Wer im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Talkshow leitet, verdient einen Haufen Geld, schon klar. Der Job erfordert aber auch ein extremes Maß an Frustrationstoleranz. Das musste am Dienstagabend Markus Lanz erfahren. Er hatte sich einen sehr unangenehmen Gast ins Studio geholt, Thorsten Frei, den neuen Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.Der Schwabe ist ein ebenso versöhnlicher wie sachkundiger Gesprächspartner. Er formuliert präzise und flippt nicht aus. Gerät er unter Druck, sagt er gern den Satz: „Wenn ich vielleicht noch ein Sachargument anbringen dürfte …“ Das Sachargument ist der schlimmste Feind des Talkshowgastgebers, der Emotionales, Überraschendes, Spannendes, Sensationelles aus dem Gast herausholen will.Hören Sie endlich auf mit Ihren verdammten Sachargumenten, schien die Miene von Markus Lanz irgendwann zu sagen. Es dauerte bis zum Ende der Sendung, ehe er Thorsten Frei dann doch am Haken hatte. Aber der Reihe nach.Erstmal geht es um den Urlaub des KanzlersPartout will Lanz zu Beginn darauf herumreiten, Friedrich Merz habe zu ausgiebig Sommerurlaub gemacht. Nicht nur Frei widerspricht, sondern auch die anderen beiden Gäste. Merz dürfe natürlich Urlaub machen, sagt der Journalist Michael Bröcker, und die Juristin Frauke Brosius-Gersdorf assistiert: „Ich gönne dem Kanzler seinen Urlaub.“Nächster Versuch, die Rentendebatte. Gefeiert als Jahrhundertprojekt, wird sie ausgerechnet von drei Ost-Ministerpräsidenten der CDU torpediert. Sie wollen die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren retten. Ob er geschockt davon sei, fragt Lanz. Überrascht, erwidert Frei. Irritiert? Ein bisschen, gesteht Frei. Aber das sei doch das gleiche wie geschockt, sagt Lanz, weiß aber selbst, dass das Unsinn ist. Er setzt nach. Verstört? Nein! Genervt? Nein! Supersauer? Frei sagt noch mal nein und fährt fort: „Wenn ich vielleicht noch ein Sachargument …“Fast schon verzweifelt wirkt der Versuch von Lanz, Thorsten Frei zu dem Geständnis zu bewegen, in der Union gebe es angesichts der katastrophalen Umfragewerte für CDU und CSU Pläne für eine Ablösung des Bundeskanzlers. Den Teufel wird er tun, zwei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Er kenne „niemanden Ernstzunehmenden“, der so etwas tut, sagt Frei. Das sei kein Dementi, sagt Lanz. Aber das ist natürlich Haarspalterei.Brosius-Gersdorf nutzt Moment zur AbrechnungLanz springt zum Kommunikationsstil des Kanzlers. Bei seinem Auftritt im Waldbrandgebiet Hürtgenwald konnte man den Eindruck gewinnen, Merz bezeichne seine Kritiker als arbeitsscheu. Man solle nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen – sagt nun nicht Thorsten Frei, sondern Frauke Brosius-Gersdorf. Das kommt dann doch überraschend. Schließlich hat die Unionsfraktion – damals unter Jens Spahn – ihre Wahl zur Bundesverfassungsrichterin mit übler Polemik verhindert.Thorsten Frei ringt sich wortreich zu einer Art Entschuldigung („nicht okay“, „übel mitgespielt“) durch, aber die Juristin nutzt diesen Moment zur Abrechnung. CDU und CSU hätten dem Verfassungsgericht als Institution geschadet und ihre Position zur Abtreibung juristisch fragwürdig – unter Berufung auf das „Naturrecht“ - angegriffen. Diese Naturrechtsdebatte ist etwas für Experten, aber die Juristin fasst sie in dem schönen Satz zusammen: Die Kritik der Union an ihr sei so lächerlich gewesen, als werfe man einem Schachspieler vor, er habe keine Würfel mitgebracht.Stoff für viele interessante TalkshowsWäre man boshaft, könnte man sagen: Lanz hat das Gespräch mit Thorsten Frei bis dahin geführt, als trete er mit Würfeln gegen einen Schachspieler an. Aber boshaft will man so kurz vor Mitternacht nicht sein. Außerdem ist Markus Lanz ein Profi, der nicht aufgibt, und am Ende bringt er Thorsten Frei doch noch an den Schmerzpunkt, assistiert von den beiden anderen Gästen. Die Frage: Wird sich in Sachsen-Anhalt CDU-Mann Sven Schulze von den Linken wieder zum Ministerpräsidenten wählen lassen, um eine AfD-Regierung zu verhindern – obwohl doch die CDU eine Zusammenarbeit mit der Linken kategorisch ausschließt?Dieses Thema helfe niemandem weiter, sagt Frei. „Mir würde das heute Abend sehr helfen“, erwidert Markus Lanz mit entwaffnender Ehrlichkeit. Thorsten Frei verliert sich dann derart in Umdeutungen des Wortes „Zusammenarbeit“, dass man nur zu dem Schluss kommen kann: Ja, der CDU-Mann wird den Schulterschluss mit der Linken suchen. Und das wird dann Stoff für viele interessante Talkshows über den Richtungsstreit in der CDU geben.
Markus Lanz tut sich lange Zeit schwer im Talk mit Thorsten Frei
Markus Lanz diskutiert mit Thorsten Frei über Kanzler Merz, Rentenpolitik und die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.









