«Wir wissen alle, wie Ihr Kontostand ist, Herr Merz», sagt eine Kinderärztin im Bürgergespräch zu Deutschlands KanzlerBeim neuen TV-Format «Am Tisch mit Friedrich Merz» stellt sich der Kanzler besorgten Bürgern. Eine Kinderärztin wirft ihm «menschenverachtende und zerstörerische» Gesetze vor.Eric Matt, Berlin28.08.2026, 12.33 Uhr4 LeseminutenAm Donnerstagabend sass Kanzler Merz nicht mit seinem Kabinett am Tisch, sondern mit besorgten Bürgerinnen und Bürgern.Frank Ossenbrink / ImagoFriedrich Merz ist laut Umfragen der unbeliebteste Kanzler in der Geschichte Deutschlands. Um seinem schlechten Image entgegenzuwirken, hat er sich am Donnerstagabend auf ein neues TV-Format des Privatsenders RTL eingelassen. Bei «Am Tisch mit Friedrich Merz» diskutierte der Christlichdemokrat mit vier besorgten Bürgerinnen und Bürgern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das waren: eine Kinderärztin, die den Kanzler wegen Kürzungen im Gesundheitssystem drastisch anging. Ein Familienvater, der sich mehr Unterstützung bei Bildung und Erziehung wünscht. Ein Unternehmer, dem die Innovationen fehlen, um die Wirtschaft nach vorne zu bringen. Und eine Pfarrerin, die sich bei den Christlichdemokraten mehr Christlichkeit wünscht.Deutschland werde wie eine Zitrone ausgepresstBesonders deutlich in ihrer Kritik wird Bea Merscher, 39 Jahre alt und Kinderärztin. Ihr geht es um die Einsparungen bei der gesetzlichen Krankenversicherung. Merscher zeigt sich «schockiert» über die Politik der Bundesregierung und weist warnend darauf hin, dass eine «Katastrophe» drohe, Deutschland werde «wie eine Zitrone ausgepresst». Sie fragt Merz provokativ: «Warum brechen Sie Ihren Amtseid, den Nutzen des Volkes zu mehren und Schaden von ihm abzuwenden, und erlassen solche menschenverachtenden und zerstörerischen Gesetze?»In der RTL-Runde «Am Tisch mit Friedrich Merz» stellte sich der Kanzler den Fragen der Bürger.Noch bevor Merz darauf eingehen kann, versucht die Moderatorin Pinar Atalay, die Situation zu entschärfen. Die Vorwürfe seien «harter Tobak», sagt Atalay. Das sieht auch Merz so. Er ist ob der harten Wortwahl sichtlich überrascht und entgegnet, die Vorwürfe gingen über «das normale Mass der Kritik hinaus» und seien eine persönliche Herabsetzung. «Sie unterstellen mir, dass ich vorsätzlich die Zukunft der Kinder zerstöre. Das geht zu weit», sagt Merz. Die Kinderärztin erwidert: «Das, was Sie im Gesundheitssystem machen, geht auch zu weit.»Bis zum Ende der Sendung können sich der Kanzler und die Kinderärztin nicht einigen. Bei den laut ihrer Meinung fehlgeleiteten Einsparungen beruft sie sich gar auf den ehemaligen deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck – selbst der habe gewusst, dass nur ein gesunder Arbeiter ein guter Arbeiter sei. Doch Merz könne, so behauptet die Frau, die Sorgen und Nöte der Bevölkerung nicht verstehen. Sie sagt: «Sie kommen aus einer bürgerlichen Familie. Wir wissen alle, wie Ihr Kontostand ist, Herr Merz.»Christin fehlt bei den Christlichdemokraten das «Christ»Versöhnlicher verläuft Merz’ Gespräch mit Hannah Clemens. Sie ist 33 Jahre alt und arbeitet als Pfarrerin in Sachsen-Anhalt. Zwar kritisiert sie Merz für seine «Stadtbild-Aussage». Ende 2025 hatte Merz gesagt, die Bundesregierung habe bei der Migration viel erreicht und die Zahlen der neuen Asylanträge deutlich reduziert. «Aber wir haben natürlich im Stadtbild immer noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr grossem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.» Die Pfarrerin meint, den Christlichdemokraten fehle die Christlichkeit, die Empathie, die Nächstenliebe.Der Original-Bierdeckel, auf dem Friedrich Merz eine Steuererklärung verfasste, ist heute im Haus der Geschichte ausgestellt.ImagoSonst aber verstehen sich die Pfarrerin und der Kanzler gut. Sie sagt, sollte die AfD bei der am 6. September anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt die absolute Mehrheit erringen, «werden wir einfach weitermachen. Freude im Widerstand kann man dazu auch sagen». Merz lächelt und sagt, die Fröhlichkeit der Pfarrerin sei ansteckend. Auch er wolle einfach weitermachen und sich nicht beirren lassen. Es ist ein seltener Moment der Empathie.«Wo ist heute Ihr Bierdeckel?»Die sonstigen Fragen, etwa von dem enttäuschten CDU-Wähler und Familienvater Oliver Bernt, warum es nicht mehr Entlastungen für Familien gebe oder weshalb man weiter an der sogenannten Brandmauer gegen die AfD festhalte, versucht Kanzler Merz abzumoderieren. Er bittet enttäuschte Wähler um Verständnis, Deutschland basiere nun mal auf Koalitionsregierungen, so dass man Kompromisse finden müsse.Darauf verweist Merz auch, als der Unternehmer und Bauingenieur Matthias Kappis ihn fragt: «Herr Merz, Sie hatten früher die Idee mit dem Bierdeckel. Wo ist heute Ihr Bierdeckel, wo sind die innovativen Ideen, die die Wirtschaft nach vorne bringen?» Zur Erklärung: Merz hatte im Jahr 2003 eine Steuerreform vorgeschlagen, die so einfach war, dass sie auf einen Bierdeckel gepasst hätte.Merz antwortet, er habe «nichts von seinen Überzeugungen aufgegeben», eine grundlegende Vereinfachung des Steuersystems sei weiterhin wünschenswert. Dafür aber brauche er einen Koalitionspartner, Bundesländer und Kommunen, die diesen Weg mitgingen. «Und das haben wir im Augenblick nicht», sagt Merz.Gegen Ende der Sendung zeigt er sich selbstkritisch. Die Gesprächsteilnehmer fordern, er solle sich mehr um die Sorgen und Ängste der Bürgerinnen und Bürger kümmern, statt diese vom Tisch zu wischen. Merz sagt, er habe sehr wohl ein Gefühl dafür, wie Menschen in Deutschland lebten, und er versuche, dies auch zu vermitteln. Aber: «Jeder von uns hat seine Stärken und Schwächen, ich auch.»Dabei lächelt er fast schüchtern.Passend zum Artikel