Zürich ist teuer, lebenswert, voller Stau und kulturell verkümmert: wie die Stadt in der seltsamen Welt der internationalen Rankings abschneidetDie Städte-Ranglisten werden immer mehr und immer absurder. Da hilft nur noch: ein Ranking der Rankings.12.07.2026, 05.03 Uhr5 LeseminutenIn Städte-Rankings steht Zürich regelmässig zuoberst. Es gibt nur ein Problem: Die Ranglisten sind ähnlich voll mit Unsinn wie der Letten mit Badenden.Claudio Thoma / KeystoneEs gibt nichts Schöneres als eine Rangliste, besonders wenn man selbst zuoberst steht. Niemand weiss das so gut wie die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Zürich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie zählen wahlweise zu den glücklichsten und reichsten, den am lebenswertesten lebenden oder den arbeitsamsten Menschen der Welt. Sie sind die Smartesten und die Innovativsten, die mit dem teuersten Big Mac und der besten Hochschule.Zumindest ist das so, wenn man den Rankings internationaler Consulting-Gruppen, Unternehmen und Medienhäuser glaubt. Diese machen sich regelmässig ein Vergnügen daraus, Städte in Listen zu sortieren, als seien sie nicht komplexe soziokulturelle Gebilde, sondern Prachtbullen bei einer Viehauktion.Methodisch überzeugen diese Rankings selten. Die Aufmerksamkeit, die sie generieren, ist aber beste Gratiswerbung für die Auftraggeber und ihre Dienstleistungen.Was hilft gegen den Ranking-Wahn? Höchstens eines: noch ein Ranking! Eine Rangliste der Städte-Ranglisten. Geordnet nach der einzigen Metrik, die hier wirklich zählt: ihrem Unterhaltungswert.Platz 5: Das Reichen-RankingDie Bank Julius Bär hatte in letzter Zeit eigentlich genug anderes zu tun, als sich um Städte-Ranglisten zu kümmern. Kredite für den österreichischen Immobilienpleitier René Benko, hohe Abschreibungen, Entlassungen, eine Millionenbusse der Finanzmarktaufsicht (Finma): All das bescherte der Bank Negativschlagzeilen.Und doch war offenbar genug Zeit da für die Abfassung eines «Global Wealth and Lifestyle Report». Der richtet sich an «high-net-worth individuals» und misst den Preis von zwanzig Luxusgütern und -dienstleistungen: von Juwelen und Uhren bis zu Privatschulgebühren und Gesundheitskosten.Das Resultat der neusten, erst kürzlich veröffentlichten Ausgabe: Zürich ist die zweitteuerste Stadt der Welt, nur in Singapur ist das Leben für Reiche noch teurer.Der Aufstieg um drei Ränge, so liest man im Bericht zum Ranking, habe vor allem mit der Stärke des Schweizerfrankens zu tun. Die teuersten Städte, heisst es weiter, seien «Ökosysteme, in denen starke Institutionen starke Währungen stützen und dadurch die Bewahrung von Kapital in Kombination mit Lebensqualität ermöglichen».Alles klar? Nein? Dann, so der Bericht, helfe die Bank gerne mit einer persönlichen Beratung weiter. Allen, die gerade dabei sind, das Juwelen- mit dem Privatschulbudget auszubalancieren, hilft das sicher weiter. Alle anderen haben von diesem Ranking wohl wenig.Arme Superreiche: Für sie ist Zürich eine der teuersten Städte der Welt. Zum Glück gibt es hier hilfreiche Bankberater, die ihnen beistehen.Christian Beutler / KeystonePlatz 4: Das Expat-RankingNicht weniger als dreissig Faktoren fliessen in den Global-Liveability-Index des britischen «Economist» ein – von der Terrorgefahr bis zur Luftfeuchtigkeit, der Verfügbarkeit von rezeptfreien Medikamenten bis zur Gefahr eines militärischen Konflikts.Und doch zählt am Ende nur eine Zahl: der Rang in den Top Ten der lebenswertesten Städte, den dieses Gepansche aus zusammengewürfelten Indikatoren ergibt.Für Zürich war die jüngste Ausgabe eine herbe Enttäuschung: eine Degradierung um drei Ränge, von Platz 2 auf Platz 5 der lebenswertesten Städte. Und zwar ausgerechnet wegen Mängeln im Bereich Kultur und Umwelt.Welcher Art diese Mängel sind? Das erfährt nur, wer sich für 2500 Dollar den Zugang zum dazugehörigen Analysepaket kauft.Wer das tut? Schwer zu sagen. Angeblich soll der Index internationalen Unternehmen bei der Festlegung von Ortszulagen für Angestellte dienen. Wenn die Zürcher Expats also plötzlich Schmerzensgeld für das Leben im kulturell verkümmerten Zürich erhielten – dann bekäme die dröge Zahlenspielerei wenigstens noch eine ironische Note.Platz 3: Das Spass-RankingSchluss mit all den Zahlen, den Steuerquoten, Bruttoinlandprodukten und Teuerungsraten – wird eine Stadt nicht durch etwas ganz anderes definiert, durch Kultur, Gastfreundschaft, Architektur? Das sagten sich vor rund zwanzig Jahren die Herausgeber des Lifestyle-Magazins «Monocle». Und riefen was ins Leben? Natürlich ihr eigenes Ranking.Dessen Basis: knallharte Recherche zu Fragen wie «Haben Restaurants auch nach 22 Uhr geöffnet?». Zürich landete in der Rangliste immer wieder auf den ersten Rängen. In den vergangenen zwei Jahren aber reichte es jeweils nur für Platz 6.Wo liegt das Problem? Die Stadt habe schlicht zu hohe Mieten und zu wenige günstige Wohnungen. Eine Lösung dafür hat das Lifestyle-Magazin nicht bereit (es wären wohl zu viele Zahlen involviert). Aber dafür hat «Monocle» andere Ideen: Zürich solle seine Geschäfte doch auch am Sonntag öffnen. Und dafür sorgen, dass man auch nach 22 Uhr überall eine anständige warme Mahlzeit bekomme.Zürich soll attraktiver für Expats werden, aber bitte auch günstigere Mieten haben: Die Forderungen aus der Ranking-Welt sind mitunter widersprüchlich.Alexandra Wey / KeystonePlatz 2: Das Werbe-RankingDie Firma Sixt hatte schon immer einen ganz eigenen Sinn für Humor. Angela Merkels Frisur, Prinz Harry und der Brexit waren in Werbekampagnen des Autovermieters schon Thema. Den Vorsitzenden einer streikenden Lokführergewerkschaft nannte Sixt einmal «Mitarbeiter des Monats».Und dann war da noch das Plakat mit dem verbeulten Porsche. Text: «Wir vermieten auch an Frauen.»Auf ähnlichem Niveau bewegt sich ein Ranking des Unternehmens, das dieses Jahr publiziert wurde. Thema: «Die problematischsten Städte für Autofahrer». Darin sind für vierzig Städte ein paar zusammengewürfelte Parameter zusammengetragen, deren Gemeinsamkeit man etwa so zusammenfassen kann: irgendetwas mit Stau.Das Google-Suchvolumen nach Wegbeschreibungen gehört ebenso dazu wie das Vorhandensein von Umweltzonen oder die durchschnittliche mobile Breitbandgeschwindigkeit beim verzweifelten Suchen nach besseren Verkehrsrouten im Internet.Das Resultat dieser vom Wirtschaftsmagazin «Bilanz» grosszügig als «Studie» bezeichneten Auswertung: Zürich soll zu den Top Ten der schlimmsten Städte für Autofahrer in und um Deutschland gehören – «zu den schlimmsten Verkehrshöllen Europas» in den Worten der «Bilanz».Zum Glück hat Sixt praktische Tipps für alle bereit, die Zürich mit dem Auto besuchen wollen: Stadtzentrum meiden, Zeitpuffer einplanen, früher losfahren. Oder gleich einen Chauffeurservice buchen. Am besten den von Sixt.Platz 1: Das Raddampfer-RankingDas beste Zürich-Ranking stammt von keiner Firma und keiner Zeitung. Es wertet keine Zahlen und Statistiken aus, sondern misst nur zwei Grössen: den Zugang zu Raddampfern auf dem Zürichsee. Und die Verfügbarkeit jener roten Hop-on-hop-off-Busse, die Touristen ohne Orientierungssinn durch die Metropolen karren.Autor des Rankings ist ein User namens «Maritime_Historian». Publiziert hat er es auf der Plattform Tripadvisor in Form einer kaum beachteten Bewertung zur Zürcher Innenstadt, der der User zwei von fünf Punkten gab.«Zürich war eine riesige Enttäuschung», schreibt der Mann. «Very dull» sei es hier, sehr stumpfsinnig. Nach vier Uhr nachmittags habe es keine Fahrt mit Dampfer mehr gegeben, und auch Hop-on-hop-off-Busse habe er vergebens gesucht. Null Punkte also in beiden Kategorien. Am Sonntag sei ausserdem alles geschlossen gewesen. «Läden, viele Restaurants, sogar Apotheken!»Was für ein schrecklicher Ort, «What a place!». Das Verdikt des «Maritime_Historian» ist klar: Zürich ist «die langweiligste Stadt der Welt». Immerhin: Platz 1, einmal mehr.Hier ist auf die Raddampfer noch Verlass: das Exemplar «Schiller» auf dem Vierwaldstättersee.Christoph Ruckstuhl / NZZPassend zum Artikel