Was ist das überhaupt, ein Punkt? In der Mathematik bloß eine gedankliche Winzigkeit, die keinen Platz für sich beanspruchen darf, eine Markierung ohne Ausdehnung, fast ein Nichts. Auf der Bildfläche aber kann der Punkt in Gestalt des mit Farbe gefüllten Kreises zum Zentralgestirn werden für ein ganzes Universum voller weiterer „Polka Dots“. So hat es die japanische Künstlerin Yayoi Kusama geschaffen.„Sun“, Sonne, hieß eines ihrer frühesten erhaltenen abstrakten Bilder, gemalt noch in ihrem Heimatland. Damals war Kusama Mitte zwanzig und hatte den Flug nach Amerika noch nicht gebucht, der sie aus der Sphäre ihrer konservativen Herkunft lösen und letztlich zu Weltruhm bringen sollte. Auf ein nicht besonders großes Blatt Papier setzte sie 1953 zentral ein feurig rotes Rund in eine azurblaue Fläche und umgab es mit einer Aureole gleichfalls roter, länglicher Flecken. Eine Eizelle vor der Befruchtung? Eine Umdeutung der Flagge Japans? Oder eine Supernova kurz vor der Explosion?Gegen den Willen der Eltern an die KunstschuleDer Punkt als universelles Symbol lässt zahllose Deutungen zu, und Kusamas spätere All-over-Kompositionen mit dann makellos rund und bunt gewordenen Punkten in gleichmäßiger Anordnung steigerten sie ins Unendliche. Mit ihnen gefüllte, optisch von Spiegeln erweiterte „Infinity Mirror Rooms“ schuf Kusama von Mitte der Sechzigerjahre an, als noch kein Mensch von „immersiven Erfahrungen“ sprach. Ihre Räume entgrenzter Wahrnehmung sind geradezu kosmisch beliebt beim Publikum, wie sich zuletzt wieder in der Kusama-Retrospektive im Kölner Ludwig Museum zeigte, in der Punkte wie Saugnäpfe gigantische Krakenarme zierten.„My Heart is Dancing into the Universe“ (Mein Herz tanzt ins Universum) heißt eine andere Anordnung, die 2018 mit Discokugelformen spielte. Ihr eigenes Äußeres hatte die Künstlerin längst entsprechend angepasst: Mit einem zu ihrem Markenzeichen gewordenen rot gefärbten Prinz-Eisenherz-Haarhelm und in Kleidern voller Punkte wirkte sie wie eine Astronautin auf dem Flug durch den eigenen endlosen Bildraum.Monströse Umarmung: Kusamas Installation „A Bouquet of Love I Saw in the Universe“ in Manchester 2023AFPDass das Punktemuster, wiewohl es auch an einen Geldregen erinnert und sich bestens etwa beim Aufhübschen von Luxushandtaschen für Louis Vuitton kommerzialisieren ließ, nicht bloß Dekoration oder Spielerei war, verlieh dem Schaffen Kusamas immer seine besondere Dringlichkeit. Geboren am 22. Mai 1929 in Matsumoto in ein extrem strenges Elternhaus und eine restriktive Gesellschaft, musste sie nach dem Kriegseintritt Japans als Kind in einer Fallschirmfabrik arbeiten. Ihre künstlerischen Neigungen wurden von der Mutter mit harter Hand niedergehalten und die Tochter gezwungen, dem Vater bei dessen erotischen Eskapaden nachzuspionieren. Kusama bekam Halluzinationen, die sie nie mehr loswerden sollte: Sie sah zahllose Punkte, die alles bedeckten, den Raum, die Gegenstände, auch sie selbst in einem endlosen Netz aus Flecken. So zeigt sie sich selbst in einem der wenigen erhaltenen Jugendwerke. Wie viel Kraft es sie gekostet haben mag, ihre Ausbildung an der traditionellen Kunstschule von Kyoto durchzusetzen, lässt sich nur erahnen.Für eine psychisch kranke, unverheiratete Frau standen die Chancen auf künstlerische Anerkennung trotz erster bescheidener Erfolge in der Heimat dennoch schlecht. Rettung kam von der anderen Seite des Pazifiks: Kusama hatte Kontakt mit der amerikanischen Malerin Georgia O’Keeffe aufgenommen und wurde von ihr ermutigt. Das war der Anstoß zum Umzug 1955 in die USA – und zum Bruch mit der eigenen Familie. Es war ein Befreiungsschlag sondergleichen, auch wenn der Anfang hart war. In den ersten New Yorker Jahren lebte Kuasama praktisch von der Hand in den Mund. Aber ihre Punktekunst fiel wie eine keimbereite Saat auf fruchtbaren Boden.Ihre Plastikkugeln spiegelten den Narzissmus im KunstbetriebDen Durchbruch brachte 1959 die Einzelausstellung, in der Kusama mannshohe, mit weißen Punkten bedeckte Gemälde mit „Infinity Webs“ zeigte, eines der zentralen Motive ihres Schaffens. Bildnerisch stets auf eigenem Terrain zwischen Kollegen wie Mark Rothko oder Jackson Pollock und in Nachbarschaft zu Andy Warhol ging die Japanerin kompromisslos ihren eigenen Weg: niemals den einer Epigonin, sondern den einer Pionierin. Mit der eigenen psychischen Erkrankung, wegen der sie sich in Amerika in ärztliche Behandlung begab, ging sie offen um. Auch das war bahnbrechend.Selbsttherapie und feministisches Statement: ein Aufnahme von Kusama 1965 in ihrer Installation „Phalli’s Field“ von 1965GettyBald überzog Kusama mit aus Stoff genähten und weich gefüllten phallusförmigen Objekten diverse Möbel und nannte das Ganze „psychosomatische Kunst“: Bei dieser persönlichen Konfrontationstherapie für ihre Penisphobie entstanden aufsehenerregend feministische Werke im Umfeld der frühen Pop-Art und nebenbei erstmals „Soft Sculptures“. Claes Oldenburg war mit Objekten dieser Art einen Tick später dran. 1965 füllte Kusama ihren ersten „Infinity Room“ mit rot gescheckten Soft-Phalli, die wie Pilze aus dem Boden zu wuchern schienen, und stellte sich selbst im roten Overall mitten hinein. Vollkontakt suchte sie bei Performances und Happenings, teils nackt, in denen sie Körper mit Punkten bemalte oder eine „Grand Orgie to Awaken the Dead“ inszenierte. Zur Venedig-Biennale 1966 lud sie sich einfach selbst ein, verteilte am Eingang für wenig Geld spiegelnde Plastikkugeln, die auf den Narzissmus im Kunstbusiness anspielten.Überlebensgroß: Kusama-Figur zu Marketingzwecken 2023 in ParisAFPSich selbst inszenieren und sich selbst transgressiv verlieren im eigenen Werk, das war bei Kusama immer eins. Die Grenze zwischen etablierter Kunst und der „Outsider Art“ sogenannter Geisteskranker überwand sie, als sie nach Japan zurückkehrte und 1977 auf eigenen Wunsch in eine psychiatrische Klinik zog, von der aus sie fortan schaffen würde. Kunst als Therapie, ja, vor allem aber: einfach Kunst. Nach ein paar Jahren vergleichsweise Stille um sie folgte das Comeback als globaler Megastar, vertreten von den Megagaleristen Larry Gagosian und David Zwirner: mit ihren Kürbisskulpturen, großen internationalen Werkschauen, der offiziellen Teilnahme an der Biennale di Venezia, einem eigenen Museum in Tokio, immer weiter kletternden Auktions- und Verkaufspreisen wurden die psychedelisch wirkenden Visionen Kusamas vom endlosen Punktegeflecht über der Welt erstaunlich wahr.Das Netzwerkdenken der Internetära verwebte sich ebenso nahtlos mit ihm wie die Turbokapitalisierung des Kunstmarkts. Dass mit Letzterer der Verlust der Provokation und eine zunehmende Verkitschung von Kusamas ubiquitärer Kunst mit größtem Wiedererkennungswert einherging – geschenkt. Sie malte einfach immer weiter an ihrem Bild der Alleinheit im Zeichen des Punktes. Als letzte wahre Pop-Artistin von überwältigender Popularität ist sie, wie erst jetzt von ihrem Atelier und ihrem Museum bekannt gegeben wurde, am 14. August im Alter von 97 Jahren in Tokio gestorben.
Schöpferin des Punkteuniversums: Zum Tod von Yayoi Kusama
„Polka Dots“ waren die Sterne ihres Universums. Mit den „Infinity Mirror Rooms“ und bemalten Kürbisfiguren wurde sie berühmt. Jetzt ist die japanische Künstlerin Yayoi Kusama in Tokio gestorben.











