Pro ArtikelFrankreichs Präsidentschaftskandidaten streiten über die Schulden In einer öffentlichen Debatte vor dem Arbeitgeberverband prallen die Positionen von Le Pen, Mélenchon und Philippe erstmals direkt aufeinander. Die Wirtschaft verfolgt die Ideen der Politiker skeptisch.Christine Longin, Paris29.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenMarine Le Pen stellt sich den Präsidentschaftsanwärtern der anderen Parteien.Stephanie Lecocq / ReutersMit einem breiten Lächeln ist die französische Oppositionspolitikerin Marine Le Pen am Donnerstagnachmittag in Roland-Garros erschienen, dem legendären Tennisstadion im Westen von Paris. Grund für ihre gute Laune dürfte die jüngste Umfrage des Ifop-Instituts gewesen sein. Sie sagt der Kandidatin des rechtsnationalen Rassemblement national (RN) in der Stichwahl um das höchste Staatsamt einen Sieg gegen alle ihre Mitbewerber voraus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch vor Le Pen liegen noch acht Monate Wahlkampf. In Roland-Garros traf sie erstmals auf ihre sechs Mitbewerberinnen und Mitbewerber. Der Arbeitgeberverband Medef hatte in die Arena eingeladen, um vor rund 4000 Unternehmerinnen und Unternehmern über Wirtschaftsfragen zu debattieren.Angriff auf MélenchonSchnell wurde klar, dass einer der Kandidaten mehr Unmut auf sich zog als die anderen: der Linksradikale Jean-Luc Mélenchon. Gleich beim ersten Thema, der Staatsverschuldung, empörte der 75-Jährige die Anwesenden. Er wiederholte seine Forderung, den Anteil der französischen Staatsschulden zu streichen, der von der Banque de France gehalten wird. «Diese Schulden gehören uns, denn wir sind Mitglieder der Euro-Zone», begründete er seinen Vorstoss. Der Medef-Präsident Patrick Martin hatte Mélenchon im Vorfeld als den Mann bezeichnet, dessen Positionen ihn am meisten schockierten.Der Gründer der Linkspartei La France insoumise (LFI) hatte in den vergangenen Wochen in den Umfragen aufgeholt. Sein Einzug in die Stichwahl gegen Marine Le Pen ist inzwischen nicht mehr ausgeschlossen. Das Nachsehen hätte in diesem Fall der frühere Premierminister Édouard Philippe, der unter den Kandidaten der Mitte die besten Umfragewerte hat.Philippe griff Mélenchons Schuldenpläne scharf an. «Was Sie sagen, ist äusserst gefährlich», sagte er warnend zu seinem Sitznachbarn. Frankreich müsse seinen Partnern klarmachen, dass es seine Verpflichtungen einhalte. Das Land hat mit 3,5 Billionen Euro in absoluten Zahlen die höchste Staatsverschuldung in der EU. Sie entspricht rund 118 Prozent des Bruttoinlandproduktes.Der Linksradikale Jean-Luc Mélenchon stösst mit seinen wirtschaftspolitischen Vorstellungen auf den grössten Argwohn unter den Präsidentschaftskandidaten.Stephanie Lecocq / ReutersStrittiger Umgang mit dem RenteneintrittsalterLe Pen kündigte an, dass sie die Schulden zurückzahlen und noch vor der Haushaltsdebatte einen Plan zur Einsparung von 125 Milliarden Euro vorschlagen wolle. Darüber hinaus wiederholte sie zum Thema Verschuldung ihre altbekannten Positionen: Die Einwanderung koste die Sozialsysteme zu viel Geld. Ausserdem zahle Frankreich zu viel an die EU. Der Nettobeitrag solle deshalb von knapp 8 Milliarden Euro auf 5 Milliarden gesenkt werden.Der Medef-Präsident Martin hörte ihren Vorschlägen aufmerksam zu. Der Arbeitgeberpräsident hatte im April mit dem RN-Parteichef Jordan Bardella zu Mittag gegessen. Dessen wirtschaftsliberale Linie kommt bei den Unternehmern besser an als die Position von Le Pen, die stärker auf eine soziale Politik setzt. Doch die Möglichkeit, dass Bardella Präsidentschaftskandidat des RN wird, zerschlug sich im Juli. Ein Pariser Berufungsgericht verurteilte Le Pen zwar wegen Veruntreuung von EU-Geldern. Es verkürzte aber ihre Unwählbarkeit so weit, dass die 58-Jährige im kommenden April zum vierten Mal für das höchste Staatsamt kandidieren kann.Philippe kritisierte die hohen Sozialausgaben, die über denen der Nachbarländer lägen. Er wiederholte gleichzeitig seinen Vorschlag, das Renteneintrittsalter zu erhöhen. «Wir müssen länger arbeiten, wenn wir unser Sozialmodell erhalten wollen», meinte er. Auf eine Rente mit 67, für die er vor einigen Jahren geworben hatte, wollte er sich allerdings nicht festlegen.Le Pen hielt auch beim Thema Rente an Altbekanntem fest. Sie warb für ihren 2022 vorgestellten Plan, das Renteneintrittsalter grundsätzlich auf 62 Jahre festzulegen. Wer vor seinem 20. Geburtstag angefangen habe zu arbeiten, könne bei vierzig Beitragsjahren sogar schon mit 60 Jahren in Rente gehen. Diese Reform würde den Staat jährlich 9 Milliarden Euro kosten, rechnete sie vor. Der liberale Think-Tank Institut Montaigne hatte die Kosten dagegen 2024 auf bis zu 34,7 Milliarden Euro jährlich beziffert. Auch Mélenchon sprach sich für die Rente mit 62 und langfristig mit 60 aus. Überdies will er den gesetzlichen Mindestlohn heraufsetzen.Macrons SchattenPräsident Emmanuel Macron hatte 2023 gegen massiven Widerstand das Renteneintrittsalter von 62 auf 64 Jahre erhöht. Ende vergangenen Jahres setzte die Regierung allerdings die Reform aus, um sich die Zustimmung der Sozialisten zum Haushalt zu sichern. Der frühere Premierminister Gabriel Attal, der für die Präsidentenpartei Renaissance im nächsten Jahr zur Präsidentschaftswahl antritt, kündigte an, dass er die Erhöhung des Renteneintrittsalters im Falle eines Wahlsieges weiterführen wolle.Sowohl Attal als auch Philippe wurden von ihren Konkurrenten für die Bilanz des Präsidenten verantwortlich gemacht. «Es ist schon erstaunlich, von zwei ehemaligen Premierministern Emmanuel Macrons Lektionen über die Schulden erteilt zu bekommen», kommentierte Raphaël Glucksmann, der im Oktober von den Sozialisten zum Präsidentschaftskandidaten gekürt werden könnte. Immerhin seien unter Macron 1000 Milliarden Euro an neuen Schulden dazugekommen.