Pro ArtikelEin Funke, der schnell verglüht ist: Der 11. September 2001 hat die Kluft zwischen Russland und den USA vertieftNach dem 11. September 2001 bestand kurzzeitig die Hoffnung auf eine neue Ordnung, in der Russland und Amerika gemeinsam gegen den internationalen Terrorismus vorgehen. Das erwies sich als Illusion und wirkte als Katalysator für das tiefste Zerwürfnis seit 1989.27.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenWladimir Putin und George W. Bush schütteln sich im Weissen Haus die Hände. Beide Männer glaubten im November 2001 noch an eine gemeinsame Zukunft ihrer Länder.Mark Wilson / GettyDas Telegramm aus Moskau kam am Mittag des 11. September 2001 amerikanischer Ortszeit und erschien wie ein Lichtblick an diesem düsteren Tag. Russlands Präsident Wladimir Putin war der erste ausländische Staatschef, der den damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush telefonisch erreichen wollte. Als er tags darauf durchkam, erklärte er Bush seine Solidarität im Kampf gegen den internationalen Terrorismus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Welt war überrascht. Würde der grösste Angriff auf die USA seit Pearl Harbor schaffen, was seit 1989 nicht gelungen war, nämlich Russland und Amerika zusammenzubringen? Sollte das der Anfang einer neuen Weltordnung sein, ausgerichtet auf ein gemeinsames Ziel: die Bekämpfung des internationalen Terrorismus?Die Hauptakteure selbst erinnerten an den gemeinsamen sowjetisch-amerikanischen Kampf gegen Hitler im Zweiten Weltkrieg. Diesmal waren al-Kaida, die Taliban und die verstreuten Ableger der Islamisten der gemeinsame Feind. Putin sah sich im Nordkaukasus bereits im Kampf gegen diesen Feind. Der zweite Tschetschenienkrieg ab 1999 war im Westen auf viel Kritik gestossen. Nun hoffte der noch junge Kremlchef auf mehr Verständnis dafür.Ein unerwarteter Schritt PutinsDass sich die Europäer und die Nato zunächst unmissverständlich auf die Seite Amerikas stellten, war nur natürlich. Putins Schritt dagegen kam unerwartet.Die Hoffnungen in Russland und im Westen auf ein völlig neues Verhältnis nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hatten sich nicht erfüllt. Vieles, was sich manche auf beiden Seiten erträumten, blieb Illusion. Der Westen sah sich als Sieger im Kalten Krieg. Die aus der sowjetischen Umklammerung befreiten ostmitteleuropäischen Staaten und die unabhängig gewordenen ehemaligen Sowjetrepubliken wollten ihren eigenen Weg gehen und blickten westwärts, nicht ostwärts.25 Jahre 9/11Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben Amerika und die Welt verändert. Wie prägen sie Geopolitik und Weltwirtschaft noch heute?Alle Artikel dieser Serie anzeigenRussland wollte weiterhin Grossmacht sein und auf dem neu geordneten Kontinent Einfluss ausüben können. Je klarer wurde, dass das nicht gelingen würde, desto mehr trauerten Russlands Politiker und die Gesellschaft der vergangenen Grösse nach.Gleichzeitig versuchten die USA unter der neu an die Macht gekommenen neokonservativen Führung alte Fesseln zu lösen. Sie stellten unter anderem den Vertrag über das Verbot von Raketenabwehrsystemen (ABM-Vertrag) von 1972 infrage und beunruhigten damit den Kreml.Russland lässt die USA nach ZentralasienDie erste Begegnung Bushs und Putins im Sommer 2001 in Slowenien war zwar positiv verlaufen. Aber nach einer Umarmung der beiden Mächte hatte es nicht ausgesehen. Nach den Anschlägen des 11. September machte Putin plötzlich das Undenkbare möglich: Er bot unter anderem Überflugrechte für militärische Versorgungsflüge und den Austausch geheimdienstlicher Erkenntnisse an und gab sein Einverständnis dafür, dass die USA in Zentralasien Militärbasen für den Kampf gegen die Taliban in Afghanistan nutzen durften.Das war ein geopolitisch überaus bemerkenswertes Entgegenkommen: Zentralasien, vom britischen Geografen Halford Mackinder Anfang des 20. Jahrhunderts als «Herzland» und «Angelpunkt» für die Beherrschung Eurasiens bezeichnet, beansprucht Russland als Teil seines Einflussgebiets.Putin hatte gute Gründe für seinen scheinbaren Sinneswandel. Er nutzte die Gunst der Stunde und dürfte vor allem zwei Hoffnungen damit verbunden haben: Er sah die Gelegenheit dazu, den Tschetschenienkrieg als Teil des Kampfs gegen den internationalen Terrorismus darzustellen, und suchte damit im Westen nach Anerkennung und Akzeptanz für sein Vorgehen. Zugleich spekulierte er darauf, dank diesem gemeinsamen Kampf endlich mit den USA auf Augenhöhe zu stehen und entsprechend behandelt zu werden – von Grossmacht zu Grossmacht.Sein grosszügiges Angebot stiess allerdings in der russischen Generalität, in der Politik und in der Gesellschaft auf Widerstand. Die Anschläge vom 11. September hatten zwar auch die Russen schockiert. Aber von Sympathie für die Amerikaner konnte deswegen trotzdem nicht die Rede sein. Das Misstrauen blieb gross. Putin hatte in den Augen vieler Zugeständnisse ohne feste Gegenleistungen gemacht. Schon bald sollten sie sich in ihrem Argwohn bestätigt fühlen.Bush hat Putin auch auf seine Ranch eingeladen.Greg Mathieson / The Chronicle Collection / GettyUnterschiedliche Vorstellungen untergraben GemeinsamesIm Grunde beruhten Putins Hoffnung und die kurze Euphorie weltpolitischer Beobachter auf einem beidseitigen Missverständnis. Amerika nahm jede Unterstützung gerne an, aber empfand sie angesichts der gigantischen Ausmasse der Katastrophe auch als eine Selbstverständlichkeit. Russische Empfindlichkeiten und Erwartungen auszuloten, schien der Situation unangemessen. Die USA sahen es als für Russland und sie selbst gleichermassen nützlich an, die Terrornester in Afghanistan zu tilgen und damit Russlands Nachbarschaft von der islamistischen Gefahr zu befreien.Zugleich verstanden Bush und Putin nicht dasselbe unter Terrorismus und dem Kampf dagegen. Beide empfanden al-Kaida und die Taliban als ihre Gegner. Aber die palästinensische Hamas, der libanesische Hizbullah und die nahöstlichen Rivalen Irak und Iran waren für Russland keine Terroristen und keine Unruhestifter. Indem Putin den tschetschenischen Widerstand pauschal dem internationalen Terrorismus zuordnete, lenkte er auch von den eigenen Versäumnissen im Nordkaukasus ab.Unter diesen Umständen erfüllten sich die Erwartungen nicht. Russland empfand mangelnde Wertschätzung für das aus seiner Sicht weitgehende Entgegenkommen. Amerikas Blick auf den Nachfolgestaat der Sowjetunion änderte sich nicht wesentlich. Das zeigten die darauffolgenden Monate und Jahre, und es bestätigte die Ahnungen der russischen Skeptiker. Schon im Dezember 2001 kündigte Washington den ABM-Vertrag. Die Nato-Osterweiterung setzte sich planmässig fort. Als Amerika auf den Irakkrieg zusteuerte, schien die Frontenbildung wieder so fest zu sein wie vor dem 11. September 2001.Dass der Westen und Russland unterschiedliche Interessen verfolgten, verdeutlichte sich in der Folge immer mehr. Russland warf besonders Amerika vor, ihm genehme Machthaber stürzen zu wollen – in Serbien, Georgien, der Ukraine. Eine Illusion war es umgekehrt, zu erwarten, Putin werde der Rechtsstaatlichkeit sowie Freiheits- und Menschenrechten in Russland mehr Gewicht beimessen. Die Enttäuschung über die unerfüllten Erwartungen wurde, so scheint es im Rückblick, gar noch zum Katalysator für die Vertiefung der Kluft.Wladimir Putins berühmt-berüchtigte Rede vor der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2007 bezog sich nicht zuletzt auch auf Entwicklungen, die die Missverständnisse und Trugschlüsse von 2001 ausgelöst hatten. 9/11 strahlte noch weiter in die Zukunft aus: Auch das Zerwürfnis von 2014 über den Maidan in Kiew, die Krim-Annexion, die Aufwiegelung im Donbass und der Bruch von 2022 mit Putins Grossangriff auf die Ukraine waren 2001 bereits angelegt. Putin stellte sich Europas Sicherheit anders vor als die USA, und deren unbeirrtes Festhalten an der Erweiterung der Nato und dem Ausbau der Raketenabwehr bestärkte ihn in seinen Aufrüstungsprojekten.Nicht nur eine Reaktion auf den WestenPutins Schulterschluss vom September 2001 mit Bush war ein Funke, der schnell verglühte. Die beiderseitigen Träume von gemeinsamen Zielen und der Überwindung von Gegensätzen erwiesen sich schnell als Illusion. Die Vorstellungen und Interessenlagen im Westen und im Osten waren zu unterschiedlich. Westliche Reflexionen über das Verhältnis zwischen Amerika, Russland und Europa neigen dazu, Russlands Politik seither als Reaktion auf westliche Entscheidungen zu sehen: als hätten die Präsidenten Jelzin und Putin immer nur auf den Westen geantwortet und keine eigene politische Linie verfolgt. Das ist verkürzt.Auf beiden Seiten wurden Fehler gemacht. Für eine Konfrontation braucht es immer mindestens zwei. Aber der Glaube, die Träume seien deckungsgleich, übertünchte die kompliziertere Realität. Nach allem, was seither geschehen ist, gilt das erst recht auch für die neuen, diesmal vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump angestossenen Versuche, mit Russland gemeinsame Nenner zu suchen und sich zusammenzutun.Der Weg zum Ukraine-Krieg und der Ukraine-Krieg selbst führen die ganz unterschiedlichen Vorstellungen von europäischer Sicherheit vor Augen. Für Europa muss zwar die friedliche Koexistenz mit Russland das Ziel sein. Eine gemeinsame russisch-europäische Sicherheitspolitik wird es aber mit einem Russland, das seinen Grossmachtanspruch notfalls auch mit Gewalt durchzusetzen bereit ist, nicht geben. Wie vor 25 Jahren drohen Trump und Putin daran zu scheitern, dass sie die Erwartungen des jeweils anderen nicht erfüllen können.Passend zum Artikel