Am Mittelrhein zeigt sich Deutschlands größter Strom von seiner idyllischsten Seite. Die Sonne setzt die Steilhänge ins beste Licht, Sommergefühl überzieht die Weinberge zwischen Bingen und Koblenz, und Touristen bestaunen die Burg Pfalzgrafenstein mitten im Strom – die sogenannte „Pfalz bei Kaub“. Doch auf den Kommandobrücken der vorbeiziehenden Güterschiffe hat niemand Augen fürs Postkarten-Panorama. Die Blicke der Schiffsführer sind gebannt auf das Echolot und die Pegeldaten auf den Monitoren geheftet.An der bei Kapitänen berüchtigten Engstelle bei Kaub zeigte die Messstation am Dienstag nur noch 30 Zentimeter Wasserstand an, nicht mal die Hälfte des Normalwerts. Und die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) rechnet bis zum Wochenende mit einem weiteren Rückgang auf 25 Zentimeter. Damit droht das historische Rekordtief vom Oktober 2018 erneut erreicht zu werden. Für Schiffsführer, Reeder und ihre Auftraggeber aus der Industrie bedeutet das: Alarmstufe Rot.Foto: WirtschaftsWocheAuch an der Donau stauen sich die Restfrachten. An der Binnenelbe ist der Güterverkehr seit Wochen komplett zum Erliegen gekommen. Und an der Oberweser zwang der drastische Rückgang des Speichervolumens der Edertalsperre auf nur noch 20 Prozent die Behörden dazu, die Zuschusswasserabgabe schlagartig von fast 40 auf mickrige sechs Kubikmeter pro Sekunde zu drosseln. Die Folge: ein abruptes Absacken der Wassertiefen.Frühe Dürre, leere FlussbettenDass Flüsse im Spätsommer wenig Wasser führen, ist ein vertrautes Bild. Das Bedrohliche in diesem Jahr ist das extreme Timing: Die Trockenheit hat die Wasserstraßen schon im Frühsommer erwischt – so früh und so heftig wie kaum zuvor in den vergangenen drei Jahrzehnten.Foto: WirtschaftsWocheDer Niedrigwasser-Bericht der Bundesanstalt für Gewässerkunde belegt das historische Ausmaß sogar europaweit: Die kumulierte Niederschlagssumme in Mitteleuropa liegt im Flächenmittel auf dem Niveau des Extremjahres 2022 – und nur haarscharf über dem absoluten Minimum der Referenzperiode 1993 bis 2022 aus dem Hitzejahr 2003. In den vergangenen 30 Tagen fiel in Mitteleuropa im Schnitt nur 60 Prozent der langjährigen Niederschlagsmenge.Im Rheingebiet zwischen Andernach und Lobith an der niederländischen Grenze sowie an der Ems fehlt sogar mehr als drei Viertel des normalen Regens. Dort wurden weniger als 25 Prozent des vieljährigen Mittels registriert. Am Niederrheinpegel Duisburg-Ruhrort droht das Niveau sogar den niedrigsten bisher gemessenen Wasserstand von 153 Zentimetern zu touchieren.Selbst die Sechswochen-Prognose der Hydrologen macht den Kapitänen keine Hoffnung. Ergiebige Regenfälle bleiben vorerst Mangelware und das Wasser auf einem Niveau, bei dem Fahrrinnen zum Nadelöhr werden, Untiefen zu gefährlichen Hindernissen und Schiffe bestenfalls noch als Leichtfrachter unterwegs sein können.Foto: WirtschaftsWocheVolkswirtschaft im WürgegriffDie ökonomischen Folgen sind immens. Normalerweise werden 75 bis 80 Prozent aller deutschen Binnenschiffstransporte über den Rhein abgewickelt. Doch statt der üblichen 2000 bis 3000 Tonnen Fracht können viele Frachter derzeit nur noch 300 bis 400 Tonnen an Bord nehmen – eine Auslastung von unter 15 bis 20 Prozent, in Extremfällen unter 10 Prozent.Um dieselbe Gütermenge ans Ziel zu bringen, bräuchte die Industrie fünf- bis zehnmal so viele Schiffe. Die sind knapp, und selbst wer Schiffsraum findet, zahlt immens: Schiffseigner erheben drastische Niedrigwasserzuschläge, die Frachtraten schießen in die Höhe.