«Die Leute hielten uns für reich, und ich liess sie in diesem Glauben»: der Paléo-Gründer und langjährige Stadtpräsident von Nyon über sein ErfolgsrezeptDaniel Rossellat verlässt nach achtzehn Jahren die Politik. Trotzdem sprüht er weiter vor Ideen: Dank ihm gibt es bald erstmals eine Schweizer Kulturhauptstadt.25.08.2026, 05.29 Uhr7 LeseminutenIn der Romandie ist er bekannt wie ein bunter Hund, in der Deutschschweiz nicht: Daniel Rossellat will den kulturellen Röstigraben zuschütten.Salvatore Di Nolfi / KeystoneHerr Rossellat, jedes Dorf in der Schweiz scheint nunmehr sein eigenes Sommerfestival zu haben. Gibt es zu viele Festivals im Land?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Antwort: Wir dürften in der Tat den Weltrekord pro Quadratkilometer halten. Mit dem Paléo-Festival hatten wir das Glück, dass wir beim Start im Jahr 1976 zu den Ersten gehörten. Damals gab es im Musikbereich praktisch nur Montreux.Frage: Sehen Sie bei bestimmten Musikgenres ein Überangebot?Antwort: Solange das Publikum die grosse Auswahl annimmt, ist es kein Überangebot. Es ist toll, dass die Menschen für Kultur nicht weit reisen müssen.Frage: Sind die vielen Festivals ein Ausdruck der wohlhabenden Freizeitgesellschaft?Antwort: In allen Ländern gibt es das Bedürfnis nach Freizeit, Gemeinschaft und Festen. Der Unterschied liegt darin, wie viel die Menschen dafür ausgeben. In Brasilien etwa kosten viele Festivals fast nichts. Die Menschen bringen einen Liter Cachaça mit und etwas zu essen, und teilen es.Frage: Was macht ein erfolgreiches Festival aus?Antwort: Man muss sein Publikum respektieren, sich immer wieder fragen: Wäre ich mit dieser Leistung zufrieden? Ist der Ticketpreis fair und angemessen für das Gebotene?Frage: Das Paléo begeht nächstes Jahr seine 50. Ausgabe, es wurde als bestes europäisches Festival seiner Grösse ausgezeichnet. Wie haben Sie das geschafft?Antwort: Das Geheimnis des Erfolgs liegt auch darin, dass ich keinerlei musikalisches Talent habe. Also luden meine Mitstreiter und ich unsere Lieblingsbands nach Nyon ein und hofften, dass genügend andere Menschen sie auch mögen würden. Wir taten das bewusst in Nyon, das ja zwischen Lausanne und Genf liegt, um die regionale Identität zu stärken. Wir hofften auch, unseren eigenen Beruf als Festivalveranstalter zu erfinden, den es damals noch nicht gab.Frage: Wie kamen Sie durch schlechtere Jahre?Antwort: Wir haben nie Schwäche gezeigt. Auch nicht, als wir Geldprobleme hatten. Die Leute hielten uns für reich, und ich liess sie in diesem Glauben. Wer reich wirkt, dem vertraut man.Frage: Bis zum Sommer waren Sie Stadtpräsident von Nyon. Warum stiegen Sie einst in die Politik ein?Antwort: Als 2007 der damalige Stadtpräsident wegen einer Affäre zurücktreten musste, sagten Leute zu mir: «Wir brauchen jemanden wie dich. Du gehörst keiner Partei an, und du bist Unternehmer.» Ich bat fünfzehn oder zwanzig Leute um Rat.Was sagten diese Leute?Antwort: Ein ehemaliger Genfer Stadtpräsident antwortete sinngemäss: «Politik ist nicht besonders kompliziert: Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Und oft gewinnt derjenige, der am wenigsten schlecht ist.»«Ich sagte mir: Lieber bin ich der Erste in der Kleinstadt Nyon als der Vierte oder Fünfte in Lausanne.»Frage: Das waren Sie.Antwort: Manche hatten mir geraten, ich solle für die Stadtregierung kandidieren, aber auf keinen Fall sagen, dass ich Präsident werden wolle. Aber ich wollte nicht lügen. Ich wollte die Führung übernehmen.Frage: Die zweite Geige ist nichts für Sie?Antwort: Im Jahr 2011 hätte ich sehr gute Chancen auf einen Sitz in der Waadtländer Kantonsregierung gehabt. Aber ich sagte mir: Lieber bin ich der Erste in der Kleinstadt Nyon als der Vierte oder Fünfte in Lausanne.Frage: Nyon ist während Ihrer Amtszeit stark gewachsen.Antwort: Die demografische und wirtschaftliche Entwicklung der Stadt war ein wichtiges Thema. Ich nannte meine Liste deshalb «Développement raisonnable», also «vernünftige Entwicklung». DR, das sind auch meine Initialen.Sie regierten mit der SP und den Grünen. Kritiker warfen Ihnen vor, «décroissance» zu wollen, also eine schrumpfende Wirtschaft.Antwort: Ich wollte kein schrumpfendes, sondern ein kontrolliertes Wachstum. Das war nicht einfach, denn viele Baubewilligungen und Quartierpläne waren bereits erstellt.Frage: Was kann ein Stadtpräsident trotzdem gegen Wildwuchs tun?Antwort: Man kann die Entwicklung von Gegenden bremsen, für die noch ein Quartierplan erforderlich ist. Wenn eine Planung in der Verantwortung der Stadt liegt, kann man den Zeitplan ein Stück weit steuern. Eigentümer kann man natürlich nicht daran hindern, ihre Baurechte zu nutzen. Aber man kann sie um Geduld bitten.Frage: Damit kamen Sie durch?Antwort: Ja. Manchen Projektentwicklern sagte ich: «Ihr Projekt bedeutet 1000 neue Einwohner, ergo etwa 120 Schulkinder. Das entspricht sechs Schulklassen. Diese Räume haben wir nicht. Sie müssen warten, bis wir Schulen gebaut haben.»Sein Lebenswerk: Daniel Rossellat hat mit Freunden das Paléo-Festival gegründet, das mit jährlich einer Viertelmillion Zuschauer zum grössten Festival der Schweiz wurde.Valentin Flauraud / KeystoneFrage: Nyon hat viel investiert in Ihrer Amtszeit, sich aber auch hoch verschuldet. War das wirklich nötig?Antwort: Wir mussten das Bevölkerungswachstum begleiten. Zur Finanzierung der Investitionen wollten wir die Steuern erhöhen, aber das wurde 2019 vom Volk klar abgelehnt. Danach war der Tenor an Bürgerforen: Die Leistungen dürfen nicht gekürzt werden, Investitionen sind nötig, aber die Steuern dürfen nicht steigen. Also blieb nur eine Lösung: Schulden.Frage: Seit 2008 haben sich die Schulden Nyons mehr als verdoppelt, auf heute rund 370 Millionen Franken.Antwort: Zugleich haben wir weiterhin rund die Hälfte der Investitionen selbst finanziert. Für ein privates Unternehmen wäre das bemerkenswert. Um bei dem Vergleich zu bleiben: Mir ist eine Hypotheken-belastete Fabrik in perfektem Zustand lieber als eine schuldenfreie, aber veraltete Produktionsstätte. Ein Unternehmer darf keine Angst haben vor Schulden – vorausgesetzt, er hat das Geld klug investiert.Frage: Was haben Sie in der Politik gelernt?Antwort: Bei einer Niederlage bringt es nichts, einfach zu sagen, alle anderen seien böse. Man muss analysieren: Warum sind wir gescheitert? Sollten wir es mit einem leicht veränderten Projekt erneut versuchen? Oder waren wir auf dem falschen Weg? Überhaupt darf man keine Angst vor dem Scheitern haben. Wer weniger Angst hat, geht mehr Risiken ein. Und wer Risiken eingeht, gewinnt häufig.Frage: Die Waadtländer Regierung steckt wegen der Affäre um Valérie Dittli in der Krise. In Nyon erlebten Sie Ähnliches. Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?Antwort: Unsere Institutionen sind auf solche Situationen nicht vorbereitet. Wenn ein Mitglied einer kantonalen oder kommunalen Exekutive – vorsichtig formuliert – massive Schwierigkeiten hat, mit seinen Kollegen zusammenzuarbeiten, dann fehlen uns die geeigneten Instrumente. Wird das Problem zu einer endlosen, auch medialen Geschichte, können die Behörden kaum reagieren.Frage: Warum?Antwort: Eine Regierung ist an das Amtsgeheimnis gebunden. Sie kann sich nicht gegen die Kommunikation eines Einzelnen verteidigen, der sich nicht an institutionelle Regeln hält. In Nyon wusste ich während des Konflikts mit unserer Kollegin alles und durfte nichts sagen. Andere wussten nichts und behaupteten alles.Frage: Sowohl in Nyon als nun auch im Fall Dittli ermittelt(e) die Staatsanwaltschaft.Antwort: Das macht es noch schwieriger. Denn man kann als Amtsträger nicht auf allen Ebenen zugleich gewinnen. Wer institutionell und juristisch sauber handelt, verliert beinahe zwangsläufig die Kommunikationsschlacht. Wer dagegen die Kommunikationsschlacht um jeden Preis gewinnen will, riskiert juristische oder politische Fehler.«Die Schweiz braucht Veranstaltungen, die den eidgenössischen Dialog fördern. Wir brauchen eine bessere Kenntnis der jeweils anderen Landesteile.»Frage: Nach achtzehn Jahren als Stadtpräsident sind Sie kürzlich abgetreten. Wann ist der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören?Antwort: Man sollte den Tisch verlassen, solange man noch etwas Hunger hat. Sonst droht eine Magenverstimmung. Ich war noch sehr motiviert und hätte problemlos weitermachen können. Aber irgendwann ist es auch eine Frage der Weisheit, abzutreten. Ein Stadtpräsident wird mit der Zeit naturgemäss unbeliebter: Er unterschreibt die unangenehmen Briefe und muss kontroverse Entscheide vertreten.Frage: Sie sprudeln weiter vor Ideen. Sie haben das Konzept Kulturhauptstadt Schweiz lanciert, angelehnt an das EU-Pendant. Der erste Standort wird ab Januar La Chaux-de-Fonds. Braucht das Land wirklich noch mehr Kulturanlässe?Antwort: Die Schweiz braucht Veranstaltungen, die den eidgenössischen Dialog fördern. Wir brauchen eine bessere Kenntnis der jeweils anderen Landesteile. Es gibt kaum Künstler, die in allen Regionen der Schweiz bekannt sind. Stephan Eicher, Emil oder Mummenschanz sind die Ausnahmen.Frage: Ans Paléo kommen auch viele Deutschschweizer.Antwort: In der Schweiz verbinden uns die Hits aus dem angelsächsischen Raum, in der Musik und auch bei den Büchern. Aber es gibt kein gemeinsames Kulturprojekt für die Schweiz.Frage: Was wollen Sie konkret dagegen tun?Antwort: Wir leben nicht in einem Land, in dem man plötzlich 500 Millionen Franken bekommt und etwas Verrücktes auf die Beine stellt. Die Schweiz bewegt sich langsam vorwärts, macht aber immerhin nur selten Rückschritte. Ich gehe deshalb so vor, wie ich es mit dem Paléo gelernt habe: klein anfangen, verbessern, erst dann wachsen.Frage: Sie waren Event-Direktor der Expo 02. Das Programm in La Chaux-de-Fonds wird ein Jahr dauern. Wird es eher ein sehr langes Paléo oder eine kleine Landesausstellung?Antwort: Weder noch. Es wird Veranstaltungen an unterschiedlichen Orten geben, etwa auf dem Rollfeld des Flughafens. Viele Kulturformen werden vertreten sein, Musik ist nur ein kleiner Teil davon. Das konkrete Programm werden die Veranstalter im September vorstellen. Im Unterschied zu einer Landesausstellung setzt La Chaux-de-Fonds vor allem auf bestehende Gebäude wie den ehemaligen Schlachthof. Unser Konzept besteht darin, das Erbe und das Potenzial einer Stadt hervorzuheben. Wir sagen den Städten: «Macht euch schön, ihr werdet Gäste empfangen.»Frage: Warum haben Sie La Chaux-de-Fonds mit Ihrem Verein zur ersten Kulturhauptstadt bestimmt?Antwort: La Chaux-de-Fonds schien uns als Prototyp besonders geeignet. Die Stadt hat knapp 40 000 Einwohner, verlor zeitweise Bevölkerung und industrielle Arbeitsplätze und verdient es, besser bekannt zu werden. Ihr Image ist deutlich schlechter als die Realität. Eine Kulturhauptstadt bietet die beinahe einmalige Gelegenheit, das Bild einer Stadt zu stärken, ihre Identität zu festigen und ihre Bekanntheit zu erhöhen.Frage: Ähnliches könnte man über Aarau sagen, das Ihr Verein kürzlich nach einer Ausschreibung zur Kulturhauptstadt 2030 gekürt hat.Antwort: Ja. Für viele ist Aarau bloss eine Stadt an der Autobahn, an der man vorbeifährt. Thun, das ein Mitbewerber war, gilt manchen als graue Militärstadt. Dabei sind beide Städte schön und spannend.Frage: Wie haben Sie es geschafft, den Bund von Ihrer Idee zu überzeugen?Antwort: Als ich den damaligen Kulturminister Alain Berset 2013 traf, sagte er, er habe keine gesetzliche Grundlage, um unser Projekt zu unterstützen. Diese wurde dann in einer ersten Kulturbotschaft geschaffen, und in einer zweiten Botschaft bekamen wir einen Förderbeitrag für die Kulturhauptstadt.Frage: Ein Jahrzehnt Arbeit für zwei Millionen Franken vom Bund. . .Antwort: Symbolisch war dieser Betrag sehr wichtig. Aber natürlich reicht er nicht aus.Tausendsassa aus der ProvinzDaniel Rossellat, KulturunternehmerAls Teenager begann Daniel Rossellat in den 1970er Jahren, Konzerte in Nyon zu organisieren. Daraus entstand das Paléo-Festival, dessen Organisationskomitee er noch bis zur 50. Ausgabe kommendes Jahr leitet. Auch als Stadtpräsident und Vorsitzender mehrerer Stiftungen hat Rossellat seine Heimatstadt geprägt. Er amtete zudem als Event-Direktor der Landesausstellung 2002, deren Geist sein neues Konzept der Schweizer Kulturhauptstadt inspiriert. Rossellat spielt auch mit 73 Jahren noch Tennis und verbringt gerne Zeit in Québec.Passend zum Artikel