Ein neuer «Rostiger Paragraph» für die Limmatstadt: Zürcher Werbeverbot gewinnt SchmähpreisEin Viertel aller bisher vergebenen Preise für überflüssige Regulierungen ging an Akteure aus der Stadt Zürich. Drei der damaligen Gewinner sitzen heute sogar in der städtischen Regierung.Maria-Rahel Cano29.05.2026, 05.00 Uhr3 Leseminuten«Werbung will uns manipulieren», so begründen die Alternativen ihre Forderung des Verbots. Im Bild ein digitaler Werbe-Screen an der Stockerstrasse.Christian Beutler / KeystoneWer in der Schweizer Politlandschaft durch besonders kreativen Regulierungseifer auffällt, muss sich alljährlich im Mai auf ein ungemütliches Geschenk gefasst machen: den «Rostigen Paragraphen». Der Schmähpreis für das «überflüssigste Gesetz» oder die «unnötigste Regulierung» wurde am Donnerstagabend zum 20. Mal überreicht. Hinter der Auszeichnung steht die wirtschaftsnahe IG Freiheit, die damit ein Zeichen gegen staatliche Überregulierung und Bevormundung setzen will.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Resultat der diesjährigen Online-Abstimmung fällt deutlich aus: Mit satten 57 Prozent aller Stimmen schwingt der Vorstoss des Zürcher AL-Gemeinderats Michael Schmid obenaus. Schmid hatte sich im Stadtparlament vehement für ein weitgehendes Verbot kommerzieller Werbung auf öffentlichem Grund eingesetzt und es knapp durchgebracht.Seiner Meinung nach sollte die klassische Werbung auf Plakaten sowie auf digitalen Bildschirmen in Trams, Bussen und an Bahnhöfen weitgehend verschwinden. Erlaubt bleiben sollten nur Aushänge für lokale Geschäfte, politische Plakate, kulturelle Veranstaltungen und Informationen der Stadt. In der damaligen Ratsdebatte argumentierte Schmid, dass Werbung unser Konsumverhalten beeinflusse und «Überkonsum und Umweltzerstörung» schüre.Damit aber nicht genug. In einem kürzlich eingereichten Vorstoss wirft der AL-Politiker zusammen mit der SP ein weiteres Argument gegen kommerzielle Werbung in den Ring: die Gefährdung der Verkehrssicherheit.Keine «Spassbremse», aber ein «Verbotsturbo»Dass Schmid ein Flair für Verbote hat, bewies er bereits in der Vergangenheit: Zusammen mit anderen Vertretern des linken Lagers brachte er in Zürich ein Verbot von Laubbläsern durch und politisierte gegen Musik im öffentlichen Raum sowie gegen Public Viewings. Das von ihm geforderte Werbeverbot ist aber der erste seiner Vorstösse, der nun gekürt wird.Ein bisschen als Trophäe sieht Schmid die Auszeichnung schon, wie er der NZZ verrät: «Offenbar haben wir mit diesem Anliegen einen Nerv getroffen.» Wenn Kritiker fänden, dass mehr Werbung mehr Freiheit bedeute, spreche das laut Schmid eher für die Arbeit der AL. Wohin er den physischen «Rostigen Paragraphen» hinstellen wird, wisse er noch nicht. «Vielleicht ins Parteibüro?», überlegt er laut.Den Ruf als «Spassbremse», den ihm seine politischen Gegner nachsagen, nimmt er mit einem Lachen hin: «Ich habe sehr viel Spass und mag anderen ihren Spass auch gönnen.» Er habe nur ein Problem, wenn der Spass für kommerzielle Zwecke instrumentalisiert werde und man nicht aufeinander Rücksicht nehme.In der bürgerlichen Opposition hat sich indes seit der hauchdünnen Annahme der Motion im Stadtparlament Widerstand formiert: Ein Komitee um den Verleger Matthias Ackeret sammelte im vergangenen September mit der Petition «Zürich soll leuchten» über 2000 Unterschriften gegen die drohende Werbe-Abstinenz.Die IG Freiheit begründet Schmids Nomination damit, dass ein solches Verbot sowohl für die Stadt als auch für die Zürcher Verkehrsbetriebe erhebliche Einnahmeausfälle zur Folge hätte. Zudem seien viele Fragen zur praktischen Umsetzung völlig ungeklärt.Noch ist das Werbeverbot nicht in Stein gemeisselt: Der Stadtrat lehnt ein generelles Verbot ab, muss nun aber eine Vorlage ausarbeiten, über die das Parlament erneut befinden wird.Ein zweifelhafter Erfolg für die Stadt ZürichMit Schmids «Erfolg» festigt die Limmatstadt ihren Ruf als Hochburg für bürokratischen Erfindergeist. Ein Viertel aller zwanzig jemals verliehenen Schmähpreise ging an Akteure aus der Stadt Zürich. Drei der fünf Preisträger sitzen heute sogar in der städtischen Exekutive: Simone Brander (SP) mit ihrer «Kompost-Polizei», Karin Rykart (Grüne) für einen überbordenden Hundezonenplan und der neu gewählte Stadtrat Balthasar Glättli (Grüne) für seine frühere Idee einer klimabedingten Arbeitszeitreduktion.Gegen den Zürcher Vorstoss hatten die übrigen Nominierten keine Chance. Auf dem zweiten Platz landete die Basler Regierungsrätin Esther Keller (GLP) mit 17 Prozent aller Stimmen. Mittels einer neu geschaffenen Teilzeitstelle für einen «Velo-Animator» wollte ihr Departement kantonale Angestellte dazu motivieren, für den Arbeitsweg vom Auto auf das Velo, den öV oder die eigenen Füsse umzusteigen.Der dritte Rang ging an die landwirtschaftliche Forschungsanstalt des Bundes, Agroscope, für die finanzielle Förderung eines veganen Raclettes auf Sonnenblumenkern-Basis. Ebenfalls geschlagen geben mussten sich Jean-Michel Cina von der Interkantonalen Geldspielaufsicht – nominiert wegen eines jahrelangen Rechtsstreits um Wetten bei den Säulirennen der Olma – sowie der Waadtländer Grossrat Oleg Gafner, der eine Promillegrenze für debattierende Parlamentarier gefordert hatte.Passend zum Artikel
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