Frankreichs Präsidentenwahlen finden erst in fast zehn Monaten statt, waren auf der diesjährigen Wirtschaftskonferenz in Aix-en-Provence aber naturgemäß das dominierende Thema. Reihenweise zeigten nicht nur Regierungsvertreter wie Premierminister Sébastien Lecornu und Finanz- und Wirtschaftsminister Roland Lescure Präsenz. Auch viele der möglichen Anwärter auf das Präsidentenamt suchten die Bühne von Aix, darunter der Vorsitzende der Präsidentenpartei Gabriel Attal, der Republikaner Bruno Retailleau, der Linkspolitiker Raphaël Glucksmann, die Grüne Marine Tondelier und Veteranen wie François Hollande und Dominique de Villepin. Der derzeit aussichtsreichste Mitte-Kandidat Edouard Philippe wurde nach seinem Konferenzauftritt belagert.Traditionell sind die zu Beginn der langen französischen Schulferien stattfindenden „Rencontres Economiques“, die als „Davos Frankreichs“ gelten, ein Netzwerktreffen der Pariser Elite. Konzernchefs und Lobbyisten, Ökonomen und Journalisten, Politiker und Strippenzieher besprechen auf und abseits der Konferenzbühnen noch einmal die großen Fragen der Zeit, ehe sich das Land allmählich in Richtung kollektiver Sommerpause verabschiedet.Es sind die letzten „Rencontres“ in der Ära von Präsident Emmanuel Macron. Noch einmal antreten darf er laut Verfassung nicht. Die politische Macht im zentralistischen Frankreich ist also dabei, sich neu zu sortieren – und Wirtschaftsvertreter ringen um Orientierung, wer in Paris künftig das Sagen hat.Abgrenzung von Bardella und MélenchonUmso unverständlicher fanden es viele Teilnehmer der „Rencontres“, dass die Organisatoren vom Cercle des économistes auch in diesem Jahr nur selektiv nach Aix luden. So blieben die politischen Ränder unerwünscht. Dazu zählten neben dem Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon auch Vertreter des rechtspopulistischen Rassemblement National (RN). Obwohl dessen Vertreter Marine Le Pen und Jordan Bardella seit Monaten alle Umfragen für die Präsidentenwahlen anführen, entschied sich der Cercle des économistes für eine scharfe Abgrenzung.Dahinter stehen viele der prominentesten französischen Ökonomen wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Philippe Aghion, der frühere EZB-Direktor Benoît Cœuré und die frühere OECD-Chefvolkswirtin Laurence Boone. Cheforganisator von Aix ist der Ökonom Jean-Hervé Lorenzi, lange Zeit eine graue Eminenz der französischen Linken.Unklare wirtschaftspolitische Positionierung des RNRepräsentativ für den Umgang mit dem RN ist diese Abgrenzung in Wirtschaftskreisen nicht mehr. Verstärkt suchen französische Manager seit Monaten Gespräche mit seinen Vertretern – um zu verstehen, wie sie ticken, aber auch, um vielleicht hier und da Einfluss zu nehmen auf die Programmatik. Umgekehrt bemüht sich auch der RN nach Kräften um Nähe zur Wirtschaftselite, hilft sie doch bei der Legitimierung in bürgerlichen Kreisen. Für viel Aufsehen hat ein Abendessen mit Le Pen im April gesorgt, an dem Spitzenmanager wie Bernard Arnault (LVMH), Patrick Pouyanné (Totalenergies) und Thomas Buberl (Axa) teilnahmen. Kurz darauf war RN-Parteichef Bardella zum Mittagessen beim größten Arbeitgeberverband Medef.„Sie sind eine politische Kraft, die in Frankreich eine Rolle spielt“, hatte schon im Dezember der Airbus-Vorstandsvorsitzende Guillaume Faury in einem Radiointerview gesagt. Als Unternehmen entscheide man nicht darüber, welche Parteien mächtig sind, Einfluss haben und im Parlament vertreten sind. Natürlich spreche man mit dem RN, betonte die Vertreterin eines anderen französischen Konzerns in Aix. Das heiße aber noch lange nicht, dass man sich inhaltlich annähere.Tatsächlich sind Vertreter zumindest der Pariser Großunternehmen zuletzt wieder skeptischer geworden, wie seriös und wirtschaftsliberal der RN wirklich ist. Seine Positionierung etwa in Renten- und Finanzfragen bleibt unklar. Lautete der Tenor im Frühjahr, man werde sich schon mit einer Politik à la Meloni irgendwie arrangieren, schlägt das Pendel nicht zuletzt nach dem Abendessen mit Le Pen eher wieder in die andere Richtung.Philippe spielt das in die Karten. Der Premierminister in Macrons erster Amtszeit kann sich als seriöse Kraft der politischen Mitte darstellen, ohne dass er den RN direkt und ständig erwähnen muss. „Wir müssen wieder zu einer angebotsorientierten Politik zurückkehren, die Wachstum schafft, die Finanzen im Griff behält und dem Staat seine Handlungsfähigkeit zurückgibt“, sagte er vor wenigen Tagen der Wirtschaftszeitung „Les Echos“. Das Gleichgewicht in der Rentenkasse sei dabei „die Mutter aller Schlachten“.Diejenigen, die behaupteten, man könne beim Eintrittsalter wieder auf 62 oder 60 Jahre zurückgehen, lögen. Im September, wenn die Sommerpause vorüber ist, dürfte der Wahlkampf anlaufen. Überraschungen sind immer noch möglich, nachdem auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde in einem Interview vor Aix eine unerwartete Duftmarke gesetzt hat – und sich in Aix hat blicken lassen. In der französischen Präsidentschaftsdebatte sollte sich „eine europäische Stimme zu Wort melden“, sagte Lagarde. Einen vorzeitigen Abschied von der EZB und eine Kandidatur schloss sie nicht aus.
Marine Le Pen und Frankreichs Machtkampf vor der Präsidentenwahl
Wirtschaftsvertreter ringen um Orientierung, wer in Paris künftig das Sagen hat. Gespräche mit Le Pen & Co. sind normal geworden – nicht aber Übereinstimmungen.















