Es gilt längst als Anspruch der Regierten, von den Regierenden „abgeholt“ und „mitgenommen“, jedenfalls in all ihren individuellen Bedürfnissen ernst genommen zu werden. Schön, wenn das klappt, wenn es sogar der Bundeskanzler persönlich tut. Aber es gibt Grenzen.Ein Bundeskanzler muss die großen Linien der Politik für mehr als 80 Millionen festlegen. Er kann und muss jedoch nicht jeden einzelnen Unzufriedenen persönlich anhören. Schon gar nicht muss er sich wie am späten Donnerstagabend im Fernsehen beschimpfen lassen. Nicht von einem FDP-Mitglied, das in Sachsen-Anhalt sein Geld mit dem Vermieten von Zimmern verdient und für einen offenen Umgang mit der AfD wirbt. Auch nicht von einer Ärztin, die nebenbei versucht, mit Videos bekannt zu werden.Merz reagiert oft emotionalDass der Fernsehsender RTL Merz zu einer solchen Sendung einlädt, in der er mit vier kamerareif empörten, aber nicht durchweg argumentationsstarken Bürgern an einen Tisch gesetzt wird, steht dem Sender frei. Dass der Kanzler die Einladung annimmt, ist etwas anderes. Die Frage stellt sich: Warum verhindert das niemand? Weil ihm vorgeworfen wurde, sich nicht dauernd aus seinem Urlaub zu Wort gemeldet zu haben? In Auseinandersetzungen wie bei RTL ist Friedrich Merz nicht immer gut. Er reagiert oft emotional, was er auch tat, als die Ärztin ihm vorwarf, mit seiner Gesundheitspolitik seinen Amtseid zu brechen.Dass der Mensch Friedrich Merz so etwas mitmacht, dass er den Kakao, durch den er gezogen wird, anschließend noch austrinkt, ist die eine Seite solcher Auftritte. Die andere ist, dass es hier auch um die Würde des Amtes geht. Der Mann ist Bundeskanzler.Die Bürger haben das Recht, alle vier Jahre mit ihrer Stimme Einfluss darauf zu nehmen, wer sie regiert. Sie haben aber keinen Anspruch, den Amtsinhaber zu bespucken oder dabei zuzugucken, wie andere das tun. Das sollte auch dem Kanzler und seinen Beratern klar sein. Was soll als Nächstes kommen: dass er sich im Fernsehen mit Farbbeuteln bewerfen lässt?
Nach Attacke von Kinderärztin: Merz muss nicht alles mitmachen
Politiker müssen wissen, was die Bürger denken. Aber das Ausmaß, in dem der Bundeskanzler sich von ihnen beschimpfen lässt, sollte Grenzen haben.











