Sie startet als Nobody, der nicht im Rampenlicht stehen mag – und endet im Weidling mit Roger Federer. Sieben Aspekte, die von Corine Mauch in Erinnerung bleibenNach 17 Jahren gibt die Zürcher SP-Stadtpräsidentin ihr Amt an Raphael Golta ab. Eine Bilanz.27.05.2026, 05.00 Uhr8 LeseminutenCorine Mauch war die erste Frau an der Spitze der Zürcher Stadtregierung. Am Dienstag hat sie ihr Amt an Raphael Golta übergeben.Gaëtan Bally / KeystoneDie Ansprache dauert nur wenige Minuten. Corine Mauch steht am Dienstagabend vor ein paar Dutzend Gästen und den Medien im Kreuzgang zwischen dem Stadthaus und dem Fraumünster. Ein letztes Mal spricht sie als Stadtpräsidentin. Sie freut sich über die Entwicklung der Stadt Zürich, die in ihrer Amtszeit um 70 000 Personen und um 10 000 städtische Wohnungen gewachsen sei. Und sie blickt besorgt in die USA, wo ein «Egomane» Präsident sei.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mauch hat 17 Jahre lang die Geschicke Zürichs diktiert. Sie kam als Politikerin, die kaum einer kannte und die zunächst unbeholfen auftrat. Sie ist die allererste Frau in der Liste von Stadtpräsidenten und Bürgermeistern, die bis ins Spätmittelalter zurückreicht. Mauch stand rasch für Weltoffenheit. In ihrer Zeit entwickelte sich die Stadt zu einer der begehrtesten Metropolen der Welt: top in der Lebensqualität, aber auch top bei den Lebenshaltungskosten.Den wenigsten fiel auf, dass sie zwar die Stadt gut verkaufen konnte – in ihren eigenen Dossiers wie der Kultur aber immer wieder glücklos agierte.Was bleibt von ihr? Ein Blick auf sieben Aspekte, die prägend für Mauchs Ära sind.Stadtrat: als Dompteuse erfolgreichSo etwas kann sich nur die Stadtzürcher SP erlauben. Es ist Herbst 2008, und die Partei muss ihren beliebtesten Politiker, den Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber, ersetzen. Ledergerber ist unvermittelt zurückgetreten. Und was macht die Partei? Sie schickt vier absolute Nobodys ins Rennen.Diese machen beim parteiinternen Ausstich unter Genossen im Volkshaus die Entscheidung unter sich aus. Mauch ist da nur gerade ein halbes Jahr SP-Fraktionschefin. Sie gewinnt. Dass kaum jemand sie kennt, ist egal. Sie ist SP-Kandidatin – das genügt, um die langjährige FDP-Stadträtin Kathrin Martelli im Ausstich zu besiegen.So zufällig, wie sie scheint, ist die Wahl aber nicht. Mauch stammt aus einer politischen Familie. Sie ist die Tochter der ersten Aargauer Nationalrätin Ursula Mauch. Im Stadtparlament hatte Corine Mauch während Jahren den Vorsitz der Rechnungsprüfungskommission inne, die unter ihr mit dem Stadtrat wegen missglückter Bauprojekte hart ins Gericht ging. Auch das Gremium Stadtrat hat sie bald im Griff, inklusive der Alphatiere Daniel Leupi (Grüne) und Filippo Leutenegger (FDP). Während 17 Jahren dringen kaum Indiskretionen nach aussen.Besonders gefordert ist sie, als Leutenegger 2018 nach den Wahlen vom Tiefbau- ins Schuldepartement zwangsversetzt wird. Mit der Zeit kittet sie den Riss, den sie selbst aufgerissen hatte. Mauch und Leutenegger verstehen sich heute dem Vernehmen nach bestens.Eine Stadtpräsidentin, die international auffälltDie Wahl ist historisch. Zum ersten Mal in der Geschichte der Stadt Zürich steht 2009 eine Frau an der Spitze der Stadtregierung – und sie lebt offen lesbisch. Mauch selbst macht kein grosses Aufheben um ihre sexuelle Orientierung. Aber die Community reagiert begeistert. Zürich gelte als «heimliche Homo-Hauptstadt», schreibt etwa Alice Schwarzers feministische Zeitschrift «Emma».Mauch ist in den USA aufgewachsen, spricht fliessend Englisch und spielt Bassgitarre in zwei Rockbands. Das passt zur Stadt Zürich, die sich gerne kosmopolitisch gibt. «24 heures» nennt sie «La Rockeuse de Zurich».Sie fällt auch international auf. In einem Artikel schwärmt die britische «Times», Zürich habe sich dank Mauch von einer «asketischen Hochburg des Protestantismus, die sich ganz dem Geldverdienen verschrieben hat», zu einer hippen Kunst- und Partystadt gemausert.Eine lesbische Stadtpräsidentin, die sich mit einer Federboa um den Hals an der Street Parade zeigt: Ohne grosses Zutun gilt Mauch als cool. Und mit ihr die Stadt.Am 30-Jahre-Jubiläum der Street Parade posiert Corine Mauch mit einer Federboa um den Hals vor der Kamera.Severin Bigler / KeystoneDie Wirtschaftskrise, die nicht kommtMauch übernimmt die Geschicke der Stadt Zürich zu einem denkbar schwierigen Zeitpunkt. Eben erst hat die Wirtschaftskrise ihren Höhepunkt erreicht, in der Schweiz müssen 2008 Bund und Nationalbank die UBS retten. Es wird erwartet, dass auch Zürich finanziell ins Schlingern gerät.Das Gegenteil ist der Fall. Unter Corine Mauch steigen die Steuereinnahmen Jahr für Jahr an. Die Stadt erweist sich als krisenfest. Auch die Pandemie und der Krieg in der Ukraine, vor dem Tausende in die Schweiz und nach Zürich flüchten, können ihr nichts anhaben. Die Sozialdemokraten führen diese Resilienz gerne auf die erfolgreiche linke Politik zurück. Bürgerliche hingegen argumentieren, dass Zürichs Wohlstand auf einem erfolgreichen Wirtschafts- und Bankenplatz beruht.Es gibt aber auch linke Kritik an Mauch: Zürich habe sich ausgerechnet unter einer Sozialdemokratin zur Stadt der Expats und der teuren Mietzinse entwickelt.Auch Unternehmen sind unzufrieden, wie die letzte Firmenumfrage der Stadt zeigte. Fakt ist: Unter Mauch sind nicht nur die Steuereinnahmen, sondern auch die Ausgaben angestiegen, und zwar massiv. Selbst der grüne Finanzminister Daniel Leupi warnt mittlerweile vor einer stark ansteigenden Verschuldung. Eine Besserung ist nicht in Sicht: Die Linken wollen von mehr Ausgabendisziplin nichts wissen.Bei den Herzensprojekten hapert esZürich soll eine Stadt für alle sein: Diesen Leitsatz trägt Mauch durch ihre 17-jährige Amtszeit. Ihr Einsatz für Gleichstellung und Minderheiten kommt in der rot-grünen Stadt gut an und wirkt authentisch. Doch bei tatsächlichen Erfolgen ist ihre Bilanz durchzogen. Ausgerechnet bei zwei ihrer Herzensprojekte, für die sie über all die Jahre gekämpft hat, hapert es.Das kommunale Ausländerstimmrecht, das die Stadt mit einer Behördeninitiative durchsetzen will, fällt 2023 im Kantonsrat durch. Und die Züri City Card, ein Stadtausweis für Sans-Papiers, wird an der Urne zwar hauchdünn angenommen. Wann und ob die Karte eingeführt wird, ist aber offen. Denn die Stadt muss die dafür erforderlichen Rechtsgrundlagen erst einmal schaffen und Datenschutzfragen klären.So muss sich Mauch den Vorwurf gefallen lassen, sie betreibe Symbolpolitik, statt sich um wirklich lösbare Probleme zu kümmern.Mauch hat sich in ihrer Amtszeit starkgemacht für das Ausländerstimmrecht – ohne Erfolg.Karin Hofer / NZZMauchs anderes Gesicht: pedantisch, stur, akademischCorine Mauch verlässt die Bühne als beliebte Politikerin. Aber in einem sehr spezifischen Wählersegment ist sie ziemlich unbeliebt – bei den Quartiervereinen. Ihnen zeigt Mauch ein ganz anders Gesicht: nicht jenes der souveränen Stadtmutter, sondern das der strengen Gouvernante.Mauch betreibt «Stadtbelebung» mit akademischem Ernst. Sie will die Quartiervereine entmachten und «professionelle» Parallelstrukturen aufbauen. Als sie nach 17 Jahren abtritt, haben sich grosse Quartiervereine derart von der Stadt entfremdet, dass sie vollständig auf städtische Unterstützung verzichten.Mauch ist durch und durch Akademikerin. Als sie mit 48 Jahren Stadtpräsidentin wird, schreibt sie immer noch an ihrer Dissertation und arbeitet Teilzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei den Parlamentsdiensten der Bundesversammlung. Ihren Masterabschluss in Politik- und Verwaltungswissenschaften hat sie an der Universität Lausanne gemacht. Thema: Stadtentwicklungspolitik. Darin dürfte ihre Überzeugung wurzeln, es besser zu wissen als ehrenamtliche Bürgerorganisationen wie die Quartiervereine.Der verkopfte Ansatz im Umgang mit der Quartierbevölkerung wird zum Markenzeichen des rot-grünen Stadtrats mit Mauch an der Spitze. Wieder und wieder versucht dieser, die Bevölkerung mit Aktionen von oben zu animieren – zum Spielen auf gesperrten Quartierstrassen zum Beispiel. Typisch dafür sind auch zeitraubende Mitwirkungsverfahren für die Bevölkerung, die viele als Alibiübung empfinden.Letztlich scheitern praktisch all diese Versuche. Der Stadtrat entsorgt sie jeweils nach einiger Zeit sang- und klanglos. Dennoch hält er eisern am Ansatz fest, die Stadtbevölkerung immer wieder aufs Neue von oben zu beüben. Es ist Mauchs Vorbild, das Schule gemacht hat.Kultur: mit viel Geld wenig bewirktIn der Kultur könne man mit wenig Geld viel bewirken: Dieses Mantra wiederholt Mauch im Wahlkampf und betont, wie wichtig es sei, auch kleinen Institutionen Sorge zu tragen. Unter Mauch als oberste Kulturchefin entwickelt sich der Kulturplatz Zürich aber in die exakt andere Richtung: Mit viel Geld hat sie wenig bewirkt.Rund 150 Millionen Franken gibt die Stadt jedes Jahr für Kultursubventionen aus. Doch Mauchs Bestrebungen haben ihr gerade von Kunstschaffenden viel Kritik eingebracht. Mit der neuen Tanz- und Theaterförderung will sie «Kulturgeschichte» schreiben. Das Konzept ist ein Rohrkrepierer, weil kleine Häuser weniger Geld erhalten und die Subventionen der grossen wie dem Schauspielhaus unangetastet bleiben – obwohl sich die Zuschauerzahlen dort miserabel entwickeln.Corine Mauch mit der Co-Präsidentin des Schauspielhaus-Verwaltungsrats Beate Eckhardt und Stadtrat André Odermatt auf der Bühne des «Pfauen».Michael Buholzer / KeystoneEine schlechte Figur macht Mauch auch im Umgang mit der Bührle-Sammlung im Kunsthaus. Erst erklärt sie, die Sammlung sei eine der am besten erforschten. Dann macht sie eine 180-Grad-Wende, kritisiert das Kunsthaus und fordert eine unabhängige Untersuchung. Heute wird die Sammlung eher als wissenschaftliches Projekt denn als kultureller Schatz gesehen. Das Hüst und Hott hat die Bührle-Stiftung derart verärgert, dass sie den Abzug der wertvollen Bilder prüft.Und obwohl der Zürcher Kulturplatz vielfältig und lebendig ist, schafft es Mauch nicht, visionäre Projekte zu entwickeln. Am ehesten wäre hier noch die Manifesta 11 zu nennen, aber die ist zehn Jahre her. Die neue Landesausstellung Nexpo, für die Mauch sich starkmachte und in deren Planung Millionen flossen, lässt weiter auf sich warten.Das Gesicht Zürichs: erst verkrampft, dann strahlendEine Stadträtin muss Zürich verkaufen. Corine Mauch kann das anfangs schlecht. So schlecht, dass sogar der eher linke «Tages-Anzeiger» sie frontal angreift: «Warum wollte sie diesen Job, wenn sie so ungern auftritt?».Grund ist ihr Auftritt in der Manege des Zirkus Conelli zur Eröffnung im Herbst 2009, der derart verkrampft wirkt, dass er zum Stadtgespräch wird. «Zum Fremdschämen», findet es der Werber Frank Baumann. Kaum besser stellt sie sich bei der Feier der damaligen Regierungsratspräsidentin Regine Aeppli oder der Eröffnungsrede des Zurich Film Festival an.Ihre Auftritte sind durchs Band hölzern. Die Kritiker sind sich einig: Mauch kann es nicht. Dann legt sie eine Verwandlung hin, die auch in der Rückschau noch immer erstaunlich ist. Mit der Zeit wirkt sie strahlend, charmant, selbstironisch. Weggefährten sagen später, Mauch habe anfangs schlicht unterschätzt, wie wichtig der öffentliche Auftritt als Stadtpräsidentin ist, und diesen Fehler korrigiert.Sie schafft es, sich neu zu erfinden, und tritt aus dem Schatten ihres Vorgängers und Parteikollegen, des Dauerverkäufers Elmar Ledergerber. Sogar beim Sechseläuten läuft sie jetzt mit, nachdem sie dem Frühlingsfest im ersten Jahr noch ferngeblieben war wegen einer Terminkollision.Mauch fährt im Verlauf der Jahre im Weidling mit Roger Federer. Sie schüttelt Wolodimir Selenski die Hand. Als die Ukraine 2022 von Russland überfallen wird und auf dem Münsterplatz Tausende demonstrieren, findet sie den richtigen Ton. Kurz: Sie wird zum Gesicht Zürichs und macht aus ihrer anfänglichen Schwäche ihre grösste Stärke.Um sich selbst hat sie kaum je ein grosses Aufheben gemacht. Auch an diesem Dienstag nicht, als sie ihr Amt abgibt. Mauch beendet ihre kurze Rede, bedankt sich bei allen Zürcherinnen und Zürchern. Es ist Zeit für die offizielle Schlüsselübergabe an ihren Nachfolger Raphael Golta, auch er ein Mitglied der SP. Dann ruft sie: «Das Buffet ist eröffnet!»Die Ära Mauch ist vorbei – jetzt beginnt ein neues Kapitel.2017 fährt Corine Mauch Weidling mit Roger Federer und Andy Murray. Anlass ist der von Federer initiierte «Match for Africa».KeystonePassend zum Artikel