Die revolutionäre Kraft der politischen Mitte: Weshalb es sich lohnt, für den Liberalismus zu kämpfenBedrängt von links und rechts, fällt der Liberalismus in dieser Zeit einmal mehr zwischen alle Stühle. Der Historiker Adrian Wooldridge zeigt, wie er zu retten wäre.Josef Joffe10.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenFreiheit als Balanceakt: ein Slackliner auf knapp 60 Metern Höhe.Nicolas Armer / DPA / KeystoneDer Liberalismus, Bruder der Aufklärung, hat dem Westen eine gloriose Karriere beschert; jetzt siecht er dahin. Die deutsche FDP ist abermals aus dem Bundestag geflogen. Das Schweizer Pendant hat 2023 das schlechteste Ergebnis seiner Geschichte eingefahren. In Schweden drohen die Liberalen an der Sperrklausel zu scheitern. In England, der Wiege des Liberalismus, gibt es nur noch schrumpfende Ableger. In Italien und Frankreich sind die Liberalen bedeutungslos. In Amerika werden die Freiheitlichen zwischen Trump und Woke zerrieben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bevor die Grabreden gehalten werden, möge man Adrian Wooldridges Buch «The Revolutionary Center» lesen. Es trägt den elegischen Untertitel «The Lost Genius of Liberalism». Zu Recht beklagt der Autor den Verlust und plädiert für die «Wiederbelebung» liberaler Werte. Verheissungsvoll sind die Zeiten nicht.Denn wir leben in einer Welt, in der der Liberalismus von John Locke und J. S. Mill, Montesquieu und Kant, Adam Smith und David Ricardo längst von zwei Seiten aufgerollt wird. Der eine Gegner ist «Vater Staat», der bestimmt und reguliert, nimmt und verteilt und sich dabei plus/minus 50 Prozent vom BIP holt. (Um 1900 waren es 10.) Auf der anderen Seite stehen die neuen Autokraten: Xi in China und Modi in Indien mit knapp 3 Milliarden Untertanen. Dazu Putin, ein Stalin ohne Kommunismus. Die Gewaltherrscher in Afrika, Asien und Lateinamerika lassen sich kaum zählen. Der Liberalismus ist kein Weltkulturerbe .Meritokratie statt AristokratieGerade deshalb sollten wir uns von Wooldridge auf eine faszinierende Reise durch eine Tradition mitnehmen lassen, die wir das «Beste vom Westen» nennen dürfen. Da der Autor nicht nur ein promovierter Oxford-Absolvent ist, sondern auch ein stilsicherer Journalist, sollte sich der Leser nicht von der Gelehrsamkeit (30 Seiten Fussnoten!) abschrecken lassen. Sein Englisch ist so zugänglich wie elegant – nicht zu vergleichen mit der Bandwurmprosa deutschsprachiger Meisterdenker. Ausserdem kann der Kontinentaleuropäer in jenen klassischen Liberalismus eintauchen, der sich hier nie so durchgesetzt hat wie in der Anglo-Welt.Was ist Liberalismus? Er hat im 18. und 19. Jahrhundert Ständestaat und Adelsherrschaft, Klerus und Gottesgnadentum entkräftet, im 20. die diabolischen Nachfolger Bolschewismus und Faschismus vertrieben. Die Hauptrolle spielen die vier F: die Freiheit der Gedanken und des Glaubens, der Wirtschaft und der Selbstverwirklichung. Stichwörter: unveräusserliche Bürgerrechte, Eigentum, Rechtsstaat, Toleranz, regelhafter Streit, fairer Wettbewerb. Der Autor zitiert Thomas Jefferson: weg mit dem «Talmi-Adel» der Grossgrundbesitzer, her mit dem «naturgegebenen Talent», dessen Blüte Bildung und Chancengleichheit erfordert. Kurz: Meritokratie statt Aristokratie.Diese hehren Ideen hatten gewaltige praktische Konsequenzen, vorweg die Industrierevolutionen seit der Dampfmaschine. Sie zeugten Produktivitätsexplosion und beispiellosen Wohlstand quer durch die Schichten. Doch kein Segen ohne Fluch. Da nie alle zugleich gewinnen können, öffnete sich eine neue Kluft zwischen Oben und Unten. Folglich, so Wooldridge, entstand die «Frage des Sozialismus»: wozu «Freiheit, wenn der Magen leer und das Hirn ungeschult ist?». Also kam der Wohlfahrtsstaat, der den «freien Markt zügelt». So geriet der Liberalismus schon früh «in die Defensive». Es folgte der wohlwollende Sozialstaat, der sich überall im Westen durchsetzen sollte.Deshalb der Bedeutungswandel: Aus «liberal» wurde «sozialliberal», ja «sozialdemokratisch». Der Autor überschreibt sein neuntes Kapitel mit «The Corruption of Liberalism». Dieser Trend wurde nur kurz vom «Neoliberalismus» der Reagans und Thatchers unterbrochen. Seitdem wächst der regulierende Versorgungsstaat, der immer mehr kassiert und verteilt.Es herrscht das neue IdentitäreDer emanzipierte Bürger macht mit gemäss der Devise: Wenn der Staat gibt, nimm; wenn er nimmt, schrei! Das ist nicht Habgier, sondern systembedingte Rationalität für jede organisierte Kraft, ob Gewerkschaft oder Sozialverband, Industrie- oder Finanzwelt, die Parteien und deren Klientel. Der Staat, anders als Hegel wähnte, hat überdies eigene Interessen und dehnt seinen Beritt ständig aus.Mehr noch: Jeder Trupp hat im Postliberalismus ein Veto, was erklärt, warum der Staat so reformresistent ist. Er könne des Bürgers «Pflichten» für das Gesamtwohl höchstens anmahnen, aber Wandel «nicht liefern», notiert Wooldridge. Da niemand verlieren darf, befriedet Papa Staat die Wähler mit hochschiessenden Schulden – sogar im «ultrakapitalistischen Amerika» des Donald Trump, wo der Schuldenberg im Sekundentakt wächst.Die Sache geht noch tiefer, weil die Ständeherrschaft von anno dazumal ersetzt worden ist durch ein neues Elitensystem. Das Ancien Régime ruhte auf gottgegebenem Ständestaat und Landbesitz; die Macht gehörte nicht dem Einzelnen, sondern der Kaste. In der postmodernen Rangordnung fehlen bloss die Könige und Fürsten.Es herrscht das neue Identitäre – der Feind der liberalen Revolution. Deren Kern beschreibt der Autor so: «Beurteile mich nicht als Mitglied eines Kollektivs, sondern als Individuum mit einzigartiger Begabung. Der Souverän ist das Ich.» Nun nicht mehr, weder unter Wokeismus noch unter Trumpismus.Einst waren Glauben, Volk und Stand der Massstab, im Namen der korrekten Haltung sind es Herkunft, Hautfarbe, LGBTQ+, Einwanderer, die der Akkulturierung widerstehen. Wer das Gütesiegel bekommt, bestimmt die neue Klasse der hochgebildeten Bienpensants. Es profitieren jene Opfergruppen, die grundsätzlich diskriminiert würden, folglich einen Bonus bei der Vergabe knapper Güter verdienten, ob Status oder Einkommen. Doch floriert Lenkdenk nunmehr auch rechts, wo die Methoden – Säuberung und «canceling» kopiert werden, wiewohl mit umgekehrten Vorzeichen. Plus ça change.Verwirklichung einer UtopieIst also der klassische Liberalismus gescheitert? Inzwischen weicht der Wokeismus vor dem Trumpismus zurück. Ein Trost für Wooldridge ist derlei Rollback nicht, sind doch beide Ideologien keine Freunde der Freiheit und Selbstbestimmung.Die Konterrevolution kommt als einwärts gekrümmter Nationalismus daher – nicht nur in den USA, wo «America first» gilt. Das neue Spiel ist das alte: Wer erringt die Oberhoheit über Staat und Kultur?Bedrängt von links und rechts, gerät der Liberalismus wie so oft zwischen alle Stühle. Zwar kann man wie im niedergehenden Feudalismus die Dirigenten und Notenblätter auswechseln. Doch geht es stets um Vorherrschaft, zumal im Kulturbetrieb, in den Medien, Schulen und Universitäten.Adrian Wooldridge will das liberale Vorbild in unsere Zeit tragen – bravo, aber wie? Der geneigte Leser, der weder Wokeismus noch Trumpismus schätzt, grübelt und stellt Fragen, die John Locke und Co. nicht gequält haben. Wie das Internet und die «asozialen» Netzwerke zähmen, ohne der verordneten Tugend die Freiheit zu opfern? Wie die Einwanderung aus illiberalen Kulturen regeln, wenn hier der Geburtenschwund regiert? Oder den überbordenden Sozialstaat zugunsten des frugalen disziplinieren? Wie den populistischen Verführern das Geschäft verderben? Den Zurückgefallenen eine Leiter hinstellen, derweil KI Jobs vernichtet? Dem Autor fällt eher Paternalistisches ein, das auch kein liberales Paradies verheisst.Trotzdem setzt er zu Recht auf das klassische Credo. «Die dringendste Aufgabe des Liberalismus ist nicht die Verwirklichung einer Utopie. Er muss das Schreckliche verhindern.» Geradezu poetisch: «Bevor wir eine Leiter in den Himmel bauen, müssen wir den Weg in die Hölle verriegeln.» Besser lässt sich das erste Gebot des Liberalismus nicht formulieren: «Du sollst dir keinen Neuen Menschen erschaffen!» Denn der Traum gebiert immer Zwang, weil das Urübel die ungezügelte Macht ist, ob sie Monarchen oder Volkstribunen, Erleuchteten oder Maga gehört.Das Gegenmittel hat der Liberalismus erfunden: Macht muss eingehegt und ausbalanciert werden durch rechtmässige Gewaltenteilung. Denn «Macht korrumpiert». So hat es im 19. Jahrhundert der liberale Vordenker Lord Acton formuliert. Und Montesquieu hält in seinem «Geist der Gesetze» (1748) fest: «Sobald die Macht in ein und derselben Person» (oder Kaste) liegt, «gibt es keine Freiheit».Adrian Wooldridge: The Revolutionary Center: The Lost Genius of Liberalism. Pegasus Books. 441 S.