Bei Hitze macht man sich gerne oben herum frei. Frosti Gnarr / Unsplash Während der Hitzewelle zogen in der Stadt immer mehr Männer oben ohne umher. Das sorgte für Diskussionen.Ein Thema, welches bisher nur Feriendestinationen beschäftigte, schwappt nun zu uns, der vergangenen Hitzewelle wegen: Wie viel Nacktheit wollen wir im öffentlichen Raum? Gerade in Städten mit Fluss- oder Seezugang verzichten viele auf zusätzliche Bekleidung zum Bade-Tenue, es wird im Bikini Velo gefahren, mit einem um die Hüften geschlungenen Handtuch eingekauft. Dabei fällt auf: Es sind vor allem Männer, die blankziehen. Erst wird mit nacktem Oberkörper gejoggt, und vielleicht holt man sich noch einen Matcha Latte. Dann fährt man einige Stationen im klimatisierten Tram, um der Sonne zu entgehen.Das Tragen angemessener Kleidung wird erwartetWas im Schwimmbad nicht einmal auffällt, kann in anderem Kontext stören. Auch wenn es gesetzlich in der Schweiz nicht explizit verboten ist, sich oben ohne zu zeigen, egal ob Mann oder Frau, gibt es dennoch Regeln: öffentlich einsehbare und unausgesprochene. Zum einen gibt es Hausordnungen. So schreibt beispielsweise die Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft vor: «Zutritt nur in angemessener Kleidung (keine Badebekleidung) und mit Schuhen.» Auch in Gyms gibt es meist klare Regeln. Die Hausordnung in Fitnessstudios bestimmt auch Kleiderregeln. Mariah Krafft / Unsplash Neben Gesetzen und Hausordnungen existieren aber auch ungeschriebene Regeln. Und der gesellschaftliche Konsens hierzulande ist: Man hat etwas an, unten herum sowieso, aber auch oben. On- und offline wird über die halbnackten Herren im urbanen Raum debattiert. Haut ist etwas Intimes. Optisch, aber auch haptisch. Viele Menschen stören sich daran, wenn nackte Rücken sie im Tram oder in einem Aufzug streifen. Vor allem, wenn noch Schweiss im Spiel ist. Dieser wird sowieso oft als Hauptgrund genannt, warum «oben ohne» nicht in Ordnung sei, sowohl im öffentlichen Raum als auch im Fitnessstudio.Archaische Körperlichkeit oder Business-Tenue?Dazu kommt berechtigte Kritik an diesem «male privilege»: Selbst über das Stillen in der Öffentlichkeit wird nach wie vor diskutiert, und Männer laufen halbnackt herum, geht es noch, so der Tenor. Und ja: Der nackte Oberkörper hat ganz klar mit dem Wandel männlicher Statussymbole zu tun. Historisch betrachtet, war die moderne westliche Männermode über ein Jahrhundert lang ein Projekt der Diskretion.Der Anzug, wie er im 19. Jahrhundert entstand, verhüllte den Körper und sollte den Fokus auf den Charakter, den Intellekt und die soziale Stellung seines Trägers lenken. Körperlichkeiten wurden mit dieser Business-Uniform bewusst neutralisiert. Anzug statt Körperlichkeiten: Männer beim Kartenspiel, undatiert. Getty Images Der öffentliche Raum ist keine persönliche KomfortzoneHeute erleben wir eine Umkehrung dieses Prinzips. In einer von Selbstoptimierung geprägten Kultur wird der Körper selbst wieder zum Kapital. Der durchtrainierte Oberkörper ist das sichtbare Ergebnis von Disziplin, Zeit und Aufwand. Ihn zu zeigen, ist eine neue Form der Zurschaustellung von Status und in seiner rohen Körperlichkeit zugleich zutiefst archaisch. Bewies schon 2009, dass er kein Schreibtischhengst ist: Putin zu Pferd in den Sommerferien. Getty Images Der Mann, der seinen nackten Oberkörper vom Joggingpfad ins klimatisierte Tram mitnimmt, übertritt jedoch eine Grenze: Er behandelt den zivilen, gemeinschaftlichen Raum wie eine Erweiterung des Fitnessstudios. Er vergisst oder ignoriert bewusst, dass der öffentliche Raum ein Ort der sozialen Übereinkunft ist, nicht der körperlichen Selbstdarstellung und auch keine persönliche Komfortzone. Das Tram ist nicht der Obere Letten.Natürlich werden die langen, heissen Sommer unser Verständnis von Kleiderregeln verändern. An 40-Grad-Celsius-Tagen trägt man, was gerade noch geht, um durch den Tag zu kommen, und schert sich weniger um soziale Normen. Die vielen Diskussionen on- und offline zeigen aber: So schnell vollzieht sich ein solcher Wandel dann doch nicht. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.