Rolle rückwärts bei Energie- und Klimapolitik, Aus für Bachelor- und Master-Studiengänge, massive Steuerkürzungen und Vorrang für deutsche Fachkräfte: Die wirtschaftspolitischen Pläne der AfD vor den Landtagswahlen in Ostdeutschland senden aus Sicht von Ökonomen ein fatales Signal an Investoren, Wissenschaft und Arbeitnehmer aus dem Ausland.Experten halten die Ideen zudem für realitätsfern und nicht finanzierbar. AFP nimmt zentrale wirtschaftspolitische Forderungen aus den AfD-Wahlprogrammen unter die Lupe. Die Ausgangslage: AfD-Alleinregierung möglich Im September werden in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern neue Landtage gewählt, die Berliner bestimmen ein neues Abgeordnetenhaus. Während die AfD in der Hauptstadt keine Aussicht auf eine Regierungsbeteiligung hat, dürfte sie in den beiden ostdeutschen Flächenländern mit Abstand stärkste Kraft werden.Ich weiß nicht, wo diese Deutschen herkommen sollen.IWH-Präsident Reint Gropp über die AfD-Pläne für „deutsche“ FachkräfteIn Sachsen-Anhalt ist sogar eine AfD-Alleinregierung möglich. In dem Bundesland wird die Partei vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ eingestuft. Ihr Wahlprogramm ist besonders völkisch-nationalistisch ausgerichtet. IWH-Präsident: AfD-Pläne nicht finanzierbar Die AfD in Sachsen-Anhalt verspricht umfangreiche neue Sozialleistungen, Steuer-Senkungen und den Verzicht auf neue Schulden. Wie groß der Abstand zwischen bezifferbaren Kosten des Wahlprogramms und seiner bezifferbaren Gegenfinanzierung ist, hat das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) berechnet. Demnach liegt die Finanzlücke bei mindestens 2,2 Milliarden Euro pro Jahr.Bei einem Gesamt-Haushalt von 15 Milliarden Euro seien die AfD-Vorhaben „nicht finanzierbar“, sagt IWH-Präsident Reint Gropp der Nachrichtenagentur AFP. Angesichts der „Riesen-Finanzierungslücke“ seien die Pläne „wirtschaftspolitisch irrelevant“: „Sie werden nicht umgesetzt werden.“ Viele Dinge könne sie auch gar nicht umsetzen „wie eine Abkehr von erneuerbaren Energien oder das Bürgergeld, das ohnehin vom Bund kommt“. Der AfD gehe es vielmehr um Symbolpolitik. Ökonom: AfD-Vorhaben schrecken Fachkräfte ab Als „eigentlich kritischen Punkt“ der AfD-Pläne bezeichnet IWH-Experte Gropp „die irregeleitete völkische Idee, dass sie in Sachsen-Anhalt keine Ausländer haben wollen und dann alles besser wird“. Damit schaffe die Partei eine Atmosphäre, „in der die Leute nicht mehr unterscheiden können zwischen guten Ausländern und sogenannten bösen Flüchtlingen“.Eine solche Atmosphäre hätte „riesige Auswirkungen“ auf die ausländische Bevölkerung allgemein: „Pflegepersonal, Ärzte, im Baugewerbe – viele würden sich überlegen, ob sie nicht lieber woanders arbeiten wollen.“ Alice Weidel und Ulrich Siegmund bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD Sachsen-Anhalt. © imago/Christian Schroedter/imago/Christian Schroedter Die AfD argumentiert, dass ausländische Fachkräfte in Deutschland geborenen Arbeitnehmern die Jobs wegnehmen würden und setzt auf Anreize für „deutsche“ Fachkräfte. In Mecklenburg-Vorpommern sollen Leistungsträger, die das Bundesland verlassen haben, durch „Rückgewinnungsprogramme“ zur Rückkehr ermuntert werden.„Ich weiß nicht, wo diese Deutschen herkommen sollen“, sagt dazu IWH-Präsident Gropp. Vielmehr gebe es „gut ausgebildete Deutsche, die nicht mehr nach Sachsen-Anhalt gehen würden“. Energie-Pläne der AfD „komplett kontraproduktiv“ Sowohl in Sachsen-Anhalt als auch in Mecklenburg-Vorpommern will die AfD die Energiewende zurückdrehen: Stopp des Windkraftausbaus, Solaranlagen allenfalls auf versiegelten Flächen, zurück zur Atomkraft und Festhalten an der Braunkohle-Verstromung – damit handelt die AfD nach Expertenansicht „komplett kontraproduktiv“. Für Investoren ist Sachsen-Anhalt laut IWH-Präsident Gropp neben den „riesigen Flächen“ vor allem wegen des hohen Anteils an erneuerbaren Energien als Standort attraktiv. Beim Wahlkampf der AfD zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt steht auf einem Transparent „Nuclear Power? Yes Please“ © imago/Karina Hessland/IMAGO/Karina Hessland-Wissel Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sind bei erneuerbaren Energien Vorreiter in Deutschland. In Sachsen-Anhalt kommen nach amtlichen Angaben rund 61,5 Prozent des erzeugten Stroms aus diesen Quellen. In Mecklenburg-Vorpommern sind es sogar deutlich mehr als 80 Prozent. Beide Länder liegen damit deutlich über dem Bundes-Schnitt von 53,3 Prozent im ersten Quartal 2026. Ökonom: Aus für Bachelor und Master wäre „katastrophal“ Den europaweiten Bologna-Prozess mit Bachelor- und Master-Studiengängen nennt die AfD Sachsen-Anhalt „wissenschaftspolitischen Irrsinn“, sie will das europaweite Bildungssystem für das Bundesland rückabwickeln. Auch die AfD in Mecklenburg-Vorpommern wendet sich gegen das „verschulte Bologna-System“.„Den Bologna-Prozess abschaffen zu wollen, ist eine der ganz katastrophalen Maßnahmen“, sagt dazu IWH-Präsident Gropp. „Als Student will ich ja, dass mein Abschluss überall anerkannt wird. Mit einem deutschen Diplom ist das schwierig.“ Wissenschaft sei hochgradig international organisiert. „Da kommen wir um den internationalen Markt gar nicht herum.“ Verlierer wären ausgerechnet AfD-Hochburgen Das Paradoxe am derzeitigen Zulauf für die AfD ist, dass ausgerechnet Regionen mit hohem Stimmenanteil für die Partei besonders stark unter einer rechtspopulistischen Regierung leiden würden. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat untersucht, welche Folgen es bundesweit hätte, wenn die AfD ihr Wahlprogramm tatsächlich umsetzen würde – darunter ein Ausstieg aus der EU und dem Euro. Demnach träfe diese Politik insbesondere die Menschen in Sachsen-Anhalt hart.Anfällig wären vor allem Regionen mit einer kleinteiligen Wirtschaft und vielen Beschäftigten mit geringerer Qualifikation – jene Gegenden also, in denen die Rechtspopulisten besonders erfolgreich sind.Durch die von der AfD geforderte Politik würden Menschen in Sachsen-Anhalt „im Durchschnitt jährlich rund 1600 Euro pro Kopf an Einkommen verlieren“, schreibt DIW-Präsident Marcel Fratzscher. „Zudem könnten rund 10.000 Arbeitsplätze verloren gehen.“ (AFP, Tsp)
Mit „katastrophalen Folgen“ für Sachsen-Anhalt: Ökonomen halten AfD-Wirtschaftskurs für realitätsfern und „nicht finanzierbar“
Die Pläne und Vorhaben der AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern hätten dem IWH-Präsidenten zufolge fatale Folgen für die Bevölkerung dort. Eine Übersicht über mögliche Auswirkungen.













