Yayoi Kusama in «Yellow Tree / Living Room» während der Aichi-Triennale, 2010. Getty Images © Yayoi Kusama. Courtesy Ota Fine Arts and David Zwirneres Yayoi Kusama ist gestorben. Ihre bunten, gepunkteten Werke werden der Kunst-, aber auch der Modewelt fehlen.Wenn es am schönsten ist, soll man gehen, lautet eine alte Weisheit. Ob das Leben für Yayoi Kusama gerade am schönsten war, hätte nur sie beantworten können. Was sicher ist: Die am 16. August 2026 mit 97 Jahren verstorbene japanische Künstlerin war auf dem Zenit ihres Erfolges. Heute wurde auf ihrer Website ihr Tod verkündet. Die erste Retrospektive in der Fondation Beyeler 2025 war ausverkauft, im Stedelijk-Museum Amsterdam eröffnet die Schau am 9. September – nun post mortem.Die typischen PunkteUnverkennbar Yayoi Kusama: die Punkte, welche ein Eigenleben zu führen scheinen, sie flirren über Leinwände und die ebenfalls ikonischen Kürbisskulpturen, an den Wänden der begehbaren Raumskulpturen, die ihr Spätwerk prägten. Die «Polka Dots» und Netzstrukturen, genannt «Infinity Nets», basieren auf Halluzinationen aus ihrer Kindheit. Für sie symbolisieren die Punkte das Universum, in dem sich das Individuum auflöst. Kusama nutzte die Kunst als Überlebensstrategie, um ihre psychischen Zwänge und Depressionen zu überwinden. 1977 zog sie sich in eine psychiatrische Einrichtung im Tokioter Stadtteil Shinjuku zurück. Dort richtete sie sich ein Studio ein, in dem sie bis zu ihrem Tod arbeitete.Pop-Art erobert die ModeweltAls Künstlerin war die 1929 in Matsumoto geborene Kusama ab den 1960er Jahren früh bekannt. Dem modischen Publikum wurden ihre Kreationen mit den für sie typischen Punkten vom Luxuslabel Louis Vuitton nahegelegt, 2012 lancierten sie, damals unter der kreativen Leitung von Marc Jacobs, gemeinsam eine Kollektion. Kusamas Punkte eroberten LV-Taschen, -Schuhe und -Accessoires im unbeschwerten Pop-Art-Stil der 2010er Jahre. Unter Nicolas Ghesquière, seit 2013 Kreativdirektor, folgte die zweite Kollektion. Neben den klassischen bunten Punkten wurden Kürbisse, Gesichter und psychedelische Blumen auf Leder und Canvas geprägt. Mittels moderner Siebdruckverfahren wurde die Optik der Pinselstriche der Künstlerin imitiert. Weltweit wurden LV-Flagshipstores im Kusama-Style transformiert.Kunst – und ModeSchon als Kind wollte Kusama malen, zeichnen, erschaffen, inspiriert von der Natur, welche sie umgab: Sie wuchs auf einer Baumschule auf. Kusamas Kindheit war hart. Die konservativen Eltern waren mit einer Künstlerin als Tochter nicht einverstanden. Doch Kusama studierte Kunst, gegen alle Widerstände. Auch der Zweite Weltkrieg prägte ihre Jugend: Als 15-Jährige musste sie in einer Fallschirmfabrik nähen. Manche Quellen sehen diese Tätigkeit als Ausgangspunkt für ihr Interesse an Textilien, das sich vor allem in ihren Stoffkskulpturen zeigt. Lange vor den High-Fashion-Kooperationen gründete Kusama 1969 in New York ihr eigenes Modelabel: Kusama Fashion. Sie eröffnete eine eigene Boutique und verkaufte dort und in Luxuskaufhäusern unkonventionelle Kleidung mit Löchern und – natürlich – Punkten.Auch ihre Performances, mit denen sie in den sechziger Jahren bekannt wurde, hatten oft einen Bezug zum Körper, spielten mit einem surrealen Bild von Kleidung und Körperlichkeiten, nutzten das Spiel mit Mode und Körpern auch als politischen Protest gegen die grossen Themen der Zeit: das Establishment, die Prüderie, den Vietnamkrieg: Sie bemalte die Körper von Teilnehmern bei öffentlichen Performances mit Punkten. Später hatte sie keinerlei Berührungsängste mit der Kommerzialisierung ihrer Kunst mehr; auch wenn sie die Partner sorgfältig wählte. Auch sich selbst inszenierte sie modisch, sie kreierte ihren unverkennbaren Look: Kleider mit Punkten, eine rote Perücke.Die Punkte werden in den beiden Welten ihr Vermächtnis bleiben; wer unregelmässige Polkadots sieht, wird an Yayoi Kusama denken. Kunst zum Fühlen und Erleben: Yayoi Kusama in ihrer Installation «Narcissus Garden» an den 33. Biennale in Venedig, 1966. Ihre Installationen sorgten weltweit für Faszination und Spass. Courtesy of Ota Fine Arts and David Zwirner. © YAYOI KUSAMA Zu Beginn ihrer Karriere machte Yayoi Kusama viel Performance Art und bepunktete Menschen auf ihrer nackten Haut. Wie auf diesem Bild, der junge Künstlerin, 1967. Suhaimi Abdullah/Getty Images Noch mehr Punkte und nackte Körper in New York. Yayoi Kusama inszeniert mit «Anatomic Explosion» Menschen auf der auf der Brooklyn Bridge, 1968. Getty Research Institute, Los Angeles. Gift of the Roy Lichtenstein Foundation in Memory of Harry Shunk and Janos Kender. Photo: Shunk-Kender © J. Paul Getty Trust Yayoi Kusama posiert in «Untitled (Dress)» in ihrem New Yorker Studio, 1971. Sie lebte und arbeitete von 1958 bis 1972 im Big Apple. Photo: Tom Haar. © YAYOI KUSAMA Yayoi Kusama noch vor der Zeit der knallroten Perücke. Sie trug ihr Haar lang und komplettierte ihren Look meist mit einem Hut. 2001 bei einer Ausstellung in Paris. Alain Nogues/Sygma/Sygma via Getty Images Patrick Riviere/Getty Images Zum Mitmachen animiert: Ob zum Schuhe ausziehen oder den Raum partizipativ mit Punkten zu bekleben, Yayoi Kusama verstand es ihr Publikum einzubinden. Hier an der «Balloons And Spots» Ausstellung 2002 in der Roslyn Oxley9 Gallery. Wo es sich der ehemalige Direktor Edmund George Capon nicht nehmen liess mit zweifarbigen Socken die Ausstellung zu eröffnen und so mit Kusamas Kunst visuell zu verschmelzen. Einen unverwechselbaren Stil: Yayoi Kusama pflegte einen Stil mit viel Wiedererkennungswert. Gerne waren ihre Kleider gepunktet und ihre Accessoires prägnant. Getty Images Ungewohnt blass wirkte die Retrospective im The Whitney Museum of American Art, 2012. Doch die Punkte durften nicht fehlen, für einmal waren sie dreidimensional und weiss. J. Countess/Getty Images Yayoi Kusama wusste sich mit einem Zwinkern selbst zu Kunst zu inszenieren. Für Louis Vuitton wurde sie mehrfach und in unterschiedlichen Grössenverhältnissen Teil ihrer Kunstwerke. Hier als Wachsfigur im Laden von Louis Vuitton an der Fifth Avenue New York, 2012. Getty Images Die limitierte Louis Vuitton Yayoi Kusama Kollektion kam natürlich nicht ohne die Punkte aus, 2012. Fairchild Archive/Penske Media via Getty Images Yayoi Kusama an ihrer «I Who Have Arrived In Heaven» Ausstellung in New York City, 2013. Getty Images Der gepunktete Kürbis ist eines der bekanntesten Werke von Yayoi Kusama und gehört zu den meistfotografierten Objekten auf der Kunstinsel Naoshima in Japan. Doch die Kürbisse sind in verschiedenen Städten immer wieder anzutreffen ... Getty Images ... wie im Botanischen Garten in New York, wo die «Dancing Pumpkin»-Skulptur zu sehen ist. Roy Rochlin/Getty Images Wieder für Louis Vuitton, doch diesmal nicht im Schaufenster sondern übergross vor dem Laden in der Nähe der Pont Neuf. Die Figur von Yayoi Kusama zeigt wie die Künstlerin das Gebäude bemalt – natürlich mit Punkten. Chesnot/Getty Images Nicht nur verspiegelte Räume mochte die Künstlerin, auch in anderen Formen arbeite sie gerne mit Spiegeln, wie hier an der Fassade von Louis Vuitton. 2023 in Paris. Photo by Edward Berthelot/Getty Images Auch an den Fashion Weeks zugange, eine Louis Vuitton Speedy mit Kürbissen von Yayoi Kusama. Gesehen auf den Strassen von Kopenhagen während den Modewochen 2024. Getty Images Yayoi Kusama gestaltet Räume, die zu optischen Täuschungen wurden oder wo man vergass wo oben und unten war. Wie in diesem verspiegelten Raum, wo selbst der polierte Stahlboden das Licht reflektiert. «Illusion Inside the Heart», 2025. © YAYOI KUSAMA Yayoi Kusama soll bis zu ihrem Tod an ihrer Kunst und neuen Projekten gearbeitet haben. Hier arbeitet sie an «My Eternal Soul» (2009–21), 2014. Courtesy of Ota Fine Arts and David Zwirner. © YAYOI KUSAMA Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
Punkte für die Ewigkeit: Yayoi Kusamas Einfluss auf Kunst und Mode in Bildern
Yayoi Kusama ist mit 97 Jahren gestorben – auf dem Zenit ihres Erfolgs. Wir zeigen ihr Vermächtnis in Kunst und Mode in Bildern: Punkte für die Ewigkeit.










