War er ein Gaga-Rechtsextremist? Andreas Glarner tritt zurückDer Aargauer SVP-Nationalrat und Kantonalpräsident gehört zu den umstrittensten Politikern der Schweiz. Nun gibt er seine Ämter ab. Ein Rückblick auf eine unruhige Karriere.«Jemand, der als Rechtsextremist gilt, verliert Stelle und Ansehen»: Nach elf Jahren tritt Andreas Glarner aus dem Nationalrat zurück.© Silas Zindel Für Nzz / Silas ZindelAm 7. Februar 2024 sagte Andreas Glarner dem Privatsender Tele M1 man sei «politisch und gesellschaftlich tot», wenn man als Mensch ausserhalb seines Spektrums als Rechtsextremer bezeichnet werde. «Jemand, der als Rechtsextremist gilt, verliert Stelle und Ansehen.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun hat er zwei Jahre später, am 26. August, seinen Rücktritt erklärt. Er werde im Dezember seine Ämter als Nationalrat und Präsident der SVP Aargau abtreten, gab er am kantonalen Parteitag am Mittwoch bekannt. Mit dem gerichtlich abgesegneten Prädikat «Gaga-Rechtsextremist» habe das nichts zu tun, versichert er der NZZ. Und auch nichts mit dem Strafverfahren, das aktuell gegen ihn läuft. Es habe keinen parteiinternem Druck gegeben. Vielmehr trete er freiwillig zurück, um jüngeren Kräften Platz zu machen.Ein bisschen Druck spürt Glarner vielleicht doch. Aargauer SVP-Politiker, die am Wahltag 63 Jahre alt sind oder am Ende der Legislatur 16 Amtsjahre aufweisen, müssen im Kantonalvorstand und am Parteitag zwei Drittel der Stimmen auf sich vereinen, um nominiert zu werden. Andreas Glarner wird im Oktober 64 Jahre alt.Seit 2015 sitzt er im Nationalrat, seit 2020 ist er Präsident der Aargauer SVP. Die Partei ist unter ihm gewachsen und hat unter seiner Führung bei den nationalen Wahlen 2023 einen siebten Sitz im Nationalrat gewonnen. Parteiintern gab es zwar immer wieder laute Kritik und Distanzierungen einzelner Exponenten, zu offiziellen Mehrheitsbeschlüssen oder geschlossenen Rücktrittsforderungen kam es jedoch nie.Gruppenbild mit Parteikadern: Andreas Glarner an der Maitagung der SVP Bezirk Bremgarten 2025 (mit Jean-Pierre Gallati, Yves Blülle, Markus Gabriel, Marcel Dettling und Claudio Müller).Severin Bigler / CH MediaZum Rücktritt schrieb die Kantonalpartei: «Die SVP Aargau dankt Andreas Glarner für sein langjähriges, prägendes Wirken zum Wohle des Kantons Aargau und der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Er hat die politische Landschaft nachhaltig geprägt und sich dabei stets seinen klaren Kompass bewahrt.»Alles nur «Spass»Andreas Glarner, das ist Asylpolitik, Provokationen, mediale Dauerpräsenz. Schon als Gemeindeammann von Oberwil-Lieli im Aargau verantwortete er vor rund zehn Jahren Plakate wie «Maria statt Scharia» und kaufte die Gemeinde von der Pflicht frei, Flüchtlinge aufzunehmen. SRF nannte ihn 2015 «Flüchtlingsschreck», der «Blick» «Asyl-Amok». Auch auf der nationalen Bühne sucht er immer wieder die Grenzüberschreitung. Eine Auswahl:2018 stellte Glarner Dübendorfer Schulkinder wegen ihrer teilweise ausländisch klingenden Namen auf Facebook bloss.2019 veröffentlichte er die Telefonnummer einer Lehrerin, weil sie in einem Elternbrief darauf hingewiesen hatte, dass muslimische Kinder während des Fastenbrechens zu Hause bleiben dürfen. Danach klingelte ihr Handy Sturm. Glarner entschuldigte sich und wies darauf hin, dass die Nummer als «Schulhandy» deklariert gewesen war. «Sonst hätte ich die Nummer nicht publiziert.»2024 veröffentlichte Glarner ein Bild einer Mitte-Grossrätin auf Social Media. «Frau Rita Brem-Ingold will, dass auch straffällige Ausländer eingebürgert werden!» Die Grossrätin berichtete später, sie sei im Internet und auf Spaziergängen bedroht worden.Aktuell läuft ein Strafverfahren gegen Glarner wegen Identitätsmissbrauchs. Der Politiker hatte ein Deepfake-Video der grünen Nationalrätin Sibel Arslan fabriziert. Die zuständigen Kommissionen des Parlaments haben deswegen seine Immunität aufgehoben – was äusserst selten vorkommt.Glarner selbst spricht von «Spass». Er provoziere halt gern, das komme aus ihm raus.«EU-Maulkorb»: Andreas Glarner in der Debatte über die Selbstbestimmungsinitiative im Juni 2018.Alessandro Della Valle / KeystoneFreundin, Sex, Weinkeller2022 endete der Spass sogar für ihn. Die «Aargauer Zeitung» berichtete am 22. Dezember, Glarner fordere Transitzonen für Asylverfahren sowie Grenzkontrollen. Das veranlasste Medienunternehmer Hansi Voigt zu einer Medienschelte auf Twitter (mittlerweile X):«Wir sollten aufhören, uns darüber zu empören, was ein Gaga-Rechtsextremist wie Glarner sagt, der im Parlament völlig wirkungslos ist. Wir sollten uns darüber empören, dass @chmediaag einem wirkungslosen Parlamentarier dauernd eine Bühne gibt und so extreme Positionen ‹einmittet›.»Glarner dachte beim Wort Rechtsextremismus an Gewalt und Nazi-Ideologie und reichte Strafanzeige ein. Am 29. Juni 2023 wurde Voigt per Strafbefehl wegen «übler Nachrede» und «Beschimpfung» schuldig gesprochen.Er zog den Fall weiter, das Bezirksgericht Bremgarten sprach ihn frei. Es müsse insbesondere Medienschaffenden erlaubt sein, jemandem eine Gesinnung zuzuschreiben, die zur öffentlichen Wahrnehmung seiner Person im politischen Umfeld passe, heisst es im schriftlichen Urteil.Zu einem ähnlichen Schluss kam im März 2025 das Aargauer Obergericht. Der Tweet erwecke nicht den Eindruck, Glarner sei antidemokratisch, gewaltbereit oder hege Sympathien mit dem Naziregime, sondern sei als Einordnung im politischen Spektrum als extrem rechts zu verstehen.Glarner beharrt darauf, als «demokratisch gewählter Vertreter der grössten Partei» nie etwas Rechtsextremes getan zu haben. Vor Gericht argumentierte er, er wirke unter anderem so rechts, weil sich das Parlament nach links verschoben habe. Am Ende konnte er den Fall wegen selbstverschuldeter formeller Gründe nicht weiterziehen.Seine Partei hat sich in der Vergangenheit immer wieder von Rechtsextremismus abgegrenzt. «Jeder weiss: Wir sind gegen extremistisches Gedankengut, sei es links oder rechts», sagte Christoph Blocher etwa 2024 in der NZZ. Zu Glarner selbst schwieg die Parteispitze stets.Die alkoholkranke MutterEs ist einfach, mit Andreas Glarner ins Plaudern zu kommen. Er erzählt von seinen Kindern und seiner Partnerin («Wussten Sie, dass sie die Schwester von SVP-Nationalrat Christian Imark ist?»).Im Schweizer Podcast «Thronfolge» liess er das Publikum wissen, dass der Sex mit ihr gut sei und er früher auch mal fremdgegangen sei. «Wenn eine Frau anfängt, sich einem Mann zu verweigern, dann geht er fremd oder ins Bordell.»Es ist ein wenig, als wolle Glarner alles herzeigen, was er hat und was ihm wichtig ist. Da gehören Freundin und Sex ebenso dazu wie die Outdoorküche, der Weinkeller oder die Bibliothek, wo Uwe Diller («Corona war ein Jahrhundertverbrechen») neben Martin Suter liegt. «Ich möchte nicht angeben, ich habe einfach Freude an meinen Sachen», sagt er.Andreas Glarner ist 1962 als Sohn eines Schreiners und Werbefachmanns und einer Textillaborantin im Glarnerland als drittes von vier Kindern auf die Welt gekommen.Als er ungefähr 13 Jahre alt war, liessen sich die Eltern scheiden. Die Mutter zog mit Andreas nach Dietikon im Zürcher Limmattal. Von da an waren Mutter und Sohn allein, der jüngere Bruder war im Heim, die beiden älteren Schwestern bereits ausgezogen.Nach einer missglückten Hüft-Operation verfiel die Mutter dem Alkohol. Wenn Andreas nach der Schule nach Hause kam, sass sie im Delirium da. Der Sohn leerte die Flaschen aus, ging in die Beizen und bat die Wirte, der Mutter bitte nichts mehr zu trinken zu geben. Heute sagt er: «Das hat mich stark gemacht.»Andreas Glarner in Oberwil-Lieli nach seiner Wahl in den Nationalrat am 29. Oktober 2015.Adrian Baer / NZZAlle zwei Wochen besuchte der Vater, ein Sozialdemokrat, den Sohn. Er wollte ihn zu sich holen. Doch die neue Frau war dagegen. Glarner macht seinem Vater keine Vorwürfe: «Er ist halt vor meiner Mutter geflüchtet.» Bis zu seinem Tod machten Glarner und sein Vater zweimal pro Jahr zusammen eine Schiffstour.Die Kindheit habe ihn gelehrt, selbständig zu werden, sagt Glarner. Er habe früh als Zeitungsbote gearbeitet und sich vorgenommen, erfolgreich zu werden. Das ist ihm gelungen.Millionär mit 45 JahrenGlarner hat eine Lehre als Lüftungsspengler abgeschlossen. Doch er besitzt das Naturell eines Verkäufers. Nach einer Weiterbildung in Betriebstechnik und -wirtschaft gründete er Mitte 1991 sein erstes Unternehmen, die Airproduct AG, die er 2006 verkaufte und so mit 45 Jahren zum Millionär wurde.Später baute er weitere Firmen auf und stieg in die kantonale Politik ein. Heute verkauft er dies und das, Wein, Olivenöl, die Küchenmaschine Thermomix. Als er kürzlich mit dem Auto eines der Geräte versehentlich überfuhr, nahmen mehrere Medien den Vorfall auf.Die Medienpräsenz von Glarner steht in keinem Verhältnis zu seinem politischen Einfluss. Beim Legiferieren, wo es um präzise Detailarbeit geht, hat er den Ruf, bissige Kommentare zu machen, aber kaum materielle Vorschläge einzubringen.Seinen grössten politischen Erfolg verortet er selbst in der Zeit der Lokalpolitik. Als Gemeindeammann habe er Oberwil-Lieli «zum Juwel vom Mutschellen gemacht», mit dem tiefsten Steuerfuss und den tiefsten Sozialkosten, dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen und Vermögen des Aargaus.Nach seinem Rücktritt wolle er unternehmerisch noch etwas bewegen und sich der Kreisschule Mutschellen widmen, wo er das Präsidium innehat. Auch wolle er mehr Freizeit mit seiner Partnerin und ihren Kindern verbringen. Dass man ausserhalb des Aargaus nichts mehr von ihm hören wird, daran glaubt heute noch kaum jemand.Passend zum Artikel
Andreas Glarner gibt Rücktritt bekannt: Rückblick auf eine kontroverse Karriere
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