Der Wasserstand des Rheins am Pegel Oestrich im Rheingau nähert sich rasch einem neuen Tiefststand. Wochenend-Ausflüglern bieten sich derzeit spektakuläre Bilder eines stellenweise scheinbar zum Rinnsaal geschrumpften Rheins. Dieser Eindruck täuscht. Der immer wieder zu beobachtende Versuch, etwa den berühmten Mäuseturm bei Bingen zu Fuß zu erreichen, gilt als leichtsinnig.Denn auch bei Niedrigwasser birgt der größte Fluss Deutschlands Gefahren. Für Schwimmer sind es unberechenbare Strömungen, für Flussschiffer ist es die Nähe zum Grund. Etwa für Hotelschiffe ist der niedrige Wasserstand schon jetzt zu heikel, weil alleine die schweren Aufbauten schon im leeren Zustand zu vergleichsweise großem Tiefgang führen. Dieser lässt sich kaum an die verbliebene Wassertiefe anpassen. Ein Binnenfrachter kann das dagegen mit einer verringerten Landung tun, wie ein Sprecher des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Rhein erläutert. Das Schifffahrtsamt Rhein ist Teil der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes und für den circa 370 Kilometer langen Abschnitt der Bundeswasserstraße Rhein zwischen Mainz und der deutsch-niederländischen Grenze zuständig.Wenn das Wasser unterm Rumpf knapp wirdDerzeit spitzt sich die Niedrigwasserlage weiter zu: Am frühen Donnerstagmorgen vergangener Woche lag der Wasserstand des Rheins am Pegel Oestrich bei 78 Zentimetern. Am Montagmorgen waren es noch 58, am Mittag 56 und am Nachmittag nur mehr 54 Zentimeter, Tendenz weiter fallend, wie aus den aktuellen Messungen der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes hervorgeht. Dabei ist zu bedenken, dass der offiziell genannte Wasserstand am jeweiligen Pegel stets geringer ist als die tatsächliche Wassertiefe bis zum Grund. Es besteht immer ein Puffer, der mehrere Meter betragen kann. Denn der amtliche Wasserstand wird von einem errechneten Pegelnullpunkt aus gemessen. Dieser Nullpunkt wird leicht unter dem niedrigsten, über lange Zeit gemessenen Wasserstand in diesem Teil eines Gewässers festgesetzt.Für die nächsten Tage prognostiziert die Schifffahrtsbehörde einen weiter fallenden Pegel in Oestrich, der am Freitag dann bei 44 Zentimeter liegen könnte. Den bisherigen historischen Tiefststand verzeichnete die Messstation in der Mitte des Rheingaus im Jahr 2018 mit 46 Zentimetern. Immer wieder wird ein Pegelstand von 25 Zentimetern als absolute Untergrenze für Schiffsverkehr genannt. Anders als bei Hochwasserlagen gibt es aber bei Niedrigwasser keine verbindliche Grenze. Es liegt in der Verantwortung der Schiffsführer, ob sie noch fahren.Für Frachtcontainer werden „Kleinwasserzuschläge“ fälligUngeachtet dessen hatte die Mannheimer Contargo GmbH, die Containertransporte mit Binnenschiffen, Lastwagen und Bahn in ganz Europa anbietet, schon zu Wochenbeginn ihre Kunden gewarnt. Falls sich die Prognosen bewahrheiten sollten, könne man gezwungen sein, die regulären Binnenschifffahrtsverbindungen in die Regionen Rhein-Main, Mittelrhein und Oberrhein vorübergehend einzustellen. Dieser Fall ist laut dem Unternehmen für die Häfen in der Rhein-Main-Region und in Koblenz inzwischen eingetreten.Auf fallende Pegelstände können Betreiber von Binnenfrachtern nur bis zu einem gewissen Maß reagieren, indem sie lediglich einen Teil ihrer regulären Ladekapazität nutzen. An einem bestimmten Punkt, der nun offenbar erreicht ist, lässt sich die Verringerung der Kapazität aber auch nicht mehr durch Aufschläge kompensieren. Diese „Kleinwasserzuschläge“ verlangt Contargo eigenen Angaben zufolge nach Pegelständen gestaffelt. Liegt etwa der Pegel an der Messstelle Kaub südlich von Koblenz unter 81 Zentimetern, kommt je Container ein Aufschlag hinzu, der für einen 20-Fuß-Behälter bei 300 Euro auf das reguläre Transportentgelt beginnt, bei einem zwölf Meter langen 40-Fuß-Container bei 380 Euro.Bei einem Pegelstand von 50 bis 41 Zentimeter beträgt der Kleinwasserzuschlag schon 930 Euro für einen großen Container. Fällt der Pegel auf 40 bis 25 Zentimeter, sind 1280 Euro zusätzlich fällig. Darunter verlagert das Unternehmen den Containertransport nach Möglichkeit auf Schiene und Straße. Eine Transportpflicht besteht bei derart niedrigen Pegelständen ohnehin nicht mehr.Für Contargo fährt eine Flotte von 40 Binnenschiffen und 15 Schubleichtern, worunter die motorlosen Frachtschiffe zu verstehen sind, die in einem Schubverband von einem Schubschiff vorangetrieben werden. Ein Binnenfrachter, wie er auf dem Rhein verkehrt, hat im Schnitt eine Kapazität von 3000 Tonnen und ersetzt etwa 150 Lastwagen. Nach einer Berechnung des baden-württembergischen Verkehrsministeriums verursacht die Binnenschifffahrt, was Luftverschmutzung, Lärm, Klimabelastung und Unfälle betrifft, im Vergleich zu Straße und Bahn unter dem Strich die geringsten Kosten für die Allgemeinheit.Fahrrinnenvertiefung seit zehn Jahren beschlossenDie aktuelle Niedrigwasserlage ist für die Binnenschifffahrt zwischen Wiesbaden, Walluf und St. Goar auch deshalb besonders heikel, weil die Fahrrinne schon im Normalfall lediglich 1,90 Meter tief ist. Sie ist damit deutlich flacher als etwa in Duisburg und in Basel, wo die Tiefe 2,80 beziehungsweise drei Meter beträgt. In einem Großprojekt soll deshalb die Fahrrinne in diesem Abschnitt auf 2,10 Meter ausgebaggert werden. Das entspricht dem Niveau zwischen St. Goar und Koblenz auf der einen sowie Walluf und Iffezheim auf der anderen Seite. Diese „Engpassbeseitigung“ wurde schon vor zehn Jahren in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen. Das Projekt ist in drei Abschnitte aufgeteilt. Zumindest für einen davon ist das Planfeststellungsverfahren den Angaben zufolge inzwischen fortgeschritten.Grundsätzlich gehörten Niedrigwasserphasen wie die aktuelle zum natürlichen Geschehen, heißt es von der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz. Ungewöhnlich sei aber in diesem Jahr der frühe Zeitpunkt. Bisher seien Spätsommer und vor allem Herbst in der Regel die Niedrigwasserzeit für Flüsse wie dem Rhein. Außer Frage steht für die Wissenschaftler, dass der Klimawandel den Wasserhaushalt und damit auch die Niedrigwasser wesentlich beeinflusst.Zu den wichtigsten Einflussfaktoren zählen die Koblenzer die steigenden Lufttemperaturen. Mit der Wärme nehme die Verdunstung zu. Gleichzeitig schwänden Wasservorräte in Form von Schnee oder stünden schon früher im Jahr nicht mehr zur Verfügung. Auch Gletscher, die Flüsse früher im Sommer mit Wasser versorgten, zögen sich immer weiter zurück, sagen die Forscher weiter. Zudem gingen die Niederschläge im Sommer immer häufiger als Starkregen nieder. Dieser verursache zwar kurzfristig höhere Wasserstände, trage aber durch den raschen Abfluss kaum dazu bei, Niedrigwasserlagen zu entschärfen. Die erhöhte Verdunstung verstärke Wasserverluste in allen Jahreszeiten und intensiviere damit Niedrigwasserereignisse, wie sie derzeit zu beobachten seien.
Drohender Niedrigwasser-Rekord: Sinkender Rhein-Pegel bereitet Schifffahrt Probleme
Phasen von Niedrigwasser gibt es auch am Rhein regelmäßig. Diesmal ist es aber besonders ausgeprägt und tritt früher im Jahr auf als sonst. Das bereitet nicht nur der Binnenschifffahrt Probleme.











