KommentarJetzt ist auch noch Valérie Dittli liberal – von der Tragik eines geschundenen BegriffsDie isolierte Waadtländer Mittepolitikerin ist der Star einer neuen Partei: des Mouvement libéral. Doch was ist eigentlich liberal?29.08.2026, 05.04 Uhr3 LeseminutenAlfred Escher – ein wahrer Liberaler oder ein «Geldthier»?Imagebroker/ImageDie Operation Libero versteht sich als liberal. Die Grünliberalen verstehen sich als liberal. Christoph Blocher sagt, die SVP sei liberalkonservativ. Und spätestens seit 2009 wird bei der FDP der Begriff «liberal» als Synonym für «freisinnig» genutzt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In der Schweiz wimmelt es von Liberalen mit Attributen: Es gibt Linksliberale, Rechtsliberale, Ordoliberale, Neoliberale, Wirtschaftsliberale oder Gesellschaftsliberale. Der Begriff lässt sich mit allem kombinieren, auch mit seinem Gegenteil. Die Variationen sind so vielfältig, dass nur wenige bei Wortschöpfungen wie autoritärliberal oder dogmatischliberal stutzen würden. Mit dem Begriff «liberal» verhält es sich wie mit der Zeit. Man weiss exakt, was er bedeutet – bis man ihn erklären muss.Was ist eigentlich liberal? Valérie Dittli.KeystoneNun hat die liberale Beliebigkeit auch Valérie Dittli erwischt. Die wegen einer staatlichen Steueraffäre und charakterlich bedingter Intransigenz in Ungnade gefallene Waadtländer Staatsrätin ist aus ihrer Partei, der Mitte, ausgetreten. Die Parteifreunde hatten sie fallenlassen. Aus Trotz gründen Dittli und ihre Unterstützer eine eigene Partei: den Mouvement libéral.Damit verortet sich Dittli begrifflich in der Nähe der Waadtländer FDP, des Parti libéral-radical (PLR); und vor allem der untergegangenen, stark bürgerlich geprägten Liberalen Partei. Ob aus strategischem Kalkül oder Rache, lässt sie offen. Dittli wurde einst mithilfe des PLR gewählt, verlor dann aber auch dort an Rückhalt.Die Schweiz ist das einzige Land, das die 1848er-Revolutionen nicht nur überlebt hat, sondern sie nutzte, um einen modernen Bundesstaat mit einer liberalen Bundesverfassung zu gründen. Erst jetzt konnte ein einheitlicher Wirtschafts- und Rechtsraum entstehen, der den heutigen Reichtum des einst mausarmen Berglands begründete.Doch die Definition von Liberalismus war schon damals umstritten. Gottfried Keller, der 1844 und 1845 an den antiklerikalen Freischärlerzügen gegen Luzern teilgenommen hatte, tat sich von Anfang an schwer mit dem Begriff. Er verstand alle Schweizer Bürger als Politiker, die nicht nur das Recht hatten, sich politisch zu betätigen, sondern auch die Pflicht. Sein Feindbild war der Unternehmer und Nationalrat Alfred Escher, der Vordenker der Radikalliberalen.Für Keller war der mächtige Zürcher ein Vertreter des ökonomischen Staats, ein «Geldmensch» und «Geldthier». Aus Protest gegen Eschers Kurs schloss er sich der Demokratischen Bewegung an und wetterte fortan aus der gesicherten Position eines öffentlich besoldeten Staatsschreibers heraus gegen die Wirtschaftselite.Der Streit über den «echten Liberalismus» dauert in der Schweiz bis heute an. Attribut-Liberale werfen sich gegenseitig vor, dem falschen Liberalismus zu huldigen, während Nichtliberale in der Regel stets am besten wissen, was man unter liberal zu verstehen hat.Wahre Liberale jedoch schätzen die Debatte nicht nur, sie fördern sie. Liberalismus ist Humanismus. Eine liberale Haltung ist nie absolut, nie dogmatisch und nie ideologisch. Liberale schliessen nie ganz aus, dass allenfalls der andere recht haben könnte, und sie respektieren andere Meinungen.In der Geschichte der Menschheit war die Freiheit wahrscheinlich nie grösser als heute. Vielleicht aber war sie auch nie bedrohter. In Zeiten grosser Umwälzungen wird Autokratismus zur gefährlichen Verlockung. Liberale halten ihr in der Regel am längsten stand.Der Liberalismus verdient keinen Etikettenschwindel. Aber er erträgt ihn: Denn Liberalismus ist auch Optimismus. Statt auf einen zentralen Masterplan setzt die liberale Idee auf die vielen kleinen, individuellen Fortschritte im Alltag. Valérie Dittli ist (noch) keine Liberale. Aber sie hat den Begriff für ihre neue Bewegung gewählt. Immerhin.Passend zum Artikel
Jetzt ist auch noch Valerie Dittli liberal - von der Tragik eines geschundenen Begriffs
Die isolierte Waadtländer Mittepolitikerin ist der Star einer neuen Partei: des Mouvement libéral. Doch was ist eigentlich liberal?









