Marc Lüthi ist neuer Präsident von Swiss Ice Hockey – kann der temperamentvolle Macher das Schweizer Eishockey befrieden?Die Wahl des langjährigen CEO und Mitbesitzer des SC Bern wird auch personelle Konsequenzen nach sich ziehen. Zumindest einen Monat lang aber dürfte ein Waffenstillstand herrschen – auf internationaler Ebene steht die nächste Wahl an: Der Ex-Präsident René Fasel lobbyiert für Russland und den Schweizer Kandidaten.27.08.2026, 17.37 Uhr4 LeseminutenNeue Rolle: Marc Lüthi steht nicht mehr dem SC Bern, sondern Swiss Ice Hockey vor.PETER KLAUNZER / KEYSTONEAm späten Donnerstagnachmittag ist Marc Lüthi per Onlineabstimmung zum Verwaltungsratspräsident von Swiss Ice Hockey gewählt worden. Seine Ernennung war mehr oder weniger Formsache, es gab keinen Gegenkandidaten; das Lüthi-Lager rechnete im Vorfeld trotz der Opposition aus dem Amateursport mit knapp 60 Prozent der Stimmen. Es wurden sogar deutlich mehr.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Lüthi, 65, war bis im Frühjahr CEO des SC Bern; der SCB wie man ihn heute kennt ist quasi sein Lebenswerk. Es kursieren unterschiedliche Darstellungen darüber, wie freiwillig sein Abgang in Bern war, aber das ist ein Thema für einen anderen Tag. Sein Amt als Steuermann von Swiss Ice Hockey tritt er als Hoffnungsträger an – er soll den Verband modernisieren, dynamisieren und mutmasslich auch: Verschlanken.Stefan Schärer 2023 und Urs Kessler 2025, Lüthis Vorgänger auf diesem Posten, waren mit vergleichbarem Optimismus gestartet. Und wurden bald so sehr zermürbt, dass sie nach wenigen Monaten aufgaben. Seit Jahren sagen alle Präsidenten das gleiche: Man müsste es endlich schaffen, Klub- und Partikularinteressen zum Wohl des Schweizer Eishockey zurückzustellen. Aber sobald das erste Thema diskutiert wird – etwa ein Rückbau der National League von 14 auf 12 Teams – ist es vorbei mit der Harmonie. Es herrscht in der Branche ein fast 100-prozentiger Konsens darüber, dass 14 Equipen zwei zu viel sind. Aber es ist unmöglich, in einer Abstimmung die erforderliche Mehrheit dafür zu finden – zu viele Klubvertreter fürchten sich vor dem Abstieg und vor allem vor dem Jobverlust. Auch Lüthi wird das nicht ändern können. Er will am Freitag an einer Medienkonferenz in Freiburg über seine Pläne informieren.Wie lange kann sich der CEO Martin Baumann halten?Der temperamentvolle Macher begriff den SCB oft als eine Art One-Man-Show. Es muss sich noch weisen, ob er die Geduld und das Fingerspitzengefühl hat, um sich in der Verbandspolitik durchzuschlagen, Kompromisse waren bisher selten seine Sache. Lüthis erste wichtige Aufgabe ist der neue Kooperationsvertrag mit der National League, der bestehende endet nach der Saison 2026/27. Darin ist geregelt, welche Leistungen die National League von Swiss Ice Hockey (etwa: das Schiedsrichterwesen) zu welchem Preis bezieht. Die NL-Vertreter werfen Swiss Ice Hockey seit Jahren vor, das Geld allzu sorglos auszugeben und wollen die Mittel radikal kürzen. Die Verhandlungen könnten ungemütlich werden.Man darf zudem davon ausgehen, dass es unter Lüthi innerhalb von Swiss Ice Hockey zu personellen Veränderungen kommt. Nach der Ablösung des bei den National-League-Vertretern seit längerem in Ungnade gefallenen CEO Martin Baumann kann man sich vermutlich die Uhr stellen. Nur: Es braucht dafür eine Mehrheit im Verwaltungsrat. Schon Kessler hatte im Frühjahr versucht, die Entlassung Baumanns durchzusetzen. Und erhielt dann dafür trotz anderslautenden Beteuerungen im Vorfeld keine einzige Stimme. Die Intrigen unter den Funktionären erinnern manchmal wie aus «Gute Zeiten, Schlechte Zeiten» entsprungen, oder aus «Lüthi und Blanc».Zunächst jedoch dürfte es zu einer Art Waffenstillstand kommen. In einem Monat stehen am Halbjahreskongress des internationalen Eishockey-Verbands IIHF in Teneriffa umfassende Wahlen an. Peter Zahner, CEO der ZSC Lions und als National-League-Vertreter VR-Mitglied von Swiss Ice Hockey, hat sich unter dem Einsatz von sehr harten Bandagen vom Verband als Kandidat für das IIHF Council aufstellen lassen. Obwohl es keinen Grund gab, das bestens vernetzte (und 21 Jahre jüngere) amtierende Schweizer Council-Mitglied Raeto Raffainer abzulösen. Eine Nichtberücksichtigung Zahners wäre eine schwere Niederlage. In erster Linie für Zahner selbst. Aber hockeypolitisch auch für die Schweiz. Man darf davon ausgehen, dass Lüthi die Kandidatur seines langjährigen Weggefährten nicht mit einem Erdbeben vor dem Halbjahreskongress torpedieren wird.Das Powerplay von René Fasel für Russland und Peter ZahnerFür Zahner, das ist zu hören, weibelt in diesen Tagen unter anderem auch René Fasel, der ehemalige IIHF-Präsident. Fasel, 76, arbeitet daran, Kandidaten in entscheidende Positionen zu hieven, die eine rasche Rückkehr Russlands unterstützen. Der 27-fache Weltmeister ist seit dem Beginn des Angriffskrieg auf die Ukraine von allen IIHF-Wettbewerben ausgeschlossen. Das politische Powerplay für ein Comeback ist seit längerer Zeit in vollem Gang; man darf davon ausgehen, dass Russland am World Cup of Hockey 2028 teilnehmen wird. Und zwar als Gruppengegner der Schweiz in Calgary. Der World Cup wird nicht von der IIHF, sondern von der NHL ausgerichtet. Aber er wäre ein Türöffner für die russische Wiedereingliederung ab der WM 2028 in Lyon und Paris.Es wird sich weisen, wie erfolgreich die Lobbyarbeit von Fasel, der seit längerem die russische Staatsbürgerschaft besitzt, tatsächlich ist. Seine Gruppe versucht als Ersatz für den scheidenden französischen IIHF-Präsidenten Luc Tardif zwei Kandidaten zu portieren: Den Deutschen Franz Reindl. Und den bisherigen regionalen Vize-Präsidenten für Asien und Ozeanien, Aivaz Omorkanov aus Kirgisistan. Auch dort wird der Wahlkampf wenig zimperlich geführt. Als Favorit auf die Nachfolge Tardifs gilt der Tscheche Petr Briza, der die Unterstützung der wichtigsten westeuropäischen Nationen auf sicher hat. Wobei beispielsweise nicht klar ist, wie die Position der Schweiz in der Russland-Frage zukünftig aussehen wird, zumal angesichts dieses Wahlkampfs.Internationale Politik dürfte auf der Traktandenliste Lüthis relativ weit unten angesiedelt sein. Es gibt im eigenen Land mehr als genug zu tun.Passend zum Artikel