Die Kunst war für sie lebensrettend. Jetzt ist Yayoi Kusama, die Königin der Punkte, im Alter von 97 Jahren gestorben.Mit ihren riesigen Kürbissen und Polka-Dots wurde die japanische Starkünstlerin weltberühmt. Ihr fröhlich-farbiges Werk war allerdings geprägt von lebenslangen Ängsten und Zwängen.Kerstin Stremmel, Philipp Meier27.08.2026, 11.11 Uhr4 LeseminutenEin langes Leben, ein halluzinierender künstlerischer Werdegang: Yayoi Kusama 2016 in Hongkong.ImagoDie Punkte sind überall. Ihre gepunktete Kunst flutet zur Zeit gerade Europa. Die letzte Station von Yayoi Kusamas grosser Retrospektive-Tour, die im letzten Herbst ihren fulminanten Auftakt in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel beging, ist das Rijksmuseum in Amsterdam. Dort eröffnet die Polka-Dot-Show der berühmtesten Künstlerin Japans am 11. September ihre Tore. Nun allerdings als Abschiedsausstellung. Yayoi Kusama soll bereits am 14. August im Alter von 97 Jahren gestorben sein, wie auf ihrer offiziellen Website erst jetzt mitgeteilt wurde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein langes Leben, ein halluzinierender künstlerischer Werdegang: Ende der fünfziger Jahre verliess die damals 27-jährige Japanerin ihre Heimat. Sie erschien ihr als zu klein, als zu feudalistisch, als zu servil und als zu frauenverachtend. Kusama ging nach New York, dem damaligen Zentrum des globalen Kunstgeschehens. Zuvor hatte sie Kontakt zur grossen US-amerikanischen Malerin Georgia O'Keeffe aufgenommen. Deren Bilder hatte sie in einem Kunstbuch entdeckt. Zusammen mit einem Brief schickte Kusama dieser einige ihrer Aquarelle. Der Kontakt hielt über viele Jahre.Nach ihrem Kunststudium in Kyoto war Yayoi Kusama zunächst vor allem mit Zeichnungen aufgefallen. In Amerika arbeitete sie rasch in anderen Formaten, bedeckte Riesenleinwände mit gleichförmigen Netzmustern. In ihren «Infinity Nets», Bilder ohne Zentrum, findet der Blick keinen Halt. In den sechziger und siebziger Jahren begann die Künstlerin, mit textilen Ausstülpungen, sogenannten «Soft Sculptures», zu experimentieren. Sie überzog Gegenstände oder ganze Möbelstücke mit Stoffwülsten. Ihr Werk «Couch Accumulation», ein mit phallischen Formen gespicktes Sofa, stellte sie 1962 zusammen mit Arbeiten von Andy Warhol und Claes Oldenburg in einer der ersten Pop-Art-Ausstellungen in der Green Gallery aus.Berühmter als WarholDer Erfolg kam rasch. Im Jahr 1968, sagte Kusama einmal, sei sie in New York berühmter gewesen als Andy Warhol. Ohne sich je einer Kunstrichtung zurechnen zu lassen, inszenierte Kusama in den folgenden Jahren Happenings, darunter Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, Performances und Bodypainting, bei denen die nackten Körper ihrer Hippie-Freunde mit Punkten bedeckt wurden. Auch sich selbst inszenierte Kusama stets wirkungsvoll. Den eigenen nackten Körper hatte sie wiederholt mit ganzen Mustern von Tupfern überzogen. Die Körper begannen sich solcherweise im Pixelraster aufzulösen. Polka-Dots, wie diese Tupfen auf Englisch heissen, wurden zu Kusamas Stilmittel. Sie selber wurde die Polka-Dot-Queen, Prinzessin der Punkte, genannt.Yayoi Kusama posiert im Happening «Horse Play» 1967 in Woodstock, New York.AP / Yayoi Kusama StudioMit diesem geradezu obsessiv wirkenden Gestaltungswillen und der strukturellen Klarheit ihrer Arbeiten wurde Kusama zu einer der populärsten Künstlerinnen nicht nur Japans, sondern der internationalen Szene. Ihr Heimatland vertrat sie 1993 auf der Biennale in Venedig mit einem «Mirror Room (Pumpkin)».Das darin auftauchende Motiv, ein Kürbis, hatte Kusama sozusagen zu ihrem Markenzeichen gemacht. Das bezeugen zahlreiche Arbeiten im öffentlichen Raum, so etwa der begehbare gelbe Riesenkürbis mit schwarzen Punkten, der die Kunsttouristen auf der japanischen Insel Naoshima begrüsst.Bekannt wurde Yayoi Kusama nicht nur als Grenzgängerin zwischen den Medien sowie zwischen Ost und West, sondern auch zwischen Kunst und Design. Im Jahr 2012 entwarf die damals 83-jährige Künstlerin für Louis Vuitton eine legendäre Kollektion: Lederwaren und Kleidung, Schmuck und Uhren waren mit ihren Polka Dots übersät.Halluzinationen von Punkten als KindSeit 1977 lebte Kusama auf eigenen Wunsch in einer Nervenheilanstalt in Tokio. Durch ihren lebenserhaltenden Schaffensfuror fand sie einen Weg, ihre Halluzinationen und Visionen zur Grundlage ihrer Kunst zu machen. Ihre Obsessionen mit Sexualität und die Neigung zu zwanghafter Wiederholung, die ihr faszinierendes Werk prägen, verfolgten sie seit ihrer Kindheit. Ihre Mutter soll sie dazu angestiftet haben, ihren Vater bei seinen Affären mit anderen Frauen auszuspionieren. Das beschrieb sie in ihrer 2011 erschienenen Autobiografie.Yayoi Kusama wurde 1929 in eine alteingesessene Familie geboren und wuchs auf dem Land auf. Ihre Eltern betrieben eine Samengärtnerei. «Ich verbrachte jeden Tag versteckt unter einem Tisch in der Ecke unseres dunklen und überfüllten Ladens und bastelte Papierschachteln für die Samen», erinnerte sie sich später an ihre Kindheit.Als Kind sei Kusama von Punkte- und Muster-Halluzinationen heimgesucht worden. Zu ihren Penisskulpturen meinte sie einmal: «Allein die Vorstellung, dass ein Phallus in mich eindringen könnte, ist grauenvoll. Deswegen stelle ich so viele Penisse her (. . .), so viele, bis ich von ihrer Expressivität begraben werde. Das nenne ich Auslöschung.» Kusamas Zwang, die reale Welt mit Punkten zu überziehen und solcherweise zu pulverisieren, ist von ihrer «Philosophie der Selbstauslöschung» geprägt.«Für gewöhnlich sprechen Künstler nicht über ihre Komplexe, ich aber mache meine Komplexe und Ängste zum Gegenstand meiner künstlerischen Arbeit», schrieb sie einmal. Kusama hat ihre Ängste zur Kunst gemacht. In einem ihrer Gedichte formulierte sie ihren Wunsch: «Ich hoffe, am Ende meines Lebens schöne Spuren zu hinterlassen». Das ist ihr mit ihrer manischen und zugleich poetisch-suggestiven Wiederholungskunst gelungen.Bekannt wurde Yayoi Kusama nicht nur als Grenzgängerin zwischen den Medien sowie zwischen Ost und West, sondern auch zwischen Kunst und Design. Bild: 2018.ImagoPassend zum Artikel