Im Landesparlament ist die AfD noch isoliert, doch in den meisten Kommunen des ostdeutschen Bundeslands gehört die Rechtspartei längst zum politischen Alltag. Hier zeigt sie ihre Strategie im Kleinen.28.08.2026, 04.30 Uhr6 LeseminutenDas Uenglinger Tor, eines der noch erhaltenen Stadttore Stendals, ist ein Wahrzeichen der Hansestadt.Fabrizio Bensch / ReutersIm Stendaler Landratsamt, einem Backsteinhaus aus der Kaiserzeit, sitzt der AfD-Europaabgeordnete Arno Bausemer mit verschränkten Armen und gesenktem Kopf vor einigen Dutzend Bürgern. Wenn der 43-Jährige auf dem Podium kritisiert wird, klatschen die meisten Bürger. Und wenn er spricht, rumort es im Publikum. Unter den Anwesenden regt sich Unmut, weil gegen Bausemer schwere Vorwürfe im Raum stehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Anfang August soll er einen Jugendlichen, der ein AfD-Banner aufgeschlitzt hatte, mit einem Baseballschläger vom E-Roller geholt haben. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Stendal beantragt, dass das Europaparlament Bausemers Immunität aufhebt. Sie verdächtigt ihn der gefährlichen Körperverletzung und möchte deshalb gegen ihn ermitteln. Bausemer dagegen stellt den Vorgang von Anfang August anders dar. Vor den Bürgern spricht er von einer medialen «Täter-Opfer-Umkehr». Im Foyer des Landratsamts sagt er: «Ich trete Bewaffneten doch nicht unbewaffnet entgegen.»Gegen den AfD-Politiker Arno Bausemer stehen schwere Vorwürfe im Raum.PDAngesichts dieser Szenen könnte man auf den Gedanken kommen, dass die AfD in Sachsen-Anhalt wegen des mutmasslichen Fehlverhaltens Bausemers unter Druck stehe. Doch der Schein trügt. Gemäss Umfragen wollen 41 Prozent der Bürger bei der Wahl zum Landesparlament am 6. September ihr Kreuz bei der AfD setzen.Das liegt auch daran, dass sich die AfD in den Kommunen des ostdeutschen Bundeslands längst als politische Kraft etabliert hat. Bei der Kommunalwahl vor zwei Jahren erhielt die AfD in 9 von 14 Landkreisen und kreisfreien Städten die meisten Stimmen. Im Landesparlament in Magdeburg mag die AfD bis zur Wahl am 6. September isoliert sein, in der Fläche hat sie sich etabliert. Wer Kommunalpolitik machen möchte, kommt an ihr nicht mehr vorbei.«Es geht um sachliche Fragen, nicht um Parteipolitik»So ist es auch in Stendal. Dort hat sich erstmals im Jahr 2019 eine Fraktion der AfD im Kreistag gebildet, der unter anderem Bausemer und der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund angehören; inzwischen ist sie stärkste Kraft. Ihren ersten Erfolg hatte die AfD mit einem eher harmlosen Antrag im Stadtrat: Es ging um den barrierefreien Umbau der Schwelle am Rathauseingang. Eine Mehrheit stimmte dem Antrag zu. Später ging es weiter mit anderen Themen, der Arbeitspflicht für Asylbewerber etwa. Die AfD wollte mit diesem Thema ein Zeichen setzen, obwohl ein entsprechendes Gesetz schon in Kraft war. Der Kreistag stimmte dennoch für den Antrag.Thomas Weise ist Mitglied der CDU und seit dreissig Jahren Lokalpolitiker in Stendal, momentan sitzt der 57-Jährige dem Stadtrat vor. «Es gibt im Kreistag und im Stadtrat auch vernünftige Leute von der AfD», sagt er. Aber oft gehe es der AfD bloss darum, die CDU vorzuführen. Sie reiche zum Beispiel Anträge ein, die fast wortgleich CDU-Anträgen entsprächen. Man könne dann nicht einfach dagegenstimmen, sagt Weise. «Die Leute würden uns sagen: Ihr habt eine Meise!»Der Christlichdemokrat Thomas Weise ist Stadtratsvorsitzender in Stendal.NZZManchmal stelle die AfD auch Anträge, die auf den ersten Blick absurd erschienen. Weise nennt das «Schaufensteranträge». Damit meint er Anträge, die sich mit Problemen befassen, die eine Kommunalvertretung unmöglich lösen kann. «Der Kreistag soll dann zum Beispiel beschliessen, dass die Energiewende beendet werden solle. Dafür mag es gute Argumente geben. Aber welchen Einfluss hat unser Kreistag bitte auf energiepolitische Grundsatzentscheidungen?»Aus Weises Sicht geht es in der Kommunalpolitik um «sachliche Fragen, nicht um parteipolitische Spielchen». Die AfD dagegen denkt strategischer. Für sie ist die Kommunalpolitik die erste politische Ebene, auf der sie Fuss fassen kann. Dabei kann sie nur gewinnen: Lehnen die etablierten Parteien ihre Anträge ab, kann sie sich darüber beklagen, dass sie sich für die Belange der Bürger nicht interessierten. Stimmen sie dafür, verkauft sie das erst recht als Erfolg.Die Vaterlandsliebe als «kleinster gemeinsamer Nenner»Die 20 000-Leute-Stadt Burg, anderthalb Stunden Zugfahrt von Stendal entfernt, ist eine typische sachsen-anhaltische Kleinstadt. Neben alten Architekturdenkmälern wie der romanischen St.-Nicolai-Kirche besteht sie vorwiegend aus DDR-Plattenbauten, mancherorts ist auch ein leerstehendes Backsteinhaus zu sehen. Hier, in der Kreisstadt des Landkreises Jerichower Land, hat die sachsen-anhaltische AfD bei der Kommunalwahl 28,2 Prozent bekommen. Und hier hat sie ihren bislang grössten symbolpolitischen Erfolg verbucht.Der Weg zum Büro des AfD-Kreisverbands in der Stadt Burg führt über das Treppenhaus eines Kampfkunststudios, im Versammlungsraum springt dem Betrachter der Slogan «Unser Land, unsere Heimat» ins Auge. An der Wand hängen Bildnisse von Otto dem Grossen, Friedrich dem Grossen und Otto von Bismarck.«Bis zur Kommunalwahl vor zwei Jahren wurden unsere Anträge im Kreistag in der Regel ignoriert», sagt Jan Scharfenort, der AfD-Landesparlamentarier und stellvertretende Kreistagsvorsitzende, als er den Reporter im Versammlungsraum begrüsst. «Das hat sich erst ein Jahr später mit dem Antrag ‹Flagge zeigen!› geändert.»Jan Scharfenort ist Sprecher für Kommunalfinanzen der AfD-Fraktion im sachsen-anhaltischen Landesparlament.NZZDie AfD hat damals beantragt, dass auf öffentlichen Gebäuden im Landkreis Jerichower Land das ganze Jahr lang die Deutschlandfahne gehisst werden solle. Angesichts der vielen gesellschaftlichen Grosskonflikte sei die Nation der «kleinste gemeinsame Nenner», hiess es in dem Antrag. Die CDU unter ihrem Kreisvorsitzenden Markus Kurze stimmte dem Antrag zu.Mit ihrer Zustimmung erzeugten die Christlichdemokraten links der Mitte einen Aufschrei, der es bis in den Politikteil überregionaler Zeitungen schaffte. Von einem «Tabubruch» war vereinzelt die Rede. Es hiess, die CDU habe den Parteitagsbeschluss verletzt, der ihr die Zusammenarbeit mit der AfD verbiete.Und dabei war es nicht geblieben. Nach dem Beschluss in Burg zogen mehrere sachsen-anhaltische Landkreise nach. Inzwischen weht die Deutschlandfahne das ganze Jahr über an öffentlichen Gebäuden in Mansfeld-Südharz, im Burgenlandkreis und im Harz. Selbst in Thüringen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen fassten einige Kreistage entsprechende Beschlüsse.Dass sein Kreisverband den Unvereinbarkeitsbeschluss der Bundespartei verletzt habe, diesen Vorwurf kann Markus Kurze nicht nachvollziehen. Angesprochen auf die Zustimmung zum Beflaggungsantrag der AfD, sagt er: «Was hätten wir denn anderes tun sollen?»Die eher konservative sachsen-anhaltische CDU fordere schon seit langem die Beflaggung öffentlicher Gebäude, führt Kurze aus. «Dann können wir doch nicht unsere eigene Forderung ablehnen.» Ihn ärgere höchstens, «dass wir als CDU mit dem Antrag nicht schneller waren». Selbst Steffen Burchhardt, der sozialdemokratische Landrat des Jerichower Landes, habe für den Antrag votiert.Die CDU wirkt machtlos gegen die Strategie der AfDMehr Tempo also – etwas anderes scheint der CDU als Antwort auf die Vorstösse der AfD nicht einzufallen. In Burg wird klar: Selbst in den Kommunalvertretungen sitzen die Christlichdemokraten in der strategischen Falle.An der Wand in Kurzes Büro hängen ein Junge-Union-Wimpel und alte CDU-Wahlplakate, auf dem Tisch stehen Krapfen. Darauf ist in Lebensmittelfarbe sein Konterfei mit der Aufschrift «Erststimme Markus Kurze» abgebildet. Er habe die Krapfen mit seinem Wahlkampfteam vor Supermärkten überall in der Region verteilt, sagt der 55-Jährige. Kann es gelingen, so die Wähler von der CDU zu überzeugen?Markus Kurze ist CDU-Politiker und Vorsitzender des Kreistags im Jerichower Land.PDDie AfD-Wähler zu erreichen, werde «immer schwerer», sagt Kurze. Überhaupt mache er sich grosse Sorgen wegen der «Spaltung der Gesellschaft». Alle politischen Strömungen, links wie rechts, seien dafür gleichermassen verantwortlich. Das wirksamste Mittel dagegen sei es, «die Probleme vor Ort zu lösen». Die sachsen-anhaltische CDU, der «Stabilitätsanker» des Bundeslandes, könne das am besten.Mit diesem pragmatischen Ansatz war die CDU vierundzwanzig Jahre lang im Landesparlament Sachsen-Anhalts die stärkste politische Kraft. Doch das könnte sich bald ändern.In der Burger Innenstadt kommt man an einigen Aufklebern vorbei, die womöglich verraten, was der radikalere Teil der Bürgerschaft denkt. «Pumpen statt Gendern» lautet der Slogan eines Aufklebers, der einen lächelnden Bodybuilder zeigt. Ein anderer Aufkleber zeigt den deutschen Reichsadler im Stil der Nazizeit, dazu die Aufschrift «Deutschland, meine Heimat». Das Hakenkreuz unter den Klauen fehlt.Wer auch immer die Sticker geklebt hat, dürfte an der Lösung blosser kommunaler Probleme nicht allzu sehr interessiert sein. Am Aufstieg der AfD aber umso mehr.Passend zum Artikel