunter leiden vor allem Forellen und Äschen. Das sind kaltwasserliebende Fische, die sich bei 12 bis 16 Grad am wohlsten fühlen. Oberhalb der 20-Grad-Marke geht es ihnen schon schlechter. Sie sind gestresst und fressen weniger. Klettert die Temperatur, so wie in diesem Sommer schon mehrfach geschehen, auf 25 Grad und darüber, wird es ernst.Hier wenigstens fließt noch viel Wasser den Rhein hinunter: Rheinfall in SchaffhausenImago„Oberhalb von 25 Grad fangen die Fische an zu sterben“, sagt Patrick Wasem. Der Schweizer ist Fischereiaufseher im Kanton Schaffhausen. Sein Befund hinsichtlich der Äschen und Forellen ist erschütternd: „Ich gehe davon aus, dass wir in diesem Sommer bereits 90 Prozent dieser Arten verloren haben.“ Wasem kämpft mit seinen Leuten darum, den Restbestand zu erhalten. An Zuläufen und an Stellen, wo Grundwasser in den Rhein stößt, buddeln sie ein bis zwei Meter tiefe Mulden, damit sich dort das kühlere Wasser sammeln kann. Aufgespannte Sonnensegel beschatten diese Bereiche, die zusätzlich mit Steinmäuerchen und Brettern vor der Strömung geschützt werden. Badende würden die dort versammelten Fische ins warme Wasser treiben, wo sie nach etwa einer halben Stunde an Organversagen sterben. Daher die Plakate.Doch anders als der Mensch scheren sich Raubfische nicht um den Fortbestand der Äschen und Forellen. „Die Ansammlung von Fischen lockt große Raubfische wie den Wels an – und dann ist das Buffet halt eröffnet. Das ist wie mit den Bären und den Lachsen in Alaska“, erklärt Wasem. Die Zahl der Welse habe extrem zugenommen. „Im Bodensee gibt es seit 200 Jahren Welse, aber die kamen nie zu uns in den Rhein runter. Das machen sie erst, seit das Wasser immer wärmer wird.“Wasem macht sich denn auch keine Illusionen über seinen Rettungseinsatz: „Unsere Maßnahmen können das Fischsterben nicht verhindern. Sie tragen dazu bei, dass diese Arten nicht aussterben.“ Für die Touristen am Rheinfall bietet sich dieser Tage das traurige Bild von toten Fischen, die an der Wasseroberfläche treiben. Von deren Verzehr rät Wasem dringend ab. Das gestresste Fleisch schmecke nicht gut und könne zudem mit Bakterien belastet sein. Außerdem benötige man einen Fischereiberechtigungsschein, um einen toten Fisch zu entnehmen. „Dann haben Sie erst drei Tage Durchfall und bekommen danach noch eine Buße aufgebrummt.“ Johannes Ritter