InterviewSie jagte einst die Parkhausmörderin. Jetzt tritt Silvia Steiner ab. Über die Zürcher Regierung sagt sie: «Wir sind sieben Alphatiere»Nach zwölf Jahren im Amt hat die Bildungsdirektorin genug. Ein Abschiedsgespräch über schlechte Schüler, gute Politik – und die «freche Schnurre» der Magistratin.22.05.2026, 09.00 Uhr9 Leseminuten«Nein, es gibt keine Chancengerechtigkeit», sagt Silvia Steiner, seit elf Jahren oberste Bildungsverantwortliche des Kantons Zürich.Karin Hofer / NZZAn der Wand hinter Silvia Steiners Schreibtisch hängt ein Gemälde. Wilde Formen, bunte Farben, Kringel, die an den spanischen Maler Joan Miró erinnern. Hanspeter Steiner, der Ehemann der Regierungsrätin, hat das Bild einst gemalt. Nach seinem Tod hängte es Steiner in ihr Büro. «Odyssee» steht in griechischen Lettern darauf.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Zürcher Bildungsdirektorin, 68, sitzt davor, mit einem Packen Vorbereitungsunterlagen, wie bei jedem Interview. Und doch sichtlich gelöst. Vielleicht wegen dem, was sie hier verkünden will: Ihre Odyssee durch die Zürcher Politik wird in einem Jahr zu Ende gehen.Frau Steiner, Sie treten 2027 nicht zur Wiederwahl an. Warum?Es war kein einfacher Entscheid, ich mache meinen Job extrem gern. Aber der Zeitpunkt stimmt einfach. Meine Direktion steht gut da, alle wichtigen Projekte sind aufgegleist. Es ist Zeit für eine neue Ära.Sie sind die oberste Bildungsverantwortliche des Kantons Zürich. Welche Note würden Sie sich für Ihre Jahre im Amt geben?Nun, ich habe das meiste ja nicht allein gemacht, sondern mit anderen zusammen. Aber für mich persönlich . . . Ich würde sagen: eine solide 5.Es heisst, Ihnen habe eine Vision gefehlt, gerade bei der Volksschule.Die Zürcher Volksschule braucht keine Vision. Sie ist der einzige Ort, an dem alle Kinder unabhängig von ihrer Herkunft zusammenkommen. Sie soll der Gesellschaft Halt geben. Sie muss langsam sein. Nehmen Sie die Digitalisierung: Dort sind andere Länder vorgeprescht – und müssen jetzt zurückrudern, weil sie es übertrieben haben. Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.Stehen die Zürcher Schulen besser da als bei Ihrem Amtsantritt?Im Minimum stehen sie gleich gut da, vielleicht sogar etwas besser. Auch wenn es durchaus schwierige Momente gab – denken Sie an die Schulschliessungen in der Corona-Pandemie.Schauen wir uns ein paar Zahlen an: Bei den Lesefähigkeiten waren die Zürcher 15-Jährigen bei der letzten Erhebung signifikant unter dem nationalen Schnitt . . .. . . da sind wir bei der neusten, soeben fertiggestellten Erhebung wieder im Normalbereich. Es ist nun einmal so, dass etwa 20 Prozent der Schulkinder die Grundkompetenzen im Lesen nicht voll erfüllen. Das war vor meinem Amtsantritt so, das wird danach so sein – und auch in 30 Jahren noch.Die Quote der Sonderschüler im Kanton kann Ihnen auch nicht gefallen. Sie steigt seit 15 Jahren konstant an. Immer mehr Kinder belasten das System derart, dass sie nur noch mit grosser Unterstützung beschult werden können.Das liegt auch daran, dass gewisse Kinder sonderbeschult werden, obwohl das gar nicht nötig wäre. Dagegen kämpfen wir seit Jahren an. Vor allem stört es mich aber, dass wir bei bildungspolitischen Debatten immer auf eine Minderheit betreuungsintensiver Schüler fixiert sind.Was soll daran problematisch sein? Bei Extremfällen zeigen sich doch genau die Stärken und Schwächen eines Systems.Weil es, wohin Sie auch schauen – Medizin, Strafvollzug, Bildung – immer eine Minderheit von etwa fünf Prozent geben wird, bei denen herkömmliche Lösungen nicht funktionieren. Hochrisikogruppen bringen Sie nicht weg. Nirgends. Es ist absurd, deswegen ein ganzes Schulsystem infrage zu stellen.Die «Reagierungsrätin»sgi. · Wer geht am Ende eines Abstimmungssonntags zu den Siegern des Abends und fragt: «Und, gönder no id Möscht?» Es ist Dr. iur. Silvia Steiner, die einzige Vertreterin der Mitte (früher CVP) in der Zürcher Kantonsregierung. Seit 2015 Bildungsdirektorin, davor Staatsanwältin, Kantonsrätin, Kripo-Chefin.Von links als Bremserin verschrien, von rechts als Verwalterin beargwöhnt, wurde Steiner mit der Zeit zur Meisterin einer bewahrenden Bildungspolitik. Die Schulen vor politisch motivierter Reformitis zu schützen, war ihr oberstes Ziel. Ihre Neigung, eher zu reagieren als zu agieren, galt als ihre grösste Schwäche. Sie war, in einer Zeit zunehmend aktivistischer Politik, aber womöglich auch ihre grösste Stärke.Steiners Regierungszeit war geprägt von Debatten über den Lehrermangel, die Maturareform und das Pflichtenheft von Lehrpersonen. Am meisten Kritik brachte ihr rechts die Verteidigung der integrativen Schule und links das zögerliche Vorgehen im Kita-Bereich ein.Nun tritt Steiner bei den Erneuerungswahlen im April 2027 nicht mehr an. Pläne für die Zeit danach hat die 68-Jährige nach eigenem Bekunden noch keine.Das Zürcher Bildungswesen ist also nicht die Dauerbaustelle, als die es gern dargestellt wird?Es wird Dinge zu tun geben. Aber das eigentliche Problem ist nicht, dass es zu wenige Reformen gibt – sondern zu viele. Es gibt diese seltsame Idee, der ich zunehmend begegne: dass sich mit Gesetzen am Schulalltag irgendetwas ändern liesse. Ein Irrglaube! Die Volksschule ist ein Riesentanker mit 19 000 Lehrpersonen. Mit ihnen muss man sprechen, sie überzeugen – sonst geht nichts.Sie haben den Ruf, sehr stark auf den Lehrerverband und die Bildungsverwaltung zu hören – vielleicht zu stark?Ich höre nicht auf einen Verband, aber ich höre auf die Lehrpersonen im Klassenzimmer. Ich bin wohl die Politikerin im Kanton, die mit Abstand am meisten Schulbesuche macht.Wo liegen, wenn es um Schulen geht, die Grenzen der Politik?Unser System kann nicht garantieren, dass alle Kinder zum gleichen Zeitpunkt die gleichen Leistungen schaffen. Weil eben nicht alle Kinder gleich sind.Vor allem haben sie doch nicht die gleichen Voraussetzungen: an Geld, Bildungshintergrund, Unterstützung von zu Hause.Das ist genau mein Punkt: Dem Bildungswesen ist die gesellschaftliche Entwicklung davongaloppiert. Die meisten Kinder leben nicht mehr in einer Familie, in der das Mami fix zu Hause ist. Sie verbringen einen Grossteil ihres Alltags in Schule und Hort.Bedauern Sie diese Entwicklung etwa? Dass Gleichberechtigung und Emanzipation möglich sind, ist doch ein Fortschritt.Selbstverständlich ist es das. Es muss uns aber gelingen, die Folgen dieser neuen Familienmodelle für die Kinder gut aufzufangen.Das klingt trotzdem recht kulturpessimistisch: Familien sind weniger tragfähig als früher, den Kindern fehlt es an sozialen Fähigkeiten . . .Sie missverstehen mich. Es ist nicht alles schlechter – es ist anders. Das sage ich auch all den Lehrmeistern, Uni-Dozierenden und Unternehmern, die sich ständig bei mir beklagen, dass die jungen Leute heute keinen geraden Satz mehr schreiben könnten. Ich sage ihnen: «Dafür können sie argumentieren, präsentieren, mit Leichtigkeit Videos und Vorträge produzieren.»Blicken wir auf Ihre Jugend zurück. Sie sind in den 1960ern und 1970ern in Zürich-Oerlikon aufgewachsen, einem Arbeiterquartier, als Tochter eines Kleingewerblers. Wie hat Sie Ihre Herkunft geprägt?Ich habe früh gelernt, dass man Verantwortung übernehmen soll, wenn man kann. Und dass man hart arbeiten muss, wenn man etwas erreichen will.Wer hat Ihnen das beigebracht?Meine Eltern. Sie hatten ein kleines Elektronikgeschäft. Ich weiss noch genau, wie wir an Heiligabend bis spät in die Nacht Fernseher ausgeliefert haben, alle zusammen. Weil das unsere Lebensgrundlage war. Als ich aufgewachsen bin, war Geld nicht etwas, was einfach so da war.Die 42-jährige Silvia Steiner im Jahr 2000. Sie ist damals Chefin der Zürcher Kriminalpolizei.Steffen Schmidt / KeystoneSie haben dann Jura studiert, sind erst Polizeioffizierin und dann Staatsanwältin geworden. Haben Sie damals an Gerechtigkeit geglaubt?Mit 20, als Studentin, habe ich da schon dran geglaubt. Ich wollte einen Beitrag für Gerechtigkeit in dieser Welt leisten.Und heute, glauben Sie noch daran?Daran, dass ich einen Beitrag leisten kann, glaube ich noch immer. Aber was die Chancengerechtigkeit angeht, über die in der Bildung alle sprechen. . . Da muss ich unterdessen sagen: Nein, es gibt keine Chancengerechtigkeit. Oder ist es gerecht, wenn ein Kind mit einer Behinderung auf die Welt kommt? Kinder mit unterschiedlichem IQ, mit unterschiedlichem familiärem oder ökonomischem Rückhalt werden nie dieselben Möglichkeiten haben – auch wenn wir sie noch so stützen.Soll man trotzdem für mehr Gerechtigkeit kämpfen?Ja, man soll. Aber man darf als Resultat nicht Gleichheit erwarten.Als Polizeioffizierin haben Sie sich dann auf häusliche Gewalt spezialisiert und später auch Ihre Dissertation zum Thema geschrieben.Ich weiss noch, wie das damals Mitte der 1990er war: Keiner der Männer wollte sich um das Thema kümmern.Warum?Es ging um Gewalt an Frauen. Ich habe von Anfang an gesagt: Wir müssen das auch zum Thema der Männer machen. Sie stellen die Mehrheit im Polizeikorps – nur wenn sie merken, dass es hier auch um sie geht, werden wir das Problem effektiv bekämpfen können. Der Begriff «häusliche Gewalt», den ich damals in Zürich eingeführt habe, war dafür zentral. Er war neutral – auch Männer konnten Opfer sein.1999 haben Sie eine Kampagne gestartet, um Polizeikorps im ganzen Land im Umgang mit dem Phänomen zu schulen.Unser Leitspruch war: Ermitteln statt vermitteln. Wenn ein Polizist wegen häuslicher Gewalt ausrückt, soll er das nicht mit der Idee tun: Ich vermittle hier zwischen zwei gleichwertigen Partnern. Sondern: Ich ermittle einen Sachverhalt – inklusive möglicher Delikte. So, wie das die Aufgabe der Polizei ist.Was war der Fall Ihres Lebens?Das war der Fall der Parkhausmörderin Caroline H. Sie hat in einem Parkhaus eine Frau umgebracht, dann im Chinagarten am Seeufer fast noch eine zweite. Ich bin damals direkt zum Tatort ausgerückt, als Chefin der Kriminalpolizei. Als sie die Tat gestand, habe ich den ermittelnden Polizisten gecoacht. Das hat mich geprägt.Standen Sie sich jemals selbst im Weg?Ich habe eine extrem freche «Schnurre». Ich habe mir immer die Freiheit genommen, meine Meinung zu sagen. Das ist im Lauf meiner Karriere nicht bei allen gut angekommen. Aber am Ende, denke ich, hat es sich immer gelohnt.Wollten Sie später im Zürcher Regierungsrat eigentlich nie Sicherheits- oder Justizdirektorin werden?Nein. Wenn Sie Verbrecher verfolgen, haben Sie immer nur mit dem kleinen Teil der Bevölkerung zu tun, der sich nicht an Regeln hält. Als Bildungsdirektorin bin ich zuständig für alle – da lässt sich viel mehr bewegen.Mit Ihrem Abschied verliert die Regierung nächstes Jahr mindestens vier Mitglieder. Geht da nicht zu viel Erfahrung aufs Mal verloren?Die Wichtigkeit von uns Regierungsrätinnen und Regierungsräten wird massiv überschätzt. Wir haben eine gute Verwaltung, voll erfahrener Leute. Es gibt keinen Grund zur Sorge.Wie steht es um die Zusammenarbeit in der aktuellen Regierung? Stimmt der Eindruck, dass hier eine Gruppe Einzelkämpfer tätig ist, die sich bestenfalls mit kühler Distanz begegnen – und schlimmstenfalls gegenseitig bekämpfen?Das mag von aussen so scheinen, weil wir stets alleine für unsere Vorlagen einstehen. Nach innen aber sind wir ein Gremium, das Themen intensiv und kontrovers diskutiert – und dann als Team dahintersteht.In einem Team vertraut man sich gegenseitig – man kann sich zum Beispiel darauf verlassen, dass Wort gehalten wird und Vertrauliches vertraulich bleibt. Ist das in der Zürcher Regierung so?Dass jemand sich nicht daran hält, hat es auch schon gegeben. Es ist aber die Ausnahme. Und wenn, dann wissen Sie ja: Ich habe ein gutes Gedächtnis.Läuft manchmal zu viel im Verborgenen ab? Wäre es besser, wenn eine Regierung Diskussionen öffentlich austragen würde?Nein. Wir können uns nur dann an den Karren fahren – und den Karren so wieder einmitten –, wenn wir wissen: Es ist nicht öffentlich. Wir haben sehr intensive Auseinandersetzungen. Aber die braucht es, um gute Lösungen zu finden. Wir sind sieben Alphatiere – wären wir stattdessen sieben angepasste Nette, dann wären die Resultate nicht halb so gut.Sie ist immer akribisch vorbereitet und hat nach eigenem Bekunden eine «freche Schnurre»: Regierungsrätin Steiner mit Stift, Glas und Papier.Karin Hofer / NZZDie Zürcher Regierung – eine Gruppe von Alphatieren?Ich führe hier einen Betrieb mit mehreren tausend Mitarbeitenden. Und meine Kollegen tun das auch. Wir müssen Alphatiere sein.Diverse Parteien suchen momentan nach Kandidierenden für den Regierungsrat. Was muss man über diesen Posten wissen, bevor man sich dafür bewirbt?Es ist ein super Job. Man muss einfach wissen, was man dafür opfert: extrem viel Freizeit, Zeit mit Freunden und Familie. Jeder Abend ist belegt. Ich kann, wenn es hoch kommt, jeweils den Sonntag retten.Thema Frauen in der Politik: Sehen Sie sich hier als Vorbild?Heute, in der Zürcher Regierung, ist das nicht mehr so nötig. Davor habe ich an diversen Orten gearbeitet, an denen ich eine absolute, absolute Minderheit war. Wo ich zu mir selbst sagte: Dass du die einzige Frau bist, hat genau einen Vorteil – dass du nie an einem WC anstehen musst. Aber sonst wirklich gar keinen. Eine ausgewogene Geschlechterverteilung ist mir seither sehr wichtig. Es gibt einfach bessere Resultate, wenn Leute mit unterschiedlichen Perspektiven an einer Entscheidung beteiligt sind.Wie steht es um das Geschlechterverhältnis in den Kaderpositionen Ihrer Direktion?Als ich kam, waren 80 Prozent von Männern besetzt. Jetzt ist das Verhältnis in etwa 50:50.Ihre Partei erreichte bei den letzten Wahlen nur 6 Prozent der Stimmen. Sind Sie die letzte Regierungsrätin der Mitte?Nein. Wir werden ganz sicher eine sehr gute Kandidatur aufstellen und weiterhin in der Regierung vertreten sein. Davon bin ich überzeugt.Freuen Sie sich schon darauf, dereinst mit Ihren Enkelkindern für die Gymiprüfung zu lernen?Ich werde sie natürlich unterstützen, ob bei der Lehrstellensuche oder bei der Gymiprüfung. Aber ich bin vielleicht nicht die Richtige, um ihnen irgendwann die Mathe-Aufgaben der Aufnahmeprüfung zu erklären. . . Da gehe ich lieber mit ihnen in die Märchenbühne.Passend zum Artikel