Im Film „The Day After Tomorrow“ kommt es in den ersten Minuten zu einem Wortwechsel zwischen einem Klimawissenschaftler und einem Politiker. Das Klimaabkommen umzusetzen, werde die Weltwirtschaft Hunderte Milliarden Dollar kosten, sagt der Politiker. Nichts zu tun, werde noch teurer, sagt der Wissenschaftler. Der CO₂-Ausstoß habe das Klima labil gemacht. Die Wirtschaft sei ebenso labil, sagt der Politiker. So weit, so vertraut. Von der nächsten Szene an überschlagen sich die Ereignisse: In Japan fallen handballgroße Hagelkörner vom Himmel, Tornados zerstören Los Angeles, Manhattan wird erst überflutet, dann unter Schnee und Eis begraben, Millionen Menschen sterben und am Ende schwört der Politiker – es ist der Vizepräsident der USA, der Präsident ist inzwischen auch tot – seine verbleibenden Landsleute auf ein demütigeres Leben ein.Filmisch: bildmächtige Unterhaltung. Wissenschaftlich: ziemlicher Quatsch. Dass die schmelzenden Polkappen die Atlantikströmung kollabieren lassen und extrem kalte Winter folgen, ist ein Szenario, das Klimaforscher zunehmend besorgt in Betracht ziehen; keinesfalls aber würde die Nordhalbkugel innerhalb von Wochen unbewohnbar werden.Der Klimawandel liefert kein gutes DrehbuchEs ist in diesen Tagen, in denen immer wieder die Frage auftaucht, was von dem Sommer der Brände, Hitzewellen und austrocknenden Flüsse wohl bleiben wird, aufschlussreich, sich an den 22 Jahre alten Film zu erinnern. Regisseur Roland Emmerich wollte aufrüttelnd davon erzählen, was es bedeutet, immer mehr Treibhausgase in die Atmosphäre zu befördern, und erzählte am Ende, was nicht passieren wird. Weil der Klimawandel, so wie er passiert, nun mal kein gutes Drehbuch hergibt. Was auch einiges darüber sagt, warum er in der Wirklichkeit so schwer zu vermitteln ist.Seine Konsequenzen haben in diesem Sommer zwar einige Bilder geliefert, die einem Katastrophenfilm zu entstammen scheinen. Besonders erschreckende kamen am Mittwoch aus dem Himalaya, wo eine Sturzflut eine noch unbekannte Zahl von Toten forderte. Ausgelöst hat sie der Abbruch eines riesigen Eisblocks in einem Gebiet, in dem die Gletscher besonders schnell schmelzen. Doch der Klimawandel vollzieht sich nicht als dramatischer Einbruch, nach dem für eine ganze Gesellschaft nichts ist wie zuvor. Nichts ist wie zuvor – das gilt immer nur für Einzelne: für die Menschen in den nepalesischen Dörfern, für die Bewohner von Orten wie dem französischen Le Porge, dem kroatischen Omiš oder Megara in Spanien, deren Häuser niederbrannten, und für die Angehörigen eines „Hitzetoten“, wie die etwa 16.000 Menschen in Deutschland zusammengefasst werden, bei denen die hohen Temperaturen eine meist schon vorhandene Disposition fatal werden ließen.Was bleibt, ist eine beunruhigende ErinnerungFür die meisten anderen brauchte es nur ein paar Tage unaufgeregten Wetters und diese neue Frische am Morgen, die den Herbst ankündigt, um die vergangenen Wochen zu einer beunruhigenden Erinnerung werden zu lassen, aus der sich höchstens mal der Gedanke hervorschiebt, dass aus all dem doch mehr Dringlichkeit folgen müsse im Umgang mit dem Klimawandel.Kurz schien es, als spüre Friedrich Merz diese Dringlichkeit. Unter dem frischen Eindruck des verbrannten Hürtgenwalds in der Eifel sagte er, die Regierung werde „alles“ tun, „um den Klimawandel zurückzudrängen“. Also doch kein Aus vom Verbrenner-Aus, keine Aufweichung des Emissionshandels, doch ein entschiedenerer Ausbau erneuerbarer Energien? Doch nicht die Maßnahmen, mit denen die Bundesregierung bislang klarmachte, dass sie Klimaschutz nicht für ihre drängendste Aufgabe hält? Wenige Tage später variierte der Kanzler die Worte schon wieder in vertrauterer Rhetorik: „Wir allein in Deutschland können den Klimawandel nicht zurückdrängen“, erklärte er am Mittwoch nach der Arbeitsklausur des Kabinetts. Unter milder Sonne und vor gepflegtem Schlossensemble war der verbrannte Wald wohl schon wieder weit weg.Ausgetrocknete Sandbank an der Niedrigwasser führenden DonaudpaEs sieht also aus, als ob der Sommer, in dem sich die Folgen der Erderwärmung in Europa wie nie zuvor zeigten, mitnichten mehr Handeln bringt, sondern die nächste Erwartungskorrektur. Die erste Erwartung war: Wüssten erst alle um die Folgen der Treibhausgasemissionen, bliebe ja nichts übrig, als diese schnell zu beenden. Das motivierte noch vor wenigen Jahren Hunderttausende Jugendliche, mit „Follow the Science“-Plakaten auf die Straße zu gehen. Sie verpassten den Schulunterricht, lernten aber dennoch etwas: Etwas zu wissen, heißt nicht unbedingt, danach zu handeln.Die nächste, schon bescheidenere Annahme war: Es muss wohl erst spür- und sichtbar werden, was diese eher harmlos („Klimawandel“) oder abstrakt („Extremwetter“) klingenden Voraussagen bedeuten und was daran so schlimm sein soll. Nie war das in Europa mehr der Fall als in diesem Sommer. Wie aus dem Lehrbuch fächerte er auf, was passiert, wenn ein von Treibhausgasen in der Atmosphäre verändertes Klima und eine für die effektivste Nutzung veränderte Natur aufeinandertreffen: In Frankreich fraßen sich die Flammen durch eine nach vielen Hitzetagen staubtrockene Wald-Monokultur, die dem Feuer nichts entgegenzusetzen hatte: nicht das kühlere Mikroklima eines Mischwaldes, keine Vegetation, die Feuchtigkeit hätte speichern könnten. Im Hohen Venn in Belgien ließ sich der Brand so schwer löschen, weil er in einem entwässerten Moor glomm. An Donau und Rhein konnte die Trockenheit den Wasserstand auch deswegen so stark senken, weil Flüsse zu Wasserstraßen gemacht wurden, ohne die Schleifen, flachen Ufer und Auen, die ihnen erlauben, Wasser zu halten. Die Straßen und Plätze der Städte fühlten sich an den 37, 38 Grad heißen Tagen an, als seien riesige Föhns auf sie gerichtet, weil Bäume, Schatten, Luftschneisen fehlen.Das Wort des Sommers: AnpassungAuch der Satz des Film-Wissenschaftlers, Nichtstun werde für die Wirtschaft erst recht teuer, wurde eindrücklich belegt: Greenpeace ließ ausrechnen, dass sich Schäden durch Waldbrände und Ernteausfälle sowie höhere Gesundheitskosten und Produktivitätsverluste in diesem Jahr auf 36 Milliarden Euro summieren. Das Umweltministerium beziffert die Kosten des Klimawandels in den nächsten 25 Jahren auf bis zu 900 Milliarden Euro.Es ist nicht so, dass gar nichts folgt. Viel gesprochen wird jetzt darüber, was getan werden muss, damit der Klimawandel, wenn er sich wieder so unerbittlich zeigt, sich nicht mehr so unerbittlich anfühlt. Das Wort des Sommers ist: Klimaanpassung. Kaum zur Sprache kommt, dass sich anzupassen immer schwieriger, teurer und irgendwann unmöglich wird, wenn nicht dem Einhalt geboten wird, was dies erst nötig machte.Eine Krise der Vorstellungskraft?Der Schriftsteller Amitav Ghosh hat von einer „Krise der Imagination“ geschrieben, als er Gründe dafür suchte, warum sich die erzählende Literatur so wenig mit dem Klimawandel beschäftige. Die vom Menschen selbst in Gang gesetzten Wetterereignisse würden als so unwahrscheinlich empfunden, dass sie ihren Weg nicht in den – seit dem 19. Jahrhundert auf das Alltägliche konzentrierten – Roman fänden.Eine solche Krise der Vorstellungskraft macht auch den Kampf gegen die Klimakrise so stockend. Sobald das Alltägliche zurückkehrt, übernimmt es. Irgendwann zeigt sich jede Jahreszeit wieder annähernd so, wie man sie kennt. Irgendwann fällt doch wieder Regen. Wo die Feuer gewütet haben, sprießt bald neues Grün, und im nächsten Jahr brennt es woanders. Spürbar wird Klimawandel als ins Unheimliche gesteigertes Wetter, doch er bleibt eine Variation von Vertrautem und schon Dagewesenem. Nur deshalb kann der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla behaupten, er habe einen normalen Sommer erlebt und Reform-UK-Politiker Richard Tice dazu auffordern, doch einfach die Hitze zu genießen.Das meiste passiert ohnehin außerhalb des Wahrnehmungsradius: Dort schmelzen die Gletscher, taut der Permafrostboden, werden die Meere wärmer, wird die Atlantische Ozeanzirkulation geschwächt, auf deren Zusammenbruch „The Day After Tomorrow“ basiert. Auch während eines ganz normalen Spätsommertags in Deutschland.
Klimawandel: Warum bleibt nach dem Katastrophen-Sommer alles beim Alten?
Ein Sommer endet, in dem der Klimawandel in Europa sein Gesicht gezeigt hat. Und trotzdem passiert: nichts. Das Drama der Erderwärmung ist, dass sie immer wieder die Rückkehr in eine trügerische Normalität erlaubt.








