Interview«Social Media sind eine grössere Bedrohung für die liberale Ordnung als Putin»Wie lässt sich der Liberalismus beleben? Als eine Bewegung der radikalen Mitte, findet der Historiker und Journalist Adrian Wooldridge. In seinem neuen Buch erklärt er, was den Liberalismus schwächte, er kritisiert die Denkverbote der Eliten – und plädiert für eine radikale Rückbesinnung auf drei Kernwerte.26.07.2026, 05.30 Uhr11 LeseminutenMach dein Ding! Der kulturelle Liberalismus der 1960er war nicht für alle Menschen gleichermassen geeignet.J. Marmaras / Keystone / Getty«NZZ am Sonntag»: In Ihrem Plädoyer für einen neuen Liberalismus kommt der «Zauberberg» von Thomas Mann vor. Sind die Patienten in der Davoser Höhenklinik eine Metapher für die heutige liberale Elite?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Adrian Wooldridge: Es ist die perfekte Metapher. Nicht nur, weil Thomas Mann über einen Ort schreibt, an dem sich heute jedes Jahr am Weltwirtschaftsforum die globale Elite trifft, sondern auch, weil so vieles von dem, was er sagt, die heutige Situation widerspiegelt. Bei ihm steuert die Welt auf einen Krieg zu, und auch wir sind einem Krieg näher, als wir es seit dem Zweiten Weltkrieg jemals waren, einem Flächenbrand, ausgelöst durch Putins Aggression.Was hat das mit der heutigen Elite zu tun?Während im «Zauberberg» die Elite herumsitzt und eigentlich kaum etwas anderes tut, als zu essen und über ihre Gesundheit zu reden, ist die heutige Davoser Elite zwar sehr beschäftigt, doch ebenso verwöhnt, mit sich selbst beschäftigt und von der Welt abgekoppelt. Im Grunde genommen besteht dieselbe Entfremdung vom Rest der Menschheit.Was meinen Sie mit abgekoppelt?Der Liberalismus in seiner gegenwärtigen Form, also die seit etwa 1980 herrschende Ideologie der Welt, gibt keine Antwort auf viele Probleme, welche die Leute heute umtreiben. Damit meine ich die Synthese aus dem kulturellen Liberalismus der 1960er Jahre und dem Wirtschaftsliberalismus der 1980er Jahre. Dieses seltsame Ideenamalgam ist zur Ideologie der Davos-Eliten geworden. Dafür stehen ein Tony Blair oder ein Bill Clinton. Mein Anliegen ist, dass wir eine Neugestaltung des Liberalismus brauchen, denn diese Verbindung stellt eine schädliche Ideologie dar.Wie, bitte? Unter Blair und Clinton boomten Wirtschaft und Gesellschaft. Wieso ist dieser Liberalismus schädlich?Es fehlt ihm die Anpassungsfähigkeit. Er ist verkalkt und nicht mehr fähig, die Bevölkerung, die einfachen Leute, zufriedenzustellen. Und wenn das passiert, läuft er Gefahr, gestürzt zu werden. Es betrifft insbesondere die Frage der Einwanderung. Die liberale Elite geht bis heute davon aus, dass Einwanderung immer eine gute Sache ist. Sie versteht nicht, wie man diese kritisieren kann, ausser man ist von Vorurteilen getrieben. Das zweite Problem mit diesen Leuten in Davos ist, dass sie selbst zum Establishment geworden sind. Doch der Liberalismus ist immer dann am besten, wenn er eine Kritik am Establishment ist. Er hat ja auch seinen Ursprung in der Kritik am Status quo der alten feudalen Ordnung.Adrian WooldridgePDDer 68-jährige Brite sorgt derzeit mit seinem neuen Buch «The Revolutionary Center: The Lost Genius of Liberalism» für Furore. Es ist ein Plädoyer für eine neue radikale Mitte, die sich auf liberale Kernwerte besinnt. Der Historiker Wooldridge ist ein prominenter Buchautor und Kolumnist, der lange für den «Economist» tätig war und heute für «Bloomberg» schreibt.Warum brauchen wir den Liberalismus überhaupt? Vielleicht hat er einfach ausgedient.Auf keinen Fall! Der Liberalismus umfasst im Kern drei Dinge, die für ein zivilisiertes und gutes Leben in der Moderne absolut zentral sind: das Bekenntnis zum Individuum, zu seinem Recht, sich zu entfalten. Der zweite Punkt ist die Skepsis gegenüber der Macht. Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut. Und der dritte Punkt ist Toleranz gegenüber unterschiedlichen Meinungen. Die Vorstellung, dass wir keiner einzigen Religion oder keiner einzigen Idee Gehorsam schulden. Wir sollten in der Lage sein, auf zivilisierte Weise unterschiedlicher Meinung zu sein. Diese drei Dinge bilden den Kern des Liberalismus, doch die Populisten werfen sie gerade auf gefährliche Weise über Bord.Sie kritisieren auch, dass der heutige Liberalismus gefährlich amoralisch geworden ist.Viele heutige Liberale haben sich aus der öffentlichen Sphäre in die private Sphäre zurückgezogen. Sie glauben an moralische Selbstdefinition. Mach dein eigenes Ding! Das ist das Erbe der 1960er Jahre. Und der deregulierte Markt der 1980er Jahre gilt als der effizienteste Weg, um die Dinge zu erledigen. Da ist ein eigenartiges Bündnis von linken Liberalen und den Neoliberalen gegen jegliche Werturteile und kulturelle Traditionen entstanden. Wir sind nur noch Individuen, die Markttransaktionen tätigen und sich von der Vorstellung der öffentlichen Tugend zurückgezogen haben. Und das halte ich für kontraproduktiv.Wieso?In ihrer Angst, jemand für sein Verhalten zu verurteilen, sind die Liberalen heute zu besorgt und nervös, wenn es um die öffentliche Tugend geht – darum, dass wir bestimmte kollektive Ziele verfolgen sollen, dass wir eine Vorstellung von gutem und schlechtem Verhalten im öffentlichen Raum haben. Wir sollten bereit sein, wieder über die Bedeutung von sozialer Ordnung, von Schutzbedürfnissen und bestimmten kollektiven Werten zu sprechen.Wollen Sie etwa zurück in die enge Gesellschaft der 1950er Jahre, mit all ihren Regeln und sozialer Kontrolle?Letztlich geht es bei einem reformierten Liberalismus darum, die Gesellschaft zu mässigen. Die Revolte gegen die öffentliche Ordnung und gegen die kulturellen Eliten ist ausser Kontrolle geraten. Wir sollten wieder klarer sagen: Es gibt bestimmte gute Werte, aber auch ein Verhalten, das für alle schlecht ist. Wenn man die Geschichte des Liberalismus bis zu ihren Anfängen zurückverfolgt, basiert der Individualismus auf der Vorstellung, dass der Einzelne bewusst entscheiden kann, dass er eine gewisse Bildung hat und auf Selbstoptimierung bedacht ist, wie schon John Stuart Mill meinte. Es ist ja Mode, zu sagen: Lasst uns Drogen legalisieren. Ich bin damit nicht einverstanden. Wenn ein Individuum drogensüchtig ist, hört es auf, ein selbstbestimmtes Wesen zu sein, und wird sozusagen zum Sklaven einer Obsession.Für eine Bedrohung des Liberalismus halten Sie auch die neue Identitätspolitik. Wieso? Sie setzt sich für die Rechte von Minderheiten ein – ein urliberales Anliegen.Zwei Angriffe auf den Liberalismus machen mir wirklich Sorgen. Zum einen natürlich der Populismus der Rechten, zum anderen der Identitarismus der Linken. Beide stellen das Kollektiv über das Individuum. Gerade die Identitätspolitik der Linken besagt, dass das Entscheidende die Klasse ist – die ethnische Zugehörigkeit, das Geschlecht –, in die wir hineingeboren werden. Sie behauptet, dass wir im Grunde keine Individuen sind, die über ihr Leben bestimmen können, sondern Fragmente eines grösseren Ganzen. Und so dürfen wir Menschen nicht als Individuen betrachten, sondern nur als Mitglieder von Gruppen. Das ist grundsätzlich illiberal. Mich beunruhigt auch der Fanatismus, den diese Leute an den Tag legen. Sie schreien Gegenargumente nieder und wollen ihre Ansichten anderen aufzwingen.Der Unterschied zu den Liberalen ist natürlich, dass diese Leute nicht an der Macht sind und sich so Gehör verschaffen. Die liberale Vision, in der jeder frei ist, nach seinen Talenten das Glück zu finden, ist ja auch ein Mythos. Diese Freiheit hängt stark von den finanziellen Möglichkeiten und der Herkunft ab.Solche Ungleichheiten lassen sich innerhalb einer liberalen Ordnung angehen, deswegen müssen wir sie doch nicht grundsätzlich infrage stellen! Doch wir Liberalen glauben an Chancengleichheit, nicht an Ergebnisgleichheit. Nun könnte man argumentieren, dass Chancengleichheit unmöglich ist, weil sehr reiche und sehr erfolgreiche Menschen ihre Privilegien an ihre Kinder weitergeben. Doch in jeder Generation gibt es Menschen armer Herkunft, die aufsteigen, und Reiche, die ihr Leben wegen Drogen, mangelnder Fähigkeiten oder verschiedener anderer Dinge vermasseln. Die liberale Gesellschaft muss einfach konsequenter an der Chancengleichheit arbeiten.Die Entwicklung ging gerade in den USA in den letzten Jahren in die andere Richtung. Ausgerechnet im Land, das verspricht, hier könne es jeder schaffen, der hart genug arbeite, sank die soziale Mobilität. Die Leute sind wütend – und wählten Trump.Ja, die Menschen sind sauer wegen der nicht erfüllten Versprechen der liberalen Gesellschaft. Das liegt aber nicht nur an dem als «böse» gebrandmarkten Markt, sondern etwa auch am Bildungswesen, das bei weitem nicht so stark für soziale Mobilität sorgt, wie es sollte. Mit dem Resultat, dass in Harvard mehr Menschen aus den obersten zwei Prozent studieren als aus den unteren drei Vierteln der Bevölkerung – solche Dinge sind inakzeptabel. Es ist eine der grossen Schwächen der erstarrten liberalen Eliten, dass sie zu wenig Zeit damit verbringen, die Aufstiegsmöglichkeiten zu verbessern.Und wie könnten sie das tun?Wir müssen Mittel bereitstellen für einen breiten Zugang zu höherer Bildung, ohne die Leistungsanforderungen zu senken. Und wir müssen das früher tun als mit Stipendien an den Hochschulen, und bereits in der Vorschule oder der Grundschule Kindern mehr Chancen geben. Wir verlieren eine enorme Menge an Talenten in den ärmeren Schichten der Gesellschaft.«Entfesselt die Märkte!» Der Wirtschaftsliberalismus der 1980er Jahre von Margaret Thatcher oder Ronald Reagan löste nicht alle Probleme.Bettmann / GettyWelche Antworten bieten Populisten wie Donald Trump, die die Liberalen nicht haben?Sie gehen auf die Unzufriedenheit der Bevölkerung ein und erweitern das Spektrum der politischen Themen. Ein Grossteil dessen, was die liberale Elite getan hat, bestand darin, bestimmte Fragen aus der Politik auszuschliessen. Wie schon erwähnt: Über die Probleme der Einwanderung diskutierte man nicht.Nicht gerade ein liberaler Ansatz.Überhaupt nicht. Aber das haben sie getan. Neue Rechte für Transgender durften nicht hinterfragt werden, obwohl sich in der Bevölkerung viele damit nicht wohlfühlten. Auch Diskussionen über traditionelle Rollenbilder oder die Vorzüge des Patriotismus waren tabu. Hier knüpft der Populismus an und sagt: Auch das sollte Teil einer politischen Debatte sein können.Aber wo ist die Grenze? Wollen Sie wirklich darüber diskutieren müssen, ob alle Menschen die gleichen Selbstbestimmungsrechte haben? Oder ob Neonazis vielleicht doch nicht so falsch liegen?Natürlich nicht. Aber der Versuch, bestimmte Missstände und Kontroversen zu tabuisieren, hat sich als kontraproduktiv erwiesen. Es hat die Lage verschlimmert, denn die Ängste und die Wut der Bevölkerung bei diesen Themen sind gewachsen. Nehmen Sie die sogenannten Grooming-Banden in Grossbritannien. Da wurden Tausende von Mädchen von Männern, die grösstenteils pakistanischer Herkunft waren, umgarnt, vergewaltigt und ausgebeutet, doch die Polizei hat den Opfern kein Gehör geschenkt, weil so etwas aus Sicht der liberalen Elite nicht sein durfte. Es wurde vertuscht. Und was ist letztlich passiert? Alles kam ans Licht. Und die Wut in der Bevölkerung ist explodiert.Das war aber nicht meine Frage. Wo liegt die Grenze zwischen Sagbarem und Unsagbarem?Wie weit geht man in der Toleranz für die Intoleranz? Es ist ein Paradox, mit dem sich auch der Philosoph Karl Popper beschäftigte. Wenn Menschen in Ostdeutschland in voller Naziuniform den Hitlergruss machen, geht das sicher weit über die Grenze hinaus. Auch wenn Leute zur Verfolgung bestimmter ethnischer Gruppen aufrufen. Das kann man nicht akzeptieren. Nur: Eine absolute Sperre zu errichten, wie es etwa die deutsche Politik im Fall der AfD tut, kann die Menschen erst recht in deren Arme treiben. Es könnte also besser sein, den schwedischen Ansatz zu versuchen. Die Schwedendemokraten mit ihren rechtsextremen Wurzeln scheinen insofern gezähmt worden zu sein, als sie Teil der Regierungskoalition sind, die nach liberalen Prinzipien arbeitet.In den USA kam die unterdrückte Wut in der Gestalt von Donald Trump zurück.Donald Trump! Ich glaube nicht, dass der Mann auch nur einen liberalen Knochen im Leib hat. Er ist der unliberalste Präsident, den die Vereinigten Staaten je hatten. Er macht auch kein Hehl daraus, dass er autoritäre Führer mag, nicht an Machtbeschränkungen glaubt und all diese Dinge. Wir könnten tagelang hier sitzen und über seine inakzeptablen Vorstösse reden und über die Bereitschaft, eine liberale Weltordnung zu zerstören, die vielen ein noch nie da gewesenes Ausmass an Wohlstand und Stabilität bescherte. Das grosse Problem unserer Zeit ist: Wie verhindern wir, dass ein solcher Mann jemals wieder Präsident in einer liberalen Gesellschaft wie den Vereinigten Staaten wird?Ja, wie?Als Liberaler plädiere ich dafür, dass wir Lösungen für die kontroversen Probleme anbieten, die bisher unter den Teppich gekehrt wurden. Und dass sich die liberale Elite der Realität ihrer eigenen Selbstbereicherung, Selbstgefälligkeit und Verknöcherung zu einer herrschenden Klasse stellt.Konkret: Wie sieht der bessere Liberalismus aus?Wir sind zu weit gegangen mit der kulturellen und wirtschaftlichen Liberalisierung. Wir müssen wieder eher bereit sein, die Macht des Staates einzusetzen, wo das Wohl der Gemeinschaft es nötig macht. Ein Beispiel neben der Drogenpolitik sind fett- und zuckerhaltige Lebensmittel. Zweitens sollte das liberale Establishment sich wieder etwas mehr auf kulturell-konservative Werte verlassen und sich nicht taub stellen gegenüber der Stimmung in der Bevölkerung. Da sind wir wieder bei der Einwanderung, die eben auch Nachteile hat. Ein Zustrom ärmerer Einwanderer ist tatsächlich mit höheren staatlichen Kosten verbunden. Und es entstehen kulturelle Kosten, wenn der Gesellschaft das gemeinsame Selbstverständnis fehlt.Sie wollen die Einwanderung einschränken?Wir müssen die Einwanderung verlangsamen, sie auf der Grundlage der Ausbildung der Immigranten selektiver gestalten und viel mehr Wert auf Assimilation legen. Der Zusammenbruch der etablierten liberalen Parteien in ganz Europa hat viel mit der Einwanderung zu tun. Die etablierten Mitteparteien waren früher eine Koalition aus der weissen Arbeiterklasse und der gebildeten Mittelschicht, und diese Koalition wurde durch die sehr rasante Einwanderung zerrüttet. Ein grosser Teil der weissen Arbeiterklasse ist zu populistischen Parteien gewechselt.Wie soll der Liberalismus mit den Herausforderungen von KI umgehen?In einer Welt von Big-Tech-Konzernen sollten Liberale bereit sein, den Märkten und der Wirtschaft, wenn nötig, auch einmal feindlich gegenüberzustehen. Vor allem weil diese Unternehmen einfach so gross geworden sind. Der Grundgedanke des Liberalismus lautet: Macht korrumpiert. Und dies gilt für den privaten Sektor ebenso wie für den öffentlichen Sektor. Wir erleben in den USA eine Marktdominanz solcher Unternehmen, wie wir sie seit dem späten 19. Jahrhundert mit Rockefeller nicht mehr gesehen haben.Aber was ist mit einem schlanken Staat? Gehört er nicht zum Liberalismus wie die Kontrolle der Mächtigen?Die Grösse des Staates ist ein zweitrangiges Thema, er ist nur ein Mittel zum Zweck, nicht der Zweck an sich. Wie aktiv ein Staat sein muss, hängt von den Umständen ab. So war John Maynard Keynes, der Begründer der aktiven Wirtschaftspolitik in der Grossen Depression, ebenso ein grosser Liberaler wie Friedrich von Hayek, der für einen schwachen Staat eintrat. Heute beobachtet man zudem eine Abstimmung zwischen den riesigen Techunternehmen und dem Staat – ein neuer Korporatismus. Ich halte das aus rein liberaler Sicht der Machtkonzentration für besorgniserregend. Aber noch mehr Sorgen macht mir, was die digitale Entwicklung mit dem Individuum macht.Was meinen Sie?Der liberale Kern ist das Individuum. Jemand, der in der Lage ist, rationale und fundierte Entscheidungen zu treffen. Dieses Individuum ist das Produkt einer gebildeten Zivilisation, die durch eine Kultur des Lesens, durch eine Kultur der Chancen aufrechterhalten wird. Und diese wird von den Tech-Unternehmen untergraben, weil sie mit Algorithmen arbeiten, die uns süchtig danach machen, Texte und Videos in Social Media zu betrachten. Das zersplittert unsere Aufmerksamkeit und füllt unsere Köpfe mit Unsinn und Falschmeldungen. Ich denke, das ist eine grössere Bedrohung für die liberale Ordnung als Wladimir Putin.Nochmals: Sie sprechen viel von der Notwendigkeit staatlicher Interventionen. Eine Stärke der liberalen Ordnung war aber immer ihre Fähigkeit zur Selbstkorrektur.Immer wenn die Bilanz des Liberalismus am düstersten schien, hat er sich neu belebt, das war im späten 19. Jahrhundert so, aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch wir waren seither niemals einer grösseren Bedrohung ausgesetzt als heute. Einerseits durch autoritäre Mächte wie Russland oder China. Andererseits sind da die Tech-Unternehmen, die ihr Ding durchziehen. Die Kräfte, die sich gegen den Liberalismus stellen, sind also extrem mächtig. Deshalb müssen gerade wir Liberalen Alarm schlagen und für eine Stärkung der militärischen Widerstandskraft und eine konsequente Antimonopolpolitik einstehen.Wo ist Ihr liberaler Optimismus geblieben?Mein Motto ist: Wir sollten auf das Schlimmste vorbereitet sein und auf das Beste hoffen. Der Liberalismus der 1980er und 1990er Jahre war zu optimistisch. Er war zu optimistisch in Bezug auf Einwanderung, auf die Deregulierung der Finanzmärkte und auf die Fähigkeit des Menschen, ohne kulturelle Anbindung das eigene Leben zu gestalten. Wir müssen wieder ein Gespür für das Tragische und für die Grenzen der Menschheit entwickeln.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Liberale Werte unter Druck: Social Media und die Herausforderungen der Gegenwart
Wie lässt sich der Liberalismus beleben? Als eine Bewegung der radikalen Mitte, findet der Historiker und Journalist Adrian Wooldridge. In seinem neuen Buch erklärt er, was den Liberalismus schwächte, er kritisiert die Denkverbote der Eliten – und plädiert für eine radikale Rückbesinnung auf drei Kernwerte.







