In Zürich wird es immer enger, teurer und internationaler – so lauten drei Vorurteile. Aber stimmen sie auch? Der grosse Datencheck.03.09.2026, 05.05 Uhr8 LeseminutenZürich hat sich verändert. Das zeigt sich dort am eindrücklichsten, wo die Einheimischen am meisten Musse haben, darüber zu lästern: in der Badi.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenn sich die Fransen des Nachbartuchs wie Fühler nach dem eigenen Territorium ausstrecken und Grenzkonflikte nur noch mit Mühe unterdrückt werden können.Vor zwanzig Jahren verzeichneten die städtischen Freibäder in einer normalen Saison etwa eine Million Besucher, dieses Jahr waren es bis Ende August drei Millionen.Der Dichtestress in der Freizeit spiegelt tiefergreifende Sorgen: In der Badi ist es der freie Platz für ein Badetuch, im Alltag die Suche nach einer Wohnung.Newsletter «Das Wochenende»Inspirierende Reportagen, bewegende Geschichten, tiefgehende Hintergründe: Jeden Freitagnachmittag begleiten wir Sie mit ausgewählten Lesetipps in Ihr Wochenende.Jetzt kostenlos abonnierenDer Grund für die Sorgen der Zürcherinnen und Zürcher: das starke Bevölkerungswachstum. Nach der Jahrtausendwende lebten 360 000 Personen in Zürich. Heute sind es 450 000. In den letzten zehn Jahren sind in der Stadt Zürich mehr als 26 000 neue Wohnungen gebaut worden.Die Debatten über das Wachstum sind geprägt von Vorurteilen. Wie viel Wahrheit enthalten sie?1. VorurteilEs wird immer enger in der StadtIm Escher-Wyss-Quartier hat sich die Zahl der Wohnungen seit 2006 vervierfacht, jene der Arbeitsplätze verdoppelt. Heute leben in dem Quartier dreimal so viele Menschen wie noch vor zwanzig Jahren. Doch das liegt vor allem daran, dass damals kaum jemand im ehemaligen Industriequartier wohnte.Stadt und Immobilienunternehmen schwebte einst vor, hier ein hippes, urbanes Quartier entstehen zu lassen – ein bisschen Berlin, ein bisschen London. Daraus geworden ist: ein bisschen Zürichberg.Im Quartier leben Gutverdiener in verhältnismässig grossen Wohnungen. 40 Prozent davon befinden sich im Stockwerkeigentum – ein Wert, der nirgendwo sonst in der Stadt auch nur annähernd erreicht wird.Die Bevölkerungsdichte ist trotzdem nach wie vor vergleichsweise tief. Deshalb kritisierte der Zürcher Stadtforscher Christian Schmid in der NZZ einst, das Quartier sei eine Fehlplanung: «Man hat Fläche produziert, viel Fläche, aber viel zu wenig Menschen untergebracht.»Anders sieht es in Albisrieden am Fusse des Üetlibergs aus. Im Vergleich zu der Gegend um den Escher-Wyss-Platz teilten sich in Albisrieden bereits doppelt so viele Menschen einen Quadratmeter Siedlungsfläche, als um das Jahr 2010 ein starkes Wachstum einsetzte.Im Zentrum der jüngeren Entwicklung steht das ehemalige Zollfreilager, wo seit 2013 rund 850 neue Wohnungen in sechs- und siebenstöckigen Grossbauten entstanden. Die Bevölkerungsdichte kletterte so auf einen Spitzenwert, wie er sonst nur in den besonders dichten Blockrandgebieten in den ehemaligen Arbeiterquartieren erreicht wird. 2500 Personen sind in das Freilagerareal gezogen.Das spürt man nicht nur an der nächstgelegenen Tramhaltestelle, wo heute laut der Verkehrsstatistik doppelt so viele Menschen einsteigen wie vor zehn Jahren, sondern zum Beispiel auch im Gemeinschaftszentrum Bachwiesen gleich nebenan. Wer dort in der Holzwerkstatt etwas zimmern will, kann nicht mehr wie früher einfach loslegen, sondern muss lange warten, bis er an der Reihe ist.Weil auch stadteinwärts in Richtung Letzigrundstadion viel gebaut und verdichtet wurde, hat die Bevölkerung von Albisrieden seit 2010 um einen Drittel zugenommen. Das Quartier, bis vor kurzem noch eines mit mittlerer Dichte, zählt in dieser Hinsicht in Zürich inzwischen zum vorderen Drittel. Und es könnte in diesem Stil weitergehen, denn Albisrieden gilt als einer der Stadtteile mit dem grössten Verdichtungspotenzial. Ein Nebeneffekt: In das zuvor tendenziell überalterte Quartier sind viele deutlich jüngere Personen zugezogen.Wahrheitsgehalt des VorurteilsEs ist tatsächlich enger geworden in der Stadt: Im Schnitt lebten in Zürich 2024 pro Hektare Siedlungsfläche 16 Prozent mehr Menschen als 15 Jahre früher. In Wollishofen kommen auf jeden Abschnitt Strasse und jede Parkanlage sogar 27 Prozent mehr Menschen.Dichtestress ist allerdings ein subjektives Gefühl: Denn die Bewohner von Albisrieden, Hirzenbach und Altstetten beurteilen ihre Wohngegend am häufigsten als «eher zu dicht» – ihre Quartiere gehören jedoch betreffend Bevölkerungsdichte lediglich zum Durchschnitt.Vorurteil 2Es werden nur noch grosse Luxuswohnungen gebautIm Langstrassenquartier ist in letzter Zeit viel gebaut worden, es gibt dort 22 Prozent mehr Wohnungen als noch vor 15 Jahren. Das ist eine der höchsten Zuwachsraten in der ganzen Stadt. Bei der Zahl der Einwohner und der Bevölkerungsdichte ist das Wachstum hingegen unterdurchschnittlich.Was passiert ist, zeigt eine andere Statistik: jene zum Wohnflächenverbrauch. Dieser ist pro Kopf um zwei Quadratmeter gestiegen – auch das ein städtischer Spitzenwert. Die Grösse einer durchschnittlichen Neubauwohnung ist im Langstrassenquartier in den 2010er Jahren auf über hundert Quadratmeter gestiegen.Dahinter steckt eine Aufwertung, die in der Stadt unter dem Begriff Gentrifizierung stark diskutiert wird. Angetrieben wird diese Entwicklung von Privatgesellschaften und – zu einem kleineren Anteil – von Privatpersonen. Sie besitzen 90 Prozent der neu gebauten Wohnungen. Jüngstes Beispiel ist die Baustelle hinter der Piazza Cella, wo sich der international bekannte Klub Zukunft befand.Das mittlere steuerbare Einkommen von unverheirateten Quartierbewohnern ist doppelt so schnell gewachsen wie im Rest der Stadt und liegt inzwischen über dem Durchschnitt. Noch ausgeprägter ist diese Entwicklung bei Verheirateten: 2010 lag deren mittleres Einkommen noch nah am städtischen Tiefstwert, bei 55 000 Franken. Inzwischen verdienen sie mehr als 95 000 Franken.Anders sieht es am See aus – in dem Quartier, das von den Einheimischen liebevoll «Wollihood» genannt wird. Auch dort sind innert 15 Jahren 27 Prozent zusätzliche Wohnungen entstanden. Doch im Unterschied zur Langstrasse ist hier auch die Bevölkerung stark gewachsen, sogar in noch schnellerem Tempo. Wollishofen ist zwar immer noch eher locker besiedelt, aber es wird so rasch dichter wie an kaum einem anderen Ort in der Stadt.Hier geht der Wohnflächenverbrauch pro Kopf zurück. Eine Erklärung sind die in diesem Quartier aktiven Wohnbaugenossenschaften mit ihren Mindestbelegungsvorschriften. Sie waren ab 2010 für jede dritte Neubauwohnung in Wollishofen verantwortlich, so dass ihr Anteil derzeit bei einem Viertel liegt. Die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ), die grösste Wohnbaugenossenschaft der Schweiz, hat zum Beispiel am Entlisberg über der Autobahn zwei ganze Siedlungen ersetzt und dabei stark verdichtet.Wahrheitsgehalt des VorurteilsDie Zürcherinnen und Zürcher verfügen im Mittel über gleich viel Wohnraum wie schon zur Jahrtausendwende: 39 bis 40 Quadratmeter. Das Vorurteil stimmt deshalb nur für gewisse Quartiere. Die grosse Mehrheit der Stadtbewohner lebt nicht in grossen Luxuswohnungen. In einigen Quartieren ist die Wohnfläche sogar zurückgegangen.Und es findet ein Ausgleich statt: In Quartieren mit besonders hohem Wohnflächenverbrauch ist dieser am Sinken – sogar am wohlhabenden Zürichberg. In solchen mit besonders geringem Verbrauch wie am genossenschaftlich geprägten Friesenberg steigt er.3. VorurteilDie Mieten steigen enorm – Büezer werden verdrängt, Expats übernehmenDie historischen Blockrandbauten zwischen Idaplatz und Brupbacherplatz – oder: zwischen Calvados-Bar und Gelateria di Berna – sind der Zürcher Inbegriff eines Trendquartiers. Hier zieht es viele hin, die hip und urban leben wollen, und die Wohnungen werden auch genau so vermarktet. Bis zum Jahr 2010 war das noch ganz anders, da galt das Quartier als leicht schmuddelig und war von einer Stadtautobahn zerschnitten.Die Nachfrage nach Wohnungen ist dort stark gestiegen und mit ihr die Mieten: Gemäss Zürcher Bevölkerungsbefragung zahlte hier noch 2019 nur jeder Vierte mehr als 2000 Franken fürs Wohnen, Nebenkosten inklusive. Sechs Jahre später war es schon jeder Zweite.Und dies, obwohl im Vergleich mit anderen Quartieren relativ wenige neue Wohnungen hinzugekommen waren. Dafür wurde fleissig saniert. Pro Quadratmeter zahlt man hier inzwischen mehr Miete als im städtischen Durchschnitt.In den Strassen und Cafés des Sihlfelds fällt den Alteingesessenen auf, dass heute vermehrt Hochdeutsch und Englisch gesprochen wird. Die Statistik zeigt, dass im Sihlfeld seit 2010 jene Ausländer anteilsmässig besonders zugelegt haben, die mit hochqualifizierten Zuwanderern in Verbindung gebracht werden – mit sogenannten Expats, die zum Beispiel in der IT-Branche arbeiten. Unter ihnen Franzosen, Polen, Rumänen oder Amerikaner. Diese Gruppe stellt zusammen etwa einen von zwanzig Quartierbewohnern.Ausgeprägter als im Rest der Stadt sinkt gleichzeitig der Anteil anderer Ausländergruppen: jener der Portugiesen und Türken, die oft im Baugewerbe und in der Gastronomie tätig sind, sowie der Menschen aus Sri Lanka und dem Balkan, die einst vor dem Krieg geflüchtet sind. Sie ziehen weg.Dass im Quartier eine stärkere sozioökonomische Schicht aufkommt, lässt sich auch an Bildungsstand und Löhnen ablesen. Zwei von drei Quartierbewohnern verfügen heute über einen Hochschulabschluss oder eine höhere Berufsbildung, die Einkommen sind deutlich schneller gestiegen als im Rest der Stadt.Im Jahr 2010 war der typische Bewohner des Sihlfelds noch eine Person mit klar unterdurchschnittlichem Verdienst. Heute ist dies nicht mehr der Fall, zumindest bei den Unverheirateten – und diese Kategorie wächst im Sihlfeld besonders schnell. Zugleich sinkt die Sozialhilfequote.Das mittlere Einkommen im Escher-Wyss-Quartier ist in den letzten Jahren stark gestiegen und liegt inzwischen auf ähnlich hohem Niveau wie am Zürichberg. Nach 2010 hat sich der Ausländeranteil innert weniger Jahre fast verdreifacht.Die Quartierbewohner fahren laut der Statistik am ehesten einen weissen BMW und kommen überdurchschnittlich oft aus Deutschland, den USA und Grossbritannien. Kinder und Senioren gibt es in dem Quartier heute verhältnismässig weniger als früher.Anders als im Sihlfeld sind die Mieten in den letzten sechs Jahren nicht stark gestiegen. Sie befanden sich bereits zuvor auf hohem Niveau und sind seither dort verblieben. Wohnungen für unter 2000 Franken im Monat sind Mangelware, etwa jede dritte kostet über 3500 Franken. An den Stadträndern steigen die Mieten zwar auch, aber langsamer als im Zentrum. In Leimbach, Affoltern oder Schwamendingen kostete die Hälfte der Wohnungen in jüngerer Zeit noch unter 2000 Franken im Monat.Dort befinden sich vergleichsweise viele Liegenschaften im Besitz gemeinnütziger Genossenschaften oder der Stadt, in Leimbach sind es sogar mehr als die Hälfte. Allerdings haben selbst dort in den letzten beiden Jahren laut Erhebungen der Stadt die Mieten um fast 12 Prozent angezogen.Die ausländische Wohnbevölkerung ist in Leimbach seit 2010 ähnlich sprunghaft angestiegen wie im Escher-Wyss-Quartier. Doch hier zogen kaum reiche Expats zu – vielmehr zeigt sich hier so etwas wie das sozioökonomische Spiegelbild der Dynamik.Unter den Top 10 der Herkunftsländer befinden sich Eritrea, Afghanistan und Syrien. Während anderswo Expats die Sozialhilfequote drücken, steigt sie an den Rändern der Stadt. In Leimbach bezieht jede vierzehnte Person Sozialhilfe. Und unter Alleinstehenden sind die Einkommen der untersten 25 Prozent seit 2010 sogar um fast 20 Prozent gesunken.Zugleich ist hier am Stadtrand der Typ Büezer noch nicht von Verdrängung bedroht. Personen mit einer Berufslehre und Ungelernte, die in trendigen Quartieren in der Minderheit sind, sind hier noch in der Mehrheit – und ihr Bevölkerungsanteil relativ stabil.Wahrheitsgehalt des VorurteilsDie Büezer werden nicht überall in der Stadt verdrängt, sondern aus den trendigen ehemaligen Arbeiterquartieren an den Rand gedrängt.Der Anteil der Schweizer hat in der Stadt abgenommen, jener der ausländischen Bevölkerung ist stark gestiegen. Die Zuzüger kommen nicht nur aus europäischen Nachbarländern, sondern auch aus Indien, China oder Polen. Und sie übernehmen zum Teil gutbezahlte Jobs. Während die Löhne der untersten 25 Prozent nur wenig gestiegen sind, haben jene am oberen Ende des Spektrums deutlich zugelegt.Doch es kommen nicht nur zahlungskräftige Expats, die Zuwanderer sind in der Stadt Zürich nach wie vor divers – je nach Lage und Quartier.Die Mieten steigen in der ganzen Stadt. Der Median der gemeinnützigen Mietpreise hat sich laut der Statistik gegenüber dem Jahr 2000 um 22 Prozent erhöht, derjenige der übrigen Mieten sogar um 43 Prozent.Vor rund zwanzig Jahren gaben in der städtischen Bevölkerungsbefragung erst 16 Prozent an, dass sie mehr als 2000 Franken Miete zahlten. Letztes Jahr ist ihr Anteil auf 53 Prozent gestiegen.Passend zum Artikel