Pro ArtikelEin Jahr nach Trumps Gipfel mit Putin: Der «Geist von Anchorage» ist verflogen, die Ukraine hat sich dem Kartell der Grossen widersetztBis heute bleibt ein Geheimnis, worauf sich Russland und die USA in Alaska genau verständigt haben. Klar scheint aber, dass das Kalkül beider Seiten nicht vollständig aufging. Der Versuch, den Ukrainern eine Friedenslösung aufzuzwingen, ist gescheitert.15.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEine «phantastische Beziehung»: Donald Trump empfängt Wladimir Putin auf der amerikanischen Militärbasis Elmendorf in Alaska auf dem roten Teppich, um über die Ukraine zu verhandeln.Getty Images North AmericaAls der russische Präsident Wladimir Putin am 15. August 2025 auf der Luftwaffenbasis Elmendorf in Alaska landete, hatte er eines seiner wichtigsten Ziele bereits erreicht – noch vor Beginn der Verhandlungen mit seinem amerikanischen Amtskollegen Donald Trump. Das Gipfeltreffen krönte seine Bemühungen, aus der diplomatischen Isolation auszubrechen und die Spaltung des Westens in der Ukraine-Frage zu vertiefen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Trump empfing Putin auf dem Militärstützpunkt bei Anchorage mit allen Ehren und sah damit über die monströsen russischen Kriegsverbrechen gegen die Ukraine hinweg. Die Bilder mit den beiden lachenden Präsidenten auf dem roten Teppich gingen um die Welt. Nicht nur in der Ukraine, sondern in Europa insgesamt herrschte dagegen die Befürchtung, dass in Alaska eine Vereinbarung zulasten der Ukrainer und europäischer Sicherheitsinteressen beschlossen werden könnte.Putin bleibt hart, Trump gibt nachEin Jahr später ist klar, dass «Anchorage» keine entscheidende Zäsur war. Aber die Bewertung des damaligen Geschehens bleibt schwierig, weil sich die Beteiligten über ihre Verhandlungen hinter verschlossenen Türen nur schmallippig und zum Teil widersprüchlich geäussert haben.Die Pressekonferenz Putins und Trumps machte schnell deutlich, dass ein Durchbruch in Richtung Frieden ausgeblieben war. Der amerikanische Gastgeber räumte dies offen ein. Auch wenn er seine «phantastische Beziehung mit Wladimir» lobte und von grossem Fortschritt sprach, blieb die amerikanische Forderung nach einem Waffenstillstand unerfüllt. Auch die Tatsache, dass das Treffen weniger als drei Stunden gedauert hatte, wies auf einen Misserfolg hin. Später erzählte eine anonyme Quelle der «Financial Times», dass Putin Trump mit langfädigen Exkursen über die historische Einheit von Russen und Ukrainern genervt habe.Angesichts der fehlenden greifbaren Resultate hätte man den Gipfel als bedeutungslos abtun können, wie viele andere diplomatische Treffen. Doch die Geschichte war damit nicht zu Ende, im Gegenteil: Der Gipfel entfaltete in den folgenden Tagen und Wochen eine überraschende Nachwirkung.Es begann damit, dass Trump bereits auf dem Heimflug nach Washington eine Kurskorrektur bekanntgab: Hatte er vor dem Gipfel den Russen noch mit «ernsten Konsequenzen» gedroht, sollten sie eine Waffenruhe verweigern, stellte er die geplanten Wirtschaftssanktionen nun als unnötig hin. Tags darauf zündete er die nächste Bombe: Per Kurznachricht teilte er mit, dass er nicht länger eine Waffenstillstandsvereinbarung für die Ukraine anstrebe. Der beste Weg sei, direkt ein Friedensabkommen auszuhandeln.In der Realität hiess dies, nicht mehr auf ein sofortiges Ende des Tötens zu pochen, sondern sich auf einen langwierigen diplomatischen Prozess einzulassen. Trump erfüllte damit eine alte Forderung Moskaus. Diese spiegelte das russische Interesse, die Bodenoffensiven im Donbass und Luftangriffe auf Städte wie Kiew fortsetzen zu können – unbehindert durch Verhandlungen.Die Ukraine kommt unter DruckEin Durchbruch war in Anchorage sehr wohl erfolgt, nur nicht im Sinne der ursprünglichen amerikanischen Forderungen. Putin konnte gleich doppelt triumphieren. Washington versuchte die Sache schönzufärben, so gut es ging. Trump schwadronierte über einen baldigen Frieden. Einer der wenigen Zeugen der Gipfelgespräche, der amerikanische Unterhändler Steve Witkoff, schilderte das Geschehen einen weiteren Tag später am Fernsehen geradezu euphorisch: Etwas Bahnbrechendes («game-changing») sei vereinbart worden. Die Russen hätten sich damit einverstanden erklärt, dass die Ukraine von den USA Sicherheitsgarantien im Stile des Nato-Vertrags erhalten könne.Obwohl sich diese Darstellung – wie so viele Äusserungen Witkoffs – später als falsch herausstellte, löste sie zusätzliche Dynamik aus. Plötzlich schien es, als habe auch Putin ein wichtiges Zugeständnis gemacht. Die Last lag nun auf der Ukraine, ihrerseits Konzessionen zu machen.«Präsident Selenski kann den Krieg fast sofort beenden, wenn er will», schrieb Trump. Das klang, als trüge nicht Moskau, sondern Kiew die Verantwortung für das anhaltende Blutvergiessen. Als Selenski drei Tage nach dem Gipfeltreffen in Washington eintraf, musste er deshalb mit starkem amerikanischem Druck rechnen, eine Art Kapitulationsfrieden zu akzeptieren. Eilends machten sich auch sieben europäische Spitzenpolitiker auf den Weg, um Selenski im Weissen Haus beizustehen. Die Taktik ging auf, Entscheidungen blieben vorerst aus.«Kein Diktator in Alaska»: Demonstranten protestieren in Anchorage gegen den Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin und zeigen ihre Solidarität mit der Ukraine.Nathaniel Wilder / ReutersErst drei Monate später lichtete sich der Nebel etwas: In Anchorage hatten die USA und Russland offensichtlich über die Grundzüge eines künftigen Friedensabkommens gesprochen. Die Beratungen mündeten in einen konkreten Plan aus 28 Punkten, der am 20. November durchsickerte. Er sah ein Kriegsende unter einer Reihe von Bedingungen vor, von denen der kampflose Rückzug aus dem Donbass für die Ukraine die schmerzhafteste war. Kiew lehnte ab.Monatelange Verhandlungen unter amerikanischer Vermittlung und mehrere Anpassungen des Friedensplans blieben fruchtlos. Seit der letzten, im Februar in Genf abgehaltenen Verhandlungsrunde steckt Trumps diplomatische Initiative in der Sackgasse, zur grossen Verärgerung Russlands. Diese richtet sich einerseits gegen die Europäer, die aus russischer Sicht mit ihrem proukrainischen Kurs den Friedensprozess unterminiert haben. Anderseits ist man in Moskau von Trump enttäuscht.Russland sieht Trump als wortbrüchigVertreter des Putin-Regimes beschworen seit dem vergangenen Herbst wiederholt den «Geist von Anchorage». Sie erinnerten die Trump-Regierung daran, dass man in Alaska doch gewisse «Übereinkünfte» erzielt habe. Worin diese bestanden, hat der Kreml jedoch nie offengelegt. Ziemlich sicher gab es nichts Schriftliches, aber dafür eine Kombination von Erwartungen: Trump würde keinen sofortigen Waffenstillstand mehr einfordern und Selenski zu einem Kompromiss zwingen.«Wir waren uns sicher, dass die Sache erledigt war und Trumps Initiative wie angekündigt umgesetzt würde» – so drückte der russische Aussenminister Sergei Lawrow im März seine Frustration aus. Im Juli äusserte er sich noch schärfer. Er stellte Trump als gescheiterten Vermittler dar, der den Mund zu voll genommen habe. Anders als versprochen, habe es der amerikanische Präsident nicht geschafft, Selenski zur Annahme der in Anchorage vereinbarten Vorschläge zu bringen.Lawrow war wütend, weil sein amerikanischer Amtskollege Marco Rubio kurz zuvor die Anchorage-Vorschläge für gescheitert erklärt hatte. Diese seien für die Ukrainer schon damals inakzeptabel gewesen und heute wohl erst recht, sagte Rubio. Um Frieden zu erreichen, brauche es «neue Ideen».Der «Geist von Anchorage», von dem ohnehin stets nur die russische Seite gesprochen hatte, ist damit endgültig verflogen. Für den Kreml bedeutet dies einen Rückschlag, aber keine Katastrophe. Das amerikanische Desinteresse, die Ukraine weiter zu territorialen Konzessionen zu drängen, bedeutet nicht, dass Washington auf einen proukrainischen Kurs gewechselt hätte. Trump leistet dem von Russland angegriffenen Land weiterhin keine Militärhilfe und behandelt den Konflikt wie eine Angelegenheit, die Amerikas Interessen nicht tangiert. Damit kann Putin gut leben.Gestärkte Ukraine, geschwächter Trump: eine neue LageZugleich wirkt das russische Jammern über den angeblichen amerikanischen Wortbruch im Zusammenhang mit «Anchorage» etwas gespielt. Auch in Moskau hat man genug Realitätssinn für die Erkenntnis, dass sich die politische Ausgangslage in diesen zwölf Monaten grundlegend verändert hat. Trump fehlt der Hebel, um die Ukraine zu einem Diktatfrieden zu zwingen. Er ist geschwächt durch den Iran-Krieg und hat mit der Friedenssuche am Golf schon genug am Hals. Zugleich steht die Ukraine militärisch besser da als noch vor einem Jahr. Dies stärkt ihr Selbstvertrauen. Die Idee, im Tausch gegen vage westliche Sicherheitsgarantien auf die noch unbesetzten Teile des Donbass zu verzichten, ist in der ukrainischen Bevölkerung heute noch unpopulärer als früher.Selenski brachte in den letzten Wochen andere Vorschläge ins Spiel – darunter einen bedingungslosen Waffenstillstand, ein Moratorium für Luftangriffe und neuerdings ein Ende von Angriffen auf zivile Schiffe und Häfen am Schwarzen Meer. Russland hat sie allesamt zurückgewiesen. In nächster Zeit soll der amerikanische Unterhändler Witkoff in Kiew eintreffen, zu seinem ersten Besuch überhaupt. Auch dies spiegelt den Wandel seit «Anchorage»: Insgesamt sieben Mal reiste Witkoff zu Putin nach Russland, hingegen kein einziges Mal in die Ukraine. Nun scheint bei dem Vermittler die Einsicht gereift zu sein, dass man für einen gerechten Frieden vielleicht auch die schwächere Seite anhören sollte.Ein Jahr nach dem russisch-amerikanischen Gipfeltreffen bleibt auf beiden Seiten das Gefühl einer Desillusionierung. Gleichzeitig spürt der Kreml keinen starken Druck, den Krieg zu beenden.Andrew Harnik / GettyPassend zum Artikel