Egal wie die Wahl in Sachsen-Anhalt ausgehen wird: Die AfD und ihre politischen Gegner werden sich danach noch intensiver als bisher fragen müssen, wie sie miteinander umgehen wollen. Besonders wenn die AfD ihr Wahlziel erreichen sollte, die Alleinregierung in Magdeburg, wird die Brandmauer nur noch schwer aufrechtzuerhalten sein.Denn dann müsste nach der bisherigen Logik der Ächtung der AfD eine Ächtung des Bundeslandes folgen, um die Brandmauer zu retten. Das wird wohl kaum mit staatsmännischer Vernunft zu begründen sein. Schon die jüngsten Andeutungen aus verschiedenen Richtungen, eine AfD-Regierung durch Sanktionen zur Räson zu bringen, ließen wenig Sinn für Wortlaut und Geist des Grundgesetzes erkennen.Schert ein Bundesland aus der verfassungsmäßigen Ordnung aus, gibt es, mit Zustimmung des Bundesrats und ohne Beteiligung des Bundestags, das Mittel des „Bundeszwangs“. Er wurde bislang noch nie angewendet, wohl nicht zufällig, denn es fragt sich, ob die Konsequenzen nicht berechenbarer sind, wenn das Bundesverfassungsgericht vorher ein Wörtchen mitreden darf.Ausgrenzung sollte den Aufstieg der AfD verhindernDiese Drohkulisse ist nur eine Variante aus einem Arsenal an Bekämpfungsmitteln, die den Werdegang der AfD begleiten. Sie liefen alle darauf hinaus, die Partei durch Verdammung und Isolierung an ihrer Ausbreitung zu hindern. Zwar werden heute die Anfänge der AfD unter Bernd Lucke gerade von AfD-Fressern gern als „liberal“ und akzeptabel dargestellt, doch ist das eine nachträgliche Verklärung des eigenen Standpunkts. Die Strategie der Ausgrenzung setzte damals schon ein.Seither hat sich daran nichts geändert. Alle Bemühungen, wenigstens mit den „Vernünftigen“ in der AfD in ein konstruktives Gespräch zu kommen, sind gescheitert oder durften erst gar nicht in Betracht gezogen werden. Wer im Bundestag dabei „erwischt“ wird, wie er mit einem der AfD-Abgeordneten eine Tasse Kaffee trinkt, ist erledigt. Nicht einmal die Hand will man ihnen geben. Das spielt der AfD in die Karten, weil sie sich so als Opfer der „Altparteien“ stilisieren kann. Das verfängt bei ihren Wählern, nicht zuletzt im Osten.Auch die wehrhafte Demokratie muss integrationsfähig bleibenDen etablierten Parteien auf der anderen Seite dient die Verbotsdebatte dazu, das Gewissen zu beruhigen und die eigenen Reihen zu schließen. Bei aller berechtigten Kritik an der gefährlichen Ideologie der AfD äußert sich darin eine Fixierung auf die „wehrhafte Demokratie“, die vergisst, dass es auch noch eine integrationsfähige Demokratie geben muss, wenn sie Bestand haben soll.Während in anderen europäischen Ländern die Rechtspopulisten tendenziell in die politische Mitte ziehen, hat die AfD sich nach der Kaperung der Lucke-AfD durch völkische Nationalisten radikalisiert – und damit immer mehr Erfolg bei den Wählern gehabt. Zulauf erhält die AfD aber auch wegen der Zurückweisung, Geringschätzung und Isolierung durch die etablierten Parteien. Das traf besonders diejenigen in der AfD, die offen waren für einen bürgerlichen Stil, aber ebenfalls zu Aussätzigen gestempelt wurden.Erster Nebeneffekt der Ausgrenzung und ein Hort weiterer Radikalisierung waren die eigene Öffentlichkeit, die sich die AfD geschaffen hat. In ihrer Blase kann sie ihre Klientel mit Desinformation und Propaganda überschwemmen. Sie ist dort auch geschützt vor Kritik, sie ist auf niemanden angewiesen – und sie gewinnt damit Wahlen.Es ist unter diesen Voraussetzungen ein leichtes Spiel für die Höckes und Tillschneiders, für die Weidels und Chrupallas, sich die Ausgrenzungsstrategie zunutze zu machen. Sie bestätigt ihr Freund-Feind-Verständnis von Politik, sie bestätigt den Erfolg ihres radikalen Kurses, und sie entledigt sie der Pflicht, im Ringen um gute Politik mitmachen zu müssen und konkret zu werden. Die Brandmauer ist ihr bester Schutzschild gegen Verantwortung.Die AfD weist jedes Angebot brüsk zurückEs wäre naiv, zu behaupten, die AfD sei bereit, auf eine andere Methode einzugehen. Sie weist bislang jedes Angebot brüsk zurück, was einer gewissen Logik entspricht: Wie kann sie mit den von ihr verdammten „Kartellparteien“ ins Geschäft kommen, ohne selbst Teil des Kartells zu werden?Bestes Beispiel für die Verweigerungshaltung der AfD ist Sachsen, wo die Minderheitsregierung durch einen „Konsultationsmechanismus“ dafür sorgen will, dass sich im Landtag eine Mehrheit in ihrem Sinne bilden kann. Die AfD nimmt an dieser neuen Form von Rundem Tisch nicht teil. Sie wolle nicht, dass ihre Ideen geklaut werden, begründete sie ihre Absage. In Wahrheit ist sie wohl ganz froh, nicht mitmachen zu müssen.Sachsen ist damit das einzige Land, das sich von der Brandmauer schon verabschiedet hat. Andere Regierungen, die Minderheitsregierungen sowieso, werden sich daran orientieren können. In Kommunen sind ähnliche Modelle längst aus der Not geboren. Die AfD wird sich ihnen nicht auf Dauer verweigern können. Aber auch die etablierten Parteien müssen Wege finden, politische Kräfte in den demokratischen Prozess einzubinden, die in freien Wahlen immer mehr Mandate oder gar die Mehrheit gewinnen.