Die AfD könnte erstmals in einem deutschen Bundesland an die Macht kommen. Eine Reise von Luthers Wittenberg durch alte Industriereviere – zu Menschen, die von Verlusten, Veränderungen, Ängsten und Hoffnungen erzählen.31.08.2026, 05.30 Uhr15 LeseminutenAn dem Morgen, an dem die Reise beginnt, herrscht auf dem Schlossplatz in Wittenberg tiefe Stille. Ein Pärchen schlendert heran, tritt an die weltberühmte stählerne schwarze Tür. Die Frau geht näher heran und versucht, die eng gesetzten Schriftzeichen zu erkennen. «Das soll einer lesen können», sagt sie schliesslich zu ihrem Mann. Sie wenden sich ab und gehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch die Worte, die an dieser Tür stehen, begannen vor gut 500 Jahren vom heutigen Sachsen-Anhalt aus eine ungeheure Wirkung zu entfalten. Innere Gesinnung statt katholischer Beichtstuhl und Ablasshandel – das ist es, was Luther mit seinen 95 Thesen an der Tür der Schlosskirche in Wittenberg forderte. Er löste damit eine Revolution des Glaubens aus.Eine Kehrmaschine fährt dröhnend auf den Schlossplatz, vorbei an Masten, an denen Wahlplakate hängen. Die Bürsten kreisen über das Pflaster, Staubwolken steigen auf, der Fahrer tippt nebenbei auf seinem Handy. Die Hitze sinkt langsam herab, die Kirchenglocke schlägt Viertel nach neun. An dem Ort, von dem aus Luthers Worte die christliche Welt aufrüttelten, beginnt ein schöner Sommertag.Ein möglicherweise fundamentaler UmbruchEin Tag in erneut historischer Zeit: Gut 500 Jahre nach dem Thesenanschlag von Wittenberg ist das ostdeutsche Bundesland Sachsen-Anhalt mit seinen gerade einmal 2,1 Millionen Einwohnern möglicherweise wieder der Ausgangsort eines fundamentalen Umbruchs in Deutschland. Hier könnte die in Teilen rechtsradikale AfD am 6. September erstmals in einem Bundesland die absolute Mehrheit gewinnen und die Regierung übernehmen. Wie konnte es gut 37 Jahre nach dem Ende des DDR-Regimes dazu kommen?Einfache, gängige Antworten liegen bereit: Deindustrialisierung, Abwanderung, Überalterung, Identitätssuche und das Gefühl, nach der Wiedervereinigung Bürger zweiter Klasse geworden zu sein. Auf den nächsten eintausend Kilometern durch Sachsen-Anhalt werden sie einem immer wieder begegnen. Und immer wieder werden Menschen sie auch widerlegen.Schnellroda: Der rechte VordenkerZuerst führt der Weg vom Ausgangspunkt Wittenberg gut 140 Kilometer nach Südwesten. Vorbei an abgeernteten Feldern, langsam rotierenden Windrädern, durch Städte und Dörfer mit wenigen Menschen auf den Strassen. Nach gut anderthalb Stunden taucht ein Ortsschild auf: Schnellroda, ein sauberes, gepflegtes Dorf mit gut 200 Einwohnern.AfD-Werbung in Sachsen-Anhalt.Hier lebt Götz Kubitschek, 56, Verleger und einer der wichtigsten Vordenker der Neuen Rechten in Deutschland. Seit vielen Jahren arbeitet er daran, seine Begriffe und Ideen in die politische Auseinandersetzung einzuspeisen. Kubitschek ist so etwas wie der Spiritus Rector der AfD. Seine Erklärungen reichen weiter als bis zu den stillgelegten Fabriken und Tagebauen Sachsen-Anhalts. Er hat aus Unzufriedenheit eine politische Erzählung gemacht.Sein Haus ist von der Strasse nicht einsehbar. Über einem verwitterten Holzzaun hängt eine Fahne in Schwarz-Rot-Gold. Gänse schnattern, Katzen dösen in der Mittagssonne. Im Garten stehen zwei Holztische aneinander, auf den Stühlen sitzen Kubitscheks Familie und Mitarbeiter seines Verlages Antaios. «Haben Sie Hunger?», fragt Kubitschek, die Füsse in Sandalen. Es gibt Nudeln mit Buletten aus Ziegenfleisch.Er sei «grundskeptisch» gegenüber «den Medien», sagt er von der Spitze des Tisches her. «Von zehn Anfragen beantworte ich maximal zwei.» Er könne verstehen, dass viele AfD-Politiker kaum noch mit Journalisten sprächen. «Da wurde so viel Mist geschrieben, auch über mich.» Das ändere sich aber langsam. «Klügere Journalisten» beschrieben die AfD inzwischen als etwas Normales, sagt er. «Mit einer Normalität muss man anders umgehen.»Die Sprache der RechtenFrüher arbeitete er selbst als Journalist und diente als Reservist der Bundeswehr in Bosnien-Herzegowina. Dort gehörte er zur Abteilung für Operative Information, deren Aufgabe es war, mit Informationen auf Einstellungen und Verhalten bestimmter Zielgruppen hinzuwirken. Er erzählt davon, als er in sein Arbeitszimmer geht und dabei Räume mit knarzenden Holzdielen und meterlangen Bücherregalen durchquert.In Schnellroda, einem Dorf im Südwesten von Sachsen-Anhalt, lebt Götz Kubitschek.In seinem Büro sitzt er hinter einem Schreibtisch, an der Wand steht ein Canapé. Wenn Kubitschek spricht, ist das Schwäbische herauszuhören. Er ist in Ravensburg aufgewachsen und lebt seit gut 25 Jahren in Sachsen-Anhalt.«Also, die AfD», sagt er und steckt sich einen Zigarillo in den Mund. «Stört es Sie?», fragt er. Er pafft den Rauch zum geöffneten Fenster hin. Ja, der Zuspruch habe eine Dimension erreicht, die auch ihn überrasche. Sein Anteil bestehe aber lediglich darin, dass er dabei mitgeholfen habe, der Partei «Begriffe, Erklärmuster und Vokabular» zu geben.Deutsche Identität, nationaler Patriotismus, Überfremdung und die Dysfunktionalität eines Staates, der sich nicht zu sich selbst bekennen wolle, um diese Themen, sagt er, sei es ihm von Anfang an gegangen. Kubitschek hat ungezählte Texte und Essays dazu verfasst, verlegt Bücher und Zeitungen mit rechten Inhalten.«Ihr habt vielleicht nur diese eine Chance»Der Landesverfassungsschutz ordnet Kubitscheks Bestrebungen «eindeutig dem Rechtsextremismus beziehungsweise der extremen Rechten» zu. Kubitschek nennt ihn einen «Konkurrentenschutz» für andere Parteien. Wenn er von der AfD spricht, sagt er oft «wir». Mitglied der Partei sei er zwar nicht, aber wer aus der Partei mit ihm sprechen wolle, werde nicht abgewiesen.Was er der AfD jetzt rät? «Schlaft wenig und arbeitet viel.» Und: «Ihr habt vielleicht nur diese eine Chance.» Es gebe zumindest einige gute Leute, die bei einem Machtwechsel in Sachsen-Anhalt in der Regierung arbeiten könnten, Fachleute aus Verwaltung und Wirtschaft, die an der Dysfunktionalität des Staates verzweifelten. «Man darf nicht unterschätzen, wie viele Menschen es gibt, die bei der Erneuerung des Landes mitmachen wollen.»Kubitschek ruht in sich. Keine Schärfe, nichts Triumphierendes in seinen Worten. Er pflegt den Habitus des Intellektuellen, des Mahners. «Überschätzt nicht eure Bedeutung für den Fortgang der Republik.» So sage er es der AfD. «Dient dem Land, dem Ganzen.» Mehrfach zündet er sich den Zigarillo wieder an. Er neige zum Monolog, sagt er entschuldigend.Vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt, August 2026.Wittenberg: Die verlorenen ÖffentlichkeitenKubitschek hat der Neuen Rechten eine wirksame Sprache gegeben. Aber das erklärt noch nicht, warum sie so viele Menschen in Sachsen-Anhalt hören wollen. Also geht es zunächst noch einmal zurück nach Wittenberg. In der Evangelischen Akademie gegenüber der Schlosskirche sitzt der Theologe Christoph Maier und spricht von den Orten, an denen Menschen einander noch persönlich kennen: Vereine, Feuerwehr, Handwerksbetriebe, Stammtische.Er nennt sie die «kleinen Öffentlichkeiten». Die AfD habe hier die Schlüsselpersonen gewonnen, sagt er: den Dachdecker, den Tischler, den Feuerwehrkommandanten. Menschen bildeten sich dort ihre politische Meinung, wo sie einander vertrauten. «Da kommt man mit grossen Kampagnen und medialen Darstellungen nicht mehr gegen an.»Wie weit diese Entwicklung reicht, hat Maier wenige Tage zuvor erlebt. Die AfD hatte ihn zu einer Veranstaltung mit ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund eingeladen. Im Publikum sassen vor allem ältere Menschen. Maier erinnert sich an ihre Wut und noch stärker an die jubelnde Erwartung, die Siegmund entgegenschlägt. «Das war so, als käme der Messias.»Morgenstimmung in Wittenberg Mitte August.Christoph Maier, Leiter der Evangelischen Akademie, vor der Thesentür an der Schlosskirche in Wittenberg.Auf dem Marktplatz von Wittenberg, hinten das Denkmal für Philipp Melanchthon, der wie Luther an der Universität der Stadt lehrte und ihn zur Bibelübersetzung motivierte.Wittenberg nennt sich seit 1938 «Lutherstadt». Mit Eisleben, dem Geburtsort von Luther, gibt es in Sachsen-Anhalt noch eine zweite so benannte Stadt.Warum diese Menschen wütend sind? Maier beugt sich vor und sagt, das sei bereits die rationale Frage. Zunächst müsse man zur Kenntnis nehmen, dass sie wütend seien: unerfüllte Träume, kleine Rente, Kinder und Enkel im Westen, das Verlierergefühl. Früher habe es geheissen: «Wir gegen die Partei.» Heute heisse es: «Wir gegen Berlin.»Beim Hinausgehen sagt Maier, die Rechten hätten eine Leerstelle erkannt. Individualisierung und Säkularisierung in Deutschland hätten soziale Bindungen geschwächt. «Diese Räume müssen wir auch als Kirche in den nächsten Jahren zurückholen.»Dessau: Der Kampf um die KulturNoch findet in Sachsen-Anhalt eine Auseinandersetzung um Begriffe, Identität und gesellschaftliche Deutungshoheit statt. Doch wenn die AfD die Wahl gewinnen und eine Regierung bilden kann, wird daraus politische Gestaltungsmacht. Wer regiert, verteilt Geld, setzt Prioritäten und entscheidet etwa darüber, welche Kultur ein Land fördert.Von Wittenberg sind es kaum 40 Kilometer nach Dessau. Dort befindet sich ein Ort, an dem vor hundert Jahren schon einmal darum gerungen wurde, wie Deutschland aussehen, wohnen und leben sollte: das Bauhaus. «Nach Ihnen kommt eine japanische Journalistin», sagt Barbara Steiner, die Stiftungsdirektorin des Bauhauses, zur Begrüssung. Jeden Tag gebe sie zurzeit zwei bis vier Interviews. Die Anfragen kämen aus der ganzen Welt.Das Bauhaus steht an einer Allee, die nach seinem Gründer Walter Gropius benannt ist. Es sieht aus wie eine gebaute Absage an alles Monumentale: weisse, rechtwinklige Baukörper, eine Brücke, die berühmte Glasfassade des Werkstattflügels. Keine Säulen, kein Zierrat. Nur Stahl, Beton, Glas. Die Gropiusallee liegt an diesem Morgen still und flirrend da wie nach einem Gewitterguss im Hochsommer.Was auf dem Spiel stehtFür die AfD steht das Bauhaus für einen «Irrweg der Moderne», der «jedes Anzeichen von nationaler Verwurzelung» vermeide. Künftig, so heisst es in ihrem Regierungsprogramm, wolle sie stärker Kunst fördern, die zur «deutschen Identitätsfindung» beitrage.Barbara Steiner, geboren 1964 nahe Wien, trägt einen silbergrauen Bob und eine runde Metallbrille. Es ist jetzt kurz nach zehn, das Bauhaus öffnet für Besucher. Aus dem Treppenhaus dringt ein Sprachenmix aus Englisch, Französisch und Deutsch in ihr Büro.Szenen vom Bauhaus in Dessau, das seit Dezember 1996 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört.Das Bauhaus in Dessau.Barbara Steiner, Stiftungsdirektorin des Bauhauses in Dessau.Dessau hat rund 70 000 Einwohner. Steiner erwartet in diesem Jahr dreimal so viele Besucher. Das Bauhaus feiert seinen Umzug nach Dessau vor hundert Jahren. Ende August spielten hier die Elektro-Pioniere von Kraftwerk. Nun könnte die AfD bei einer Regierungsübernahme den Landeszuschuss für das Bauhaus kürzen. Er macht 40 Prozent des Budgets aus. Für Steiner sei das nicht das Hauptproblem. Sie sorge sich ausser um das Bauhaus vor allem um den von der AfD angestrebten «gesamtgesellschaftlichen Umbau» im Land, äussert sie.Zum Abschied sagt sie, die AfD habe die Kulturinstitutionen durch ihre Anwürfe gezwungen, sich zu fragen, wo ihre blinden Flecken lägen. Tradition. Stolz. Mit diesen Begriffen habe sich die Kultur lange schwergetan. «Doch wir dürfen sie nicht der AfD überlassen.» Das Bauhaus sei Teil der deutschen Identität und Geschichte. Das sehe sie als Stärke und nicht als Schwäche, da es eine aufnahmefähige Kultur begründet habe.Magdeburg: Die Freiheit der KunstWas eine «patriotische Kulturpolitik» praktisch bedeuten könnte, lässt sich gut 80 Kilometer nordwestlich von Dessau in Magdeburg erfragen. Im Theater der Landeshauptstadt wird Kunst nahezu jeden Abend erschaffen – unter der Leitung eines Schweizers.Julien Chavaz, 1982 in Bern geboren, leitet das Theater seit 2022. 2025 wurde das Schauspiel von einem renommierten Fachmagazin zum Theater des Jahres gewählt. Im Haus herrscht kaum Betrieb. Chavaz läuft durch leere Gänge und öffnet die Tür zum Ankleideraum. Hemden, Röcke und Bademäntel hängen dicht an dicht. Waschmaschinen stehen an der Wand. An einem Ständer hängt ein Zettel: «Muss noch komplett gewaschen werden.» Es herrscht Spielzeitpause.Der in Bern geborene Julien Chavaz ist der Intendant des Landestheaters Magdeburg.Noch ist Spielzeitpause. Abgedeckte Sitzreihen im Theater Magdeburg.Chavaz überlegt, welchen Einfluss eine künftige AfD-Landesregierung darauf nehmen könnte, was auf seiner Bühne geschieht. «Darf eine Regierung bestimmen, wie Kunst zu sein hat?», fragt er. Seine Antwort: «Nein, denn dann könnte man den Spielplan gleich in der Parteizentrale der AfD machen lassen.»Auch das Theater ist finanziell von Stadt und Land abhängig. Doch welche Stücke er inszeniere, werde er sich von keiner Regierung diktieren lassen, sagt Chavaz. «Wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir machen weiter wie bisher.»Er könne nachvollziehen, wenn Menschen seine Inszenierungen kritisierten, sagt er bei der Besichtigung der Bühne. «Ich will nicht, dass jedem alles gefällt, was wir spielen.» Doch wer deutsche Kultur suche, müsse nur auf den Spielplan schauen: Wagner, Beethoven, Brahms. In zwei Jahren wird Chavaz Magdeburg verlassen und in Essen inszenieren.Zum Abschied erzählt er von einer Oper, die im Februar ihre Premiere feiern wird. Sie handelt von einer gewaltigen Hoffnung, die Magdeburg einst hatte: die Chipfabrik von Intel. Das sei so gross gewesen für die Stadt, fast wie ein Traum, sagt Chavaz.Intel: Der geplatzte TraumStunden später liegt der Ort, an dem dieser Traum Wirklichkeit werden sollte, in der Mittagshitze. Lutz Trümper wartet mit seinem Auto auf einem kurzen Stück zweispuriger Strasse am Magdeburger Stadtrand. Pfeile weisen zur A 14, an der Kreuzung stehen Ampel und Hinweisschild. Diese Strasse führt zu einer Fabrik, die nie gebaut wurde.Vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt, August 2026.Trümper war bis 2023 für 21 Jahre SPD-Oberbürgermeister von Magdeburg. Der 70-Jährige steigt aus und zeigt über die Felder: Mais, Wildwuchs und dazwischen abgeerntete Flächen. Hier wollte Intel vor drei Jahren mit dem Bau seiner Chipfabrik beginnen. Die Bundesregierung lockte den amerikanischen Konzern mit Subventionen. «Für uns war das damals ein Jackpot», sagt Trümper.Doch dann geriet Intel in Schwierigkeiten und zog sich zurück. Die Geschichte scheint in das bekannte Muster zu passen: Nach dem industriellen Zusammenbruch der Nachwendezeit verliert Sachsen-Anhalt erneut eine grosse wirtschaftliche Hoffnung. Nur will Trümper diese Geschichte nicht erzählen.Die Magdeburger seien Intel gegenüber von Anfang an skeptisch gewesen, sagt er. Ob die Fabrik wirklich kommt? Erst einmal abwarten. Eine grosse Depression habe die Absage deshalb nicht ausgelöst. «Die Leute haben immer gezweifelt, ob das klappt.»Wenn sich die Mitte entfremdetSpäter, im Restaurant, spricht Trümper über seine eigene politische Entfremdung. Vor zwei Jahren sei er aus der SPD ausgetreten, nach zweieinhalb Jahrzehnten in der Partei. Ein Grund sei die Russland-Politik gewesen, ein anderer das Wort «Kriegstüchtigkeit» von Boris Pistorius, dem SPD-Verteidigungsminister in Berlin.Auf diesem Areal bei Magdeburg wollte der amerikanische Konzern Intel eine Chipfabrik bauen. Der langjährige Oberbürgermeister Lutz Trümper (oben links) sagt, es sei allein Intels Entscheidung gewesen, in Magdeburg doch nicht zu bauen. Die Politik habe alle Weichen gestellt gehabt.Das alles sei «brandgefährlich», sagt er, und wirtschaftlich verheerend. Den Preis zahlten «die kleinen Leute» an der Tankstelle und im Supermarkt. Er könne nicht verstehen, wie das Land auf russische Energie verzichten könne. Viele Menschen im Osten hätten bei Themen wie Russland, Migration oder Corona erlebt, dass ihre Meinung nicht akzeptiert werde. Auch der Ukraine gibt er eine Mitschuld am Krieg. «Aber wer das sagt, wird untergebuttert.»Trümper würde sich selbst kaum als Rechten bezeichnen. Und doch klingt manches von dem, was er sagt, ähnlich wie das, was die AfD äussert. Vielleicht liegt auch darin eine Erklärung für ihre Stärke: Manche ihrer Deutungen reichen längst über ihre eigene Wählerschaft hinaus.Leuna: Die bedrohte ErfolgsgeschichteDas Gefühl, nicht mehr gehört zu werden, gibt es auch anderthalb Stunden weiter im Süden. Nur geht es dort nicht um Migration, Corona oder Russland, sondern um etwas anderes.Der Chemiestandort Leuna von der Strasse aus gesehen, August 2026.20 Meter über dem Chemiepark Leuna schlägt dem Besucher fauliger Geruch entgegen. Etwas unterhalb des Laufsteges liegen zwei gewaltige Klärbecken. Von hier oben reicht der Blick über Behälter, Bahngleise und Kesselwagen. Kilometerlange Rohrbrücken ziehen sich durch eines der grössten Industrieareale Ostdeutschlands.Dieser Chemiepark ist eine Erfolgsgeschichte. Zu DDR-Zeiten arbeiteten hier 27 000 Menschen. 20 000 von ihnen verloren nach der Wende ihren Job. Heute sind auf dem Gelände 15 000 Menschen bei 30 Chemie- und 70 Dienstleistungsunternehmen beschäftigt. Aus dem einst notorisch verschmutzten Kombinat ist ein internationaler moderner Industriepark geworden.Gerade hat der finnische Konzern UPM 1,3 Milliarden Euro in eine Bioraffinerie investiert, die aus Buchenholz Chemikalien herstellt. «Das ist ein ziemlich handfester Beweis des Vertrauens in die Zukunft dieses Ortes», sagt Dermot Carey, Prokurist von Infra Leuna, Eigentümer und Infrastrukturbetreiber des Chemieparks.Der Chemiepark in Leuna hat heute gut 15 000 Beschäftigte und ist eine Erfolgsgeschichte nach dem industriellen Umbruch in Sachsen-Anhalt. Oben links im Bild Dermot Carey, Prokurist von Infra Leuna.In Leuna endet die Druschba-Pipeline, die den Standort jahrzehntelang mit russischem Öl versorgte. Das Rohr liegt noch immer. Nur das Öl kommt heute, wie Carey sagt, mit dem Schiff «aus aller Herren Ländern». Später rechnet Carey vor: Vor Beginn des Ukraine-Kriegs habe Infra Leuna jährlich 60 bis 80 Millionen Euro für Erdgas ausgegeben. Heute mit dem Iran-Krieg seien es gut 200 Millionen.Gegen Konkurrenten auf anderen Kontinenten werde die Produktion damit immer schwieriger. «Die Politik sollte die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Chemieindustrie nicht aus den Augen verlieren», sagt er. Er habe das Gefühl, dass der Industrie in Berlin mehr zugehört werden müsse. Er könne verstehen, dass viele Mitarbeiter in Leuna nun Angst um ihren Arbeitsplatz hätten.Hettstedt: Der Stolz der VerliererWieder geht die Reise nach Westen, in eine Gegend, in der von einer einst mächtigen Industrie vor allem die Erinnerung geblieben ist. Kupfer und Stahl haben Hettstedt und das Mansfelder Land über Jahrhunderte bestimmt. Hier wurden in den nuller Jahren die Messingbleche gewalzt, die heute die Brüstungen um die beiden grossen Wasserbecken am Ground Zero in New York mit den eingravierten Namen der fast 3000 Opfer des Terroranschlags vom 11. September 2001 bilden.Ein Teil der Maschinen, mit denen in Hettstedt früher Stahl gewalzt wurde, steht heute in einem Freiluftmuseum im Schlosspark. Auf einer Bank sitzen Bernd Friedrich, 67 Jahre alt, und Manfred Stern, 87 Jahre alt, der eine war Bergmann, der andere Walzwerker. Zwei von mehr als zehntausend, die hier früher Arbeit hatten und sie nach der Wende verloren.Manfred Stern, ehemaliger Walzwerker (oben links), und Bernd Friedrich, ehemaliger Bergmann (unten rechts).Sie haben das Mansfeld-Museum aufgebaut. Dort leben ihre Erinnerungen und der Stolz auf ihre Arbeit weiter. Friedrich hat der Umbruch nach 1989 besonders getroffen. Er schleppte sich von Arbeitslosigkeit zu prekären Jobs und wieder zurück.Als er davon erzählt, sitzt er gebückt und starrt auf den Boden. Stern gehörte bis zum Mauerfall zur Betriebsführung im Walzwerk und war SED-Mitglied. Er sei als ehemaliges Kadermitglied erst 1993 entlassen worden. Friedrich sagt: «Man hat uns einfach abgewickelt.»Sie klagen über Abwanderung, Migration, Lebensbrüche, niedrige Renten. Aber deshalb die AfD wählen, das käme nicht infrage. Die könne die wirtschaftlichen Probleme auch nicht lösen. Stern wolle wie immer die Linkspartei wählen, er sei so erzogen. Friedrich sagt, man solle ihn nicht verraten, aber er wähle das Bündnis Sahra Wagenknecht. An seinem Auto sagt Stern zum Abschied, es sei egal, wer gewählt werde. «Es ändert sich doch sowieso nichts.»Ferropolis: Was vom Umbruch bleibtDass sich nichts ändern lässt, ist ein bemerkenswerter Satz in einem Land wie Sachsen-Anhalt, in dem nach der Wende fast alles anders geworden ist. Es geht auf die letzte Etappe der Reise, noch einmal 70 Kilometer nach Osten. Dort befindet sich am Ufer des Gremminer Sees ein Ort, der das Gegenteil beweist.Ferropolis, die «Stadt aus Eisen», besteht aus drei Baggern und zwei Absetzern, die sich um eine Konzertarena gruppieren. Ungetüme aus Stahl, Zahnkränzen, Treppen und Stegen, Kabeln und Rost. Aus der Arena schallen Hammerschläge herauf. Das nächste Festival wird vorbereitet.Ferropolis, wo früher Braunkohle aus der Erde geholt wurde, versteht sich heute als Kulturort. Fünf Tagebaubagger und Absetzer stehen dort um eine Konzertarena gruppiert. Ein Absetzer schüttet mit der Braunkohle abgebaute Erde, Ton und Kies zurück in die Grube.Das Bild links entstand im Kraftwerk Zschornewitz, in dem die Braunkohle aus Golpa-Nord verstromt wurde. Rechts steht Thies Schröder, Chef der Ferropolis GmbH, vor einem früheren Tagebaubagger.Früher transportierten die Maschinen Braunkohle aus dem Tagebau Golpa-Nord. Der Strukturbruch traf die Region um die nahe gelegene Stadt Gräfenhainichen mit voller Wucht. In den neunziger Jahren lag die Arbeitslosigkeit zeitweise bei 20 Prozent. Damals entstand aus der Diplomarbeit eines Bauhaus-Studenten die Idee, einen Tagebaubagger kulturell zu nutzen. Zunächst sollte darauf nur ein Café entstehen. Das gibt es bis heute nicht. Dafür gibt es Ferropolis.Das Wunder der neunziger JahreIm Jahr 2000 eröffnete Mikis Theodorakis mit einem Auftritt die Arena. Später kamen Oasis, Grönemeyer, Die Toten Hosen, Opern und Festivals. Ferropolis funktioniert. Es rechnet sich.Thies Schröder hat daran massgeblichen Anteil. Der 61-jährige Landschaftsplaner leitet seit mehr als zwanzig Jahren die Ferropolis GmbH. Zwischen alten Hallen, Schienen und Lokomotiven zieht er an seiner E-Zigarette und spricht von einer «Strukturbrucherfahrung», die viele Menschen im Osten gemacht hätten. Sie wirke viel stärker nach, als man in den neunziger Jahren gedacht habe, sagt er. «Da ist etwas ins Rutschen gekommen, das bis heute nicht geheilt ist.»Der Strukturbruch allein erkläre aber nicht den Erfolg der AfD. Die Erfahrung von Kontrollverlust, sagt Schröder, habe eine besondere Empfindlichkeit für das Gefühl hinterlassen, erneut die Kontrolle zu verlieren.Wie Wandel gelingen kannSchröder nennt es die «Failed-State-Erfahrung». Ostdeutsche wüssten aus eigenem Erleben, dass ein Staat tatsächlich scheitern könne. Die Republik sei ihnen «wie Sand durch die Finger geronnen». «Das sitzt tiefer in den Kleidern, als man denkt.»Was also lässt sich von Ferropolis lernen? Schröder sagt, ein Strukturwandel brauche vor allem Transparenz und Kommunikation. Entscheidungen müssten dort ausgehandelt werden, wo ihre Folgen direkt zu spüren seien: vor Ort mit den Menschen. Sie dürften nicht fertig beschlossen aus Berlin oder Brüssel kommen.Ferropolis ist aus einem solchen Prozess vor mehr als 25 Jahren entstanden. Die alte Welt wurde hier nicht zurückgeholt. Man stritt darüber, was aus ihren Überresten werden sollte. Und erfand etwas Neues.Aus der Arena schallen noch immer Hammerschläge. Arbeiter bauen ein Gerüst auf. Die monumentalen Bagger werden nie wieder Kohle fördern. Die Welt, für die sie gebaut wurden, ist in Sachsen-Anhalt verschwunden. Wo früher Braunkohle gefördert wurde, wird heute mit Musik Kohle gemacht.Ferropolis und all die anderen Orte an den fünf Tagen zeigen: Sachsen-Anhalt ist komplexer als der politische Diskurs über das Land. Es ist ein Ort der Widersprüche, der sich nicht auf ein einziges Stimmungsbild reduzieren lässt. Mit dem Herbst steht dem Land eine neue politische Phase bevor.Ende einer fünftägigen Reportagereise: Autobahn in Sachsen-Anhalt, August 2026.Passend zum Artikel
Reise durch ein gespaltenes Sachsen-Anhalt auf dem Weg zur AfD-Dominanz
Die AfD könnte erstmals in einem deutschen Bundesland an die Macht kommen. Eine Reise von Luthers Wittenberg durch alte Industriereviere – zu Menschen, die von Verlusten, Veränderungen, Ängsten und Hoffnungen erzählen.















