Der ständige Verweis etablierter Parteien auf die „politische Mitte“ hat umfangreiche Tradition. Bereits der einflussreiche politische Beobachter Alexis de Tocqueville analysierte im 19. Jahrhundert die moderne Demokratie und warnte sowohl vor revolutionären Extremen als auch vor starrer Reaktion.

Heute noch aktuell stellte er fest: „Die größte Kunst der Politik besteht darin, die Menschen zu zwingen, einander zu ertragen.“ Man müsse sich in der Mitte der Auseinandersetzung treffen, nur so sei auf Dauer Politik überhaupt möglich.

Die „politische Mitte“ als Wahlkampfmittel

Im 19. Jahrhundert wurde die Mitte parteipolitisch konkreter. In Deutschland gab es sogenannte Mittelparteien, etwa nationalliberale oder freikonservative Kräfte. Sie standen zwischen Liberalismus und Konservatismus, waren aber keineswegs neutral. Häufig verbanden sie bürgerliche, staatstragende, nationale und ordnungsorientierte Positionen.

Bundeskanzler Willy Brandt verwendete den Begriff „Neue Mitte“ bereits im Bundestagswahlkampf 1972. Sein Ziel war nicht, die SPD ideologisch in die Mitte zu verschieben, sondern neue gesellschaftliche Gruppen – Angestellte, Fachkräfte, Teile des Bürgertums – für die SPD zu gewinnen. Er betonte: „Die neue Mitte ist dort, wo die Mehrheit der Arbeitnehmer steht.“