Der andere Blickvon Susanne Gaschke, BerlinLinke Hegemonie: Die Brandmauer gegen die AfD ist in Wahrheit ein BrandbeschleunigerDie Ereignisse vom Wochenende haben gezeigt: Die Ausgrenzungsstrategie der politischen Linken gegenüber der AfD ist gescheitert. Sie hat die Partei gross gemacht und einen Politikstil befördert, der auf geringstmöglicher intellektueller Anstrengung beruht.07.07.2026, 17.47 Uhr3 LeseminutenProtest gegen den AfD-Parteitag in Erfurt am Samstag.Christoph Rutenkolk / EPASie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Susanne Gaschke, Redaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der AfD-Bundesparteitag in Erfurt hat die politischen Gegner der Rechtspartei kenntlicher werden lassen als ihre Anhänger.Bilanzierend lässt sich nach dem vergangenen Wochenende wieder einmal feststellen: Noch nie gab es in Deutschland so viel «Kampf gegen rechts», so viel «antifaschistischen» Aktivismus, so viel staatlich finanzierte «Demokratieförderung», so viel «engagierten» Journalismus und so viel ostentative Empörung wie jüngst – und nie zuvor gab es so viele rechte Wähler.Im Bund liegt die Alternative für Deutschland laut Umfragen mit 29 Prozent auf Platz eins (sechs Punkte vor den Christlichdemokraten). In den Ländern bewegt sich die AfD mit 40 Prozent und mehr auf mögliche Alleinregierungen zu.Unbefangene Beobachter würden daraus unter Umständen den Schluss ziehen, dass die Brandmauer-Strategie der maximalen Ausgrenzung gescheitert sein könnte. Dass es anscheinend nichts bringt, der AfD systematisch den Vorsitz in parlamentarischen Ausschüssen und Vizeposten in Parlamentspräsidien zu verweigern, die ihr nach demokratischem Gewohnheitsrecht zustünden. Dass es womöglich sogar kontraproduktiv wirkt, wenn Max-Planck-Professoren zur illegalen Verhinderung von legalen AfD-Parteitagen aufrufen.«Rechts» wird zur hohlen PhraseDass eine von Bewunderung getragene Vorab-Berichterstattung über «blockadeerfahrene Aktivisten» Medien unerträglich parteiisch erscheinen lässt. Dass gewalttätige Angriffe auf «rechte» Journalisten keine Kollateralschäden ehrenwerter Proteste sind, die man verniedlichen oder, wie im öffentlichrechtlichen Rundfunk, weitgehend verschweigen dürfte.Dass «rechts» überhaupt zur hohlen Phrase wird, wenn man eigentlich auch Bundeskanzler Friedrich Merz damit meint. Oder gleich die ganze angeblich «faschistische Politik» der CDU, wie der neue Linken-Vorsitzende es kürzlich ausdrückte. Unsinn, würden besorgte Kulturschaffende und Wissenschafter, Journalistinnen und Pastoren an dieser Stelle entgegnen: Wir tun nicht zu viel des Guten, wir tun immer noch nicht genug!Wir brauchen von allem mehr: Mehr demokratiefreundliche NGO! Mehr Meldestellen für «rechtes» Gedankengut! Endlich ein AfD-Verbot! Man kann die argumentativ kaum zu erschütternde Gewissheit des deutschen Justemilieu (das bis in die CDU/CSU hineinreicht) auf zweierlei Weise interpretieren.Publizistische Dramatiker wie der langjährige «Welt»-Herausgeber Ulf Poschardt sehen darin ein letztes wütendes Aufbäumen rot-grüner Meinungsführer und Kulturbestimmer, die ihre Felle im reissenden Strom des (weltweit erfolgreichen) Rechtspopulismus davonschwimmen sehen.Die hermetisch gewordenen GewohnheitsparteienDoch selbst wenn der selbsterklärt-antifaschistische Kampf nicht aus Eigeninteresse, sondern aus tiefster, aufrichtigster Überzeugung geführt würde: Könnte die Strategie nicht trotzdem falsch sein? Könnte sie nicht, sogar in aller Unschuld, genau das fördern, was sie zu bekämpfen trachtet?Was, wenn es gerade die Ausgrenzung, der eklatante Mangel an souveräner Fairness und die oberlehrerhafte Dauerentrüstung sind, die der AfD ganz «normale» Wähler, unter ihnen übrigens reichlich ehemalige Anhänger von Union und SPD, in die Arme treiben? Rechnet, wer seine Stimme der Alternative für Deutschland zu geben androht, wirklich damit, dass deren unerfahrenes Personal Deutschlands Probleme im Handumdrehen wegzaubern würde?Oder geht es nicht doch eher darum, den in allzu vielen Fragen allzu hermetisch gewordenen deutschen Gewohnheitsparteien so lange so weh zu tun, bis sie wieder zugänglicher und weniger routiniert-ideologisch auftreten?Eine Brandmauer aus GrillanzündernDenn eins ist klar: Die Brandmauer stabilisierte bisher nicht nur die AfD und ersparte es ihr, interne Konflikte zwischen ihren vier Strömungen – regierungsorientierte Konservative, Flexible, Rechtsextreme und Menschen mit seltsamen Weltbildern – auszufechten.Die Brandmauer stabilisierte auch diejenigen Funktionärsseilschaften bei SPD, Linkspartei, Grünen und sogar Teilen der Union, deren Politikmodell auf der geringstmöglichen intellektuellen Anstrengung beruht. Vielleicht wäre es aber – und zwar ausdrücklich im Namen der Demokratie – langsam an der Zeit, zumindest zu erwägen, ob diese Mauer nicht in Wahrheit aus Zip besteht, dem in Deutschland populären Grillanzünder.Passend zum Artikel